Gott, der Motivstanzer und ich

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Kürzlich war ich beim Shoppen in einem nahegelegenen Einkaufszentrum.  Die Kinder hatte ich in der kostenlosen Kinderbetreuung geparkt (mache ich nicht häufig, ist allerding bei meinen Kindern sehr beliebt, weil natürlich auch immer irgendwo ein Fernseher läuft…) und wollte nur eben noch ein paar kleine Bastelsachen besorgen. An der Kasse hatte sich eine lange Schlange gebildet. Vor mir in der Reihe stand eine Familie: Vater, Mutter und die beiden Töchter, die Mädels so um die 10 und 12 Jahre alt, schätze ich.

Während wir da noch so standen und warteten, entdeckte das ältere der beiden Mädchen eine Kleinigkeit, die es noch gerne haben wollte. Wie Kinder das so machen, nahm sie das Teil (in diesem Fall war es so ein Ding, mit dem man Motive aus Papier ausstanzen kann) aus dem Regal heraus, hob es hoch und schaute die Eltern bettelnd an. Die nahmen´s ihrem Kind nicht übel und reagierten mit Humor. Allerdings entschied die Mutter, dass das Teil (Motivstanzer oder wie sowas richtig heißt?) im Laden bleiben sollte. „Aha, Mama ist also Finanzchefin“, dachte ich mir. Es gab  weiter keine Diskussionen  oder schlechte Laune deswegen. Ohne große Umschweife gab das Kind nach und stellte das Teil wieder weg. Als die vier dann an der Reihe waren zu bezahlen, warf der Papa seiner Tochter einen verschmitzten Blick zu. Mit einem breiten Grinsen drehte er sich nochmal um, griff ins Regal und holte den besagten „Motivstanzer“ heraus. „So, das wird jetzt noch gekauft“, verkündete er strahlend und legte das Teil schwungvoll auf den Ladentisch. Die Tochter war begeistert, die Ehefrau machte eine ironische, aber gut gelaunte Bemerkung und wenig später waren alle vier aus dem Laden draußen.

Episode vorbei. Aber in mir arbeitet es noch. Auf sehr positive Weise. Ich bin nämlich berührt von der kleinen, vollkommen alltäglichen Situation, die ich da unbemerkt beobachten durfte.
Was ich daran so besonders finde? Mich berührt die Geste dieses Papas. Entgegen der Vernunft –und Männer sind ja auch gerne mal rational- ,entgegen der Berechnungen, die ergeben haben, dass das Budget für heute ausgeschöpft ist, lässt er sein Herz sprechen. Und sein Herz sagt: Ich möchte meine Tochter beschenken. Ich möchte ihr eine Freude machen. Weil sie mir viel bedeutet, lasse ich meinen Verstand mal außen vor und lasse meine Liebe zu ihr sprechen. Durch diese kleine und doch großzügige Geste, die nicht abwägt, sondern verschwenderisch ist. Hier- für Dich. Von Herzen. Dein Papa.

Herzlich, zugewandt, aufmerksam, mit einem Strahlen in den Augen- die Liebe dieses Familienvaters war sichtbar. Und für mich hat sie etwas widergespiegelt von dem Vaterherz, das Gott für uns hat. Denn auch Seine Augen sehen uns strahlend, liebevoll, aufmerksam an. Und auch Sein Herz ist darauf aus, uns zu beschenken. In allererster Linie mit Seiner Nähe. Aber darüber hinaus mit einem Reichtum, den man nur entdecken kann, wenn man sich mit Ihm auf die Reise macht:

„And how blessed all those in whom you live, whose lives become roads you travel; They wind through lonesome valleys, come upon brooks, discover cool springs and pools brimming with rain!” (Psalm 84, 5.6, The Message).

Kerstin Hack (www.downtoearth.de) schreibt: „Nur die Information zu erhalten, dass Gott uns liebt, nützt unseren Gefühlen nichts und wird kaum etwas nachhaltig verändern. Unser Gehirn braucht Bilder, um sich etwas vorstellen zu können.“

Da ich schon seit langem unterwegs bin, um die Vaterliebe Gottes immer mehr zu erkennen,  war das kleine Erlebnis beim Einkaufen für mich auch eine kleine Offenbarung. Das liegt sicher unter anderem daran, dass ich ein „Geschenketyp“ bin und meine Liebe gerne mit kleineren oder größeren  Aufmerksamkeiten ausdrücke. Wenn das nicht so wäre, hätte die Tatsache, dass ein fremder Mann seiner Tochter einen Motivstanzer kauft, wahrscheinlich nicht so einen großen Eindruck auf mich gemacht. Aber Gott kennt mich ja und weiß, worauf ich „anspringe“. Er hat dafür gesorgt, dass ich zur Zuschauerin wurde und dass er mir dabei freundlich ins Ohr flüstern konnte: „Schau, Barbara, so bin ich auch. So sieht mein Vaterherz aus. Ich will Dir gerne eine Freude machen.“

Ich wünsche Euch auch immer wieder solche Momente, in denen Gott Euch mitten im Alltäglichen und Unscheinbaren berührt und Euch die Augen für etwas öffnet, das nicht von dieser Welt ist (und hey, wenn Er das sogar anhand von Bastelutensilien machen kann, die unaussprechliche Bezeichnungen haben, dann gibt es doch keine limits, oder???).

„Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir Frieden.“ (4. Mose 6, 24-26).

 

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Amazing grace

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Ihr habt ja sicher auch schon von der Idee gehört, sich ein Wort zu überlegen bzw. von Gott zeigen zu lassen, das einen dann in dem jeweiligen Jahr begleiten, inspirieren und ermutigen soll (www.myoneword.org). Viele suchen sich solch ein Wort zum Jahreswechsel (der ja nun nicht mehr so ganz aktuell ist J), aber wahrscheinlich ist Gott so flexibel, dass er uns auch zu anderen Zeiten solche Worte zusprechen kann ;-). Da ich ja ein gemütlicher Mensch bin und die Sachen bei mir manchmal etwas länger als bei anderen dauern (jedenfalls kommt mir das so vor!!!), hat mich mein erstes so gewähltes Wort nun nicht nur ein, sondern fast drei Jahre lang begleitet. Ich habe es auf Englisch ausgesucht, weil wir zu der Zeit noch in Kanada gelebt haben:

accept.

Zu der Zeit, als dieses Wort für mich wichtig wurde, habe ich mich mit Selbstannahme und mit der Frage auseinandergesetzt, wie ich mich mit meinen Stärken, Schwächen und meiner eigenen Lebensgeschichte anfreunden und versöhnen kann. Akzeptieren, wie und wer ich bin. Und wer nicht. Das ist mir nicht immer leicht gefallen. Es gibt auch immer mal wieder Momente, in denen ich mich unwohl in meiner Haut fühle oder in denen sich alte Erfahrungen hinterrücks anschleichen und mich mit negativen Gefühlen überrumpeln wollen. Aber der Grundton meines Seins ist doch ein anderer geworden: accept. Ich nehme mich an. Und noch viel besser: Ich bin angenommen. Da ist jemand, der mich so nimmt wie ich bin. Und mich niemals verlassen wird. Bei Ihm bin ich immer genug. Mehr als genug. Mein letzter post vom Februar hatte die Überschrift: Angenommen. Tatsächlich brauchte auch diese Einsicht lange, bis ich sie akzeptieren konnte: Ich nehme mein Kind und seine besondere Geschichte an. Ich muss nicht mehr versuchen, scheinbar krumme Linien mit Gewalt gerade zu biegen. „Was ist, darf sein“ (danke, Sonja!!)). Und Gott, mein Vater, wird daraus etwas Gutes werden lassen. Für mich. Aber vor allen Dingen für meinen wunderbaren Sohn.

Jetzt spüre ich, dass eine neue Zeit angebrochen ist. In meinen Gedanken und meinem Herzen taucht immer öfters ein neues Wort auf, von dem ich glaube, dass es mich in den nächsten Wochen, Monaten und vielleicht sogar Jahren begleiten wird:

grace. Gnade.

Dieses Wort war mir lange Zeit fremd. Nicht, weil ich es nicht gekannt hätte. Aber ich konnte es nicht mit Leben füllen. Gnade…? Was soll das genau sein? Was bedeutet das schon? Ich bin ja – dem Himmel sei Dank- noch nicht vor einem Richter gestanden und musste also auch noch keine Urteilsverkündung über mich ergehen lassen. Wo kein Urteil ist, ist auch keine Gnade. Oder?

So abstrakt mir dieser schöne Begriff lange Zeit vorkam, um so mehr beginne ich jetzt zu ahnen, wie sehr ich tagtäglich von Gnade lebe.

Dass ich am Leben bin- Gnade. Dass ich so bin, wie Gott mich erschaffen hat- Gnade. Dass ich Talente habe und mich nützlich mache kann- kein Grund für Arroganz, nicht für Eigenlob und nicht für falsche Demut, sondern: Gnade. Dass ich ziemlich gesund und einigermaßen fit bin: Gnade. Dass ich Ehe und Familie leben darf: Gnade. Dass wir ein Zuhause haben und obendrein den Luxus, es uns schön zu machen: Gnade. Dass wir noch an keinem Tag unseres Lebens Hunger leiden mussten: Gnade. Dass ich Freunde habe: Gnade. Dass ich gute Begleiter und Ratgeber in meinem Leben hatte: Gnade. Dass ich heute diesen wunderbaren Sonnentag mit allen Sinnen erleben darf: Gnade. Jemand war mir gnädig. Jemand hat mich mit guten Dingen versorgt und gesegnet, die ohne dieses Zutun so nicht da wären. Und: Jemand spricht ein gnädiges Urteil über mich. Über mein Leben, mein Sein, mein Tun. Über alles, was ich gut mache und über alles, was mißlingt. Über meine guten und meine schlechten Entscheidungen. Über meine heiligen Momente und über die Momente, in denen ich Schuld auf mich lade.

Atmet mein Leben etwas von dieser Gnade???? Hmmm… Wie war das, …

…als meine Tochter den kompletten Inhalt ihres Kleiderschrankes großflächig auf dem Fußboden des Kinderzimmers verteilte (es ist ein großer Kleiderschrank, es sind viele Kleider, und sie waren alle einmal hübsch ordentlich von Muttern gefaltet worden…)…?

…als mein Sohn zum wiederholten Mal seine Hausaufgaben in der Schule vergaß…?

…als meine andere Tochter ihre Wut hemmungslos an den Geschwistern ausließ und ihnen sehr unfreundliche Worte entgegenschleuderte…?

Da war ich nicht gnädig und großherzig. Da hat mein Leben eher Frust und Wut und Gereiztheit versprüht als gnädige Gelassenheit. Nicht gerade das Vorbild, das die Kinder inspiriert, um ihr Verhalten zu ändern, fürchte ich. Aber ein kleiner, noch unscheinbarer Anfang ist gemacht. Ich schmecke den Unterschied. Ich bekomme ein Gespür dafür, wie Gnade sich anfühlt (wird auch langsam Zeit, mit über 40…!). Und merke, dass ein gnadenloses Leben ziemlich düster und freudlos aussieht. Und deshalb passiert es auch hier und da schon mal, dass ich die Kurve bekomme und statt der ärgerlichen, impulsiven Worte, die mir schon auf der Zunge liegen, doch den anderen Abzweig nehme und etwas sage, das irgendwie netter ist als gedacht und in diesem Moment aus einem größeren Herzen als meinem eigenen zu kommen scheint. Manchmal begegnet man älteren Menschen, die im Laufe ihres Lebens gelernt haben, gnädig zu sein. Diese Menschen verströmen für mich etwas absolut Wohltuendes: Man fühlt sich bei ihnen angenommen ( accepted!) und entspannt. Sie spiegeln etwas davon wider, dass wir alle begrenzt sind, aber grenzenlos geliebt. Dass wir uns nicht immer für das Gute entscheiden, aber trotzdem alles wieder gut werden kann. Dass wir uns vieles verdienen können, das Wesentliche aber unverdient zu uns kommt.

 

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Wie sieht das bei Dir aus? Was heißt Gnade für Dich? Wo brauchst Du mehr davon, im Umgang mit Dir selbst und mit anderen? Gibt es Menschen in Deiner Umgebung, die Dir gnädig sind? Oder hast Du Gottes Gnade schon spürbar erlebt?

Ich bin mal gespannt, wo „mein Wort“ mir noch begegnen und mich inspirieren wird.

Dir wünsche ich herzlich eine gnadenvolle Osterzeit!

Barbara

P.S.: Hat jemand von Euch schon mal eine kreative Idee gehabt, so ein Jahres-Wort zu gestalten? Wenn ja, freue ich mich über eine Anregung.

Angenommen…

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Vor zwei Wochen habe ich einen Anruf bekommen. Die Mutter von Jonathans Schulkamerad war am Telefon. Es fing alles ganz harmlos und nett an, mit ein bisschen Small Talk und einem kleinen Kompliment. Dann nahm das Gespräch aber eine sehr überraschende und unschöne Wende: Die Mutter von Paul (Name habe ich geändert) erklärte mir, dass ihr Sohn nicht mehr mit meinem Sohn befreundet sein möchte und dass er deshalb auch die Einladung zu Jonathans Geburtstagsparty nicht annimmt. Bäääng- das hat gesessen. Obwohl ich mir einbilde, dass ich gelernt habe, meine Gefühle einigermaßen in Griff zu haben (jedenfalls nach außen J) traf mich dieser Schlag komplett unvorbereitet und mitten ins Schwarze: Ich konnte absolut nix dagegen machen, dass ich losheulen musste- und zwar richtig. Es dauerte einige Minuten, bis ich wieder vollständig meine Fassung gefunden hatte und das Gespräch beenden konnte. Die Frau am anderen Ende schien etwas irritiert zu sein, was mich aber in diesem Moment überhaupt nicht interessiert hat. Für mich war gerade eine Welt zusammengebrochen, da konnte ich mich unmöglich darum kümmern, was Pauls Mutter von mir dachte.

Diese Mutter hat- ohne es zu wissen- meinen wunden Punkt getroffen, meine größte Sorge und meinen tiefsten Schmerz aufgewühlt. Der hängt damit zusammen, dass mein Sohn das Asperger Syndrom hat.  Die Menschen, die betroffen sind, sind normal oder überdurchschnittlich intelligent, haben aber eine andere Wahrnehmung von der Welt als wir und haben große Schwierigkeiten, sich auf Gefühle und Gedanken anderer Menschen einzulassen. Deswegen wirkt ihre Kommunikation auf andere oft etwas bizarr. Sie sprechen unvermittelt Gedanken aus, die nicht in den Zusammenhang passen, können lange Ausführungen zu einem Thema machen, das sie selbst fasziniert, andere aber unter Umständen langweilt. Und es fällt  Menschen mit Asperger schwer, einen Gespsrächsfaden von anderen aufzunehmen und weiterzuspinnen. Manche Kinder, die dieses Syndrom haben, sind angeblich gerne alleine und vermissen die Gesellschaft anderer nicht besonders (das habe ich zumindest gelesen). Andere sind zwar kontaktfreudig, sind aber dennoch in ihrer Kommunikation gehandicappt.
So wie unser Sohn.
Und gerade hier sitzt der Schmerz: Es tut weh, wenn man dazugehören möchte, aber aus dem Rahmen fällt. Es tut weh, wenn man will und nicht kann. Es tut weh, wenn andere einem die Freundschaft aufkündigen und die Party absagen, weil man zu anders ist für sie. Das war nämlich in etwa so die Begründung, die mir Pauls Mutter für die Absage gegeben hat.

Ich bin Hobbypsychologin genug um zu wissen, was Ablehnung mit der eigenen Seele machen kann. Und ich leide bis in die tiefsten Tiefen mit meinem Kind, so sehr, dass mir in den letzten beiden Wochen eigentlich alles sinn- und hoffnungslos erschien: Putzen und Einkaufen (okay, das finde ich auch so oft sinnlos), Sich-Verabreden und Lernen, Zum-Hauskreis-Gehen und Liedersingen, an Gott glauben, in den Urlaubfahren und sogar Shoppen- nichts konnte mich mit unseren Umständen und der Last versöhnen, die sich im Moment des Telefonats auf mein Herz gelegt hat.

Ich war also mitten im Tal der Tränen. Und wusste auch nicht, wie ich da wieder herauskommen soll. Die Zukunftsprognosen schienen mir alle grau und verregnet (hallo, Himmel über Lübeck, das geht auch raus an Dich!).

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Zum Glück waren und sind wir im Moment dazu gezwungen, uns mit der Auswahl für die weiterführende Schule von Jonathan zu beschäftigen. Ich musste also  doch mitmachen beim Leben und konnte mich nicht in mein Schneckenhaus zurückziehen. Ich musste nachdenken über die Besonderheiten unseres Kindes und wie wir ihnen am besten gerecht werden können. Ich musste Lehrern und Rektoren und Sonderpädagogen etwas von meinem Kind erzählen. Und ich musste auch über Dinge nachdenken wie: Diagnostik, Nachteilsausgleich, Behindertenausweis und Schulbegleitung, alles so Wörter aus einer Szene, in die ich nie hineingehören wollte und die ich nun nicht länger umgehen kann.  Das alles hat etwas mit mir gemacht:
Ich beginne, zu akzeptieren.

Mein Sohn hat Asperger. Mein Sohn ist nicht wie jedes andere Kind. Mein Sohn braucht Unterstützung. Mein Sohn hat eine Behinderung, im wörtlichsten Sinne des Wortes.

Wieso in aller Welt braucht diese Muddi denn so lange, bis sie das kapiert, werdet Ihr Euch fragen. Das weiß ich selbst auch nicht. Manche Symptome sind immer da, andere nur ab und zu. An manchen Tagen sind sie sehr stark ausgeprägt. An anderen fallen sie fast gar nicht auf. Es gibt Situationen, die das autistische Verhalten verstärken. Es gibt Situationen und Umstände, die es abmildern. Es gibt, wie bei jedem von uns, gute und schlechte Tage. Und es gibt die Hoffnung, dass Gott auf den Plan tritt und den ganzen Spuk beendet. Deswegen habe ich mir wahrscheinlich lange die Welt schön geredet und so getan, als ob doch eigentlich alles nur halb so wild wäre. Je jünger die Kinder sind, desto mehr kann man ja auch noch steuern, eingreifen, behüten, abfangen. Bis dann irgendwann ein blöder Telefonanruf kommt und einen wachrüttelt, auf schmerzhafte und unliebsame und unmissverständliche Weise…

Was ausgesehen hat wie das Ende der Welt (und sich auch manchmal noch so anfühlt), bringt doch trotz aller Härte etwas Schönes zum Vorschein: Mein Herz hat sich neu geöffnet für meinen Sohn. Er darf so sein wie er ist. Er muss nicht um jeden Preis normal sein. Er muss sich nicht über Nacht in ein Kommunikationswunder verwandeln (wenn Du das aber gerne machen möchtest, Jesus, dann bitte, nur zu ;.)). Er darf genau so sein und bleiben wie er ist. Er darf gute und schelchte Tage haben. Er darf Dinge sagen, die ich schräg finde. Er darf Fehler machen. Er darf sich benehmen, wie sich ein Junge benimmt, der Asperger hat. Ich habe neu entdeckt, wie unbeschreiblich ich ihn liebe. Während ich das schreibe, kommen mir die Tränen: Ich liebe seine Fantasie und Begeisterungsfähigkeit. Ich liebe seinen Humor und sein unbändiges Lachen, wenn er etwas witzig findet. Ich liebe seine Kreativität und seine Ideen, die sich manchmal überschlagen können. Ich liebe seine Treue und Loyalität, sein großes Herz und seine ungewöhnlichen Liebeserklärungen. Ich liebe es, wenn ich seine ganze Aufmerksamkeit habe und er mir in die Augen schaut. Ich liebe es, wenn er lächelt. Ich liebe ihn so wie er ist.

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Morgens, halb elf, in Deutschland

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Meine stets adrette Nachbarin hat letzten Samstag bei uns geklingelt. Es war halb elf. Ich war noch nicht angezogen, musste aber aufmachen, weil unsere Türe verglast ist und die Nachbarin (eine sehr nette Frau übrigens) mich schon entdeckt hatte. Ich unterdrückte meinen Fluchtreflex und öffnete. Hier kommt die Beschreibung meines Outfits:

Weil ich oft kalte Füße habe, ziehe ich morgens immer gleich Socken an. Schwarze Socken, weil ich andere nicht besitze. Immer wenn ich meine Hausschuhe nicht finde, trage ich stattdessen Flip Flops. Im Moment habe ich rosafarbene aus Plastik, die ich beim Dollarstore auf Vancouver Island gekauft habe (gut, dass der hässliche Aufdruck ziemlich schnell verblasst ist). Schwarze Socken und rosafarbene Plastik-Flip-Flops also.

Meine Mutter hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich regelmäßig mit neuen Schlafanzügen zu versorgen. Ich habe sehr viele Schlafanzüge. Die meisten sind sogar geschmackvoll. Das Exemplar, das ich an jenem Tag anhatte, ist nur leider eines, das beim Waschen eingelaufen ist. Die Hosenbeine sind weit geschnitten, hören aber auf 7/8 –Länge auf. Ein bisschen sehe ich damit aus wie ein Clown… Mein Schlafanzugsoberteil ist nicht ganz so stark eingelaufen wie die Hose und hat lila Streifen.

Weil ich leicht friere, brauche ich morgens auch noch etwas zum Drüberziehen. Dafür habe ich eine modische Anleihe bei meiner leider verstorbenen, von mir sehr geliebten Großmutter gemacht und hülle mich in einen sogenannten „Morgenmantel“. Das ist in meinem Fall nichts anderes als ein Bademantel (meine Oma war eine Frau mit Stil und kam da schon etwas eleganter daher). Ich habe zwei „Morgenmäntel“: Einen schönen mit Spitze und einen billigen, den ich mir mal last minute für einen Kurzurlaub gekauft habe. Letzterer sieht sehr plüschig aus, ist pinkfarben und hat Pailletten.

Ich fasse nochmal zusammen: Schwarze Socken, die in rosafarbenen Plastik-Flip-Flops stecken, ein eingelaufener Schlafanzug in 7/8-Länge (weiß und lila gestreift) und ein plüschiger, pinker Bademantel mit Paillettenaufsatz- so stehe ich um 10.30h an der Haustüre und tue so, als ob das genau das ist, was man halt so um diese Uhrzeit macht. Fehlen eigentlich nur noch die Locken-Wickler (aber bei meinen Naturlocken wäre das nun wirklich ein bisschen albern!). Verglichen mit meinem Outfit sieht Jamie-Lee einfach nur blass und altbacken aus.

Mit einem Gute-Laune-Lächeln versuche ich, meine modischen Faux pas zu kaschieren. Vor mir steht schließlich eine sportlich-elegante Erscheinung in lässigem Freizeitlook und strahlt mehr Dynamik aus, als ich in der ganzen letzten Woche hatte. Ich merke, dass mir das mit dem Kaschieren nur teilweise glückt, denn meine Nachbarin lässt ihren Blick mehrmals von ganz unten (Flip Flops) nach ganz oben (Pailletten) und wieder zurück wandern. Sie ist wirklich eine total nette Frau. Aber sie macht das unbewusst. Ich kann es ihr nicht übelnehmen.  Sie muss es schließlich auch erstmal verarbeiten…

Nach zwei, drei Minuten ist unsere Unterhaltung beendet. Sie macht sich auf zu einem Ausflug ans Meer. Und ich schleiche etwas betreten zu meinem Kleiderschrank. Wenn sie mich nicht so aufgehalten hätte, wäre ich ja schon längst angezogen…

Abends um halb sieben, kurz vor dem Abendessen, haben wir dann nochmal eine Begegnung. Ich komme gerade auf die Terrasse, um meine Kinderschar zum Abendessen zu bitten. Sie winkt mir über den Gartenzaun zu. Ich kann nicht anders und nehme einen lächerlichen Anlauf, um wenigstens ein bisschen meiner verloren gegangenen Würde zurück zu erobern:  „Hallo Ruth!“, rufe ich, und versuche, schwungvoll zu klingen: „ Ich bin jetzt auch angezogen!“

Das Gleichnis vom Weckglas

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Stell Dir vor, Du hast ein leeres Weckglas.

Die meisten von Euch werden jetzt gedanklich damit beginnen, es mit Paket- oder Geschenkband zu verschönern und hübsche Blumen darin einzupflanzen.

Mich erinnert es aber an eine Geschichte, die gerade sehr relevant für mich ist. Ich habe sie auf einer geschäftlichen Weihnachtsfeier in einem Hotel in Toronto gehört- das ist aber nicht so wichtig. Im Internet findet man sie häufig unter der Überschrift „Das Gleichnis vom Gurkenglas“ (ein Weckglas finde ich persönlich etwas stilvoller…:-)) und ich möchte sie Euch mit meinen eigenen Worten nacherzählen:

Stell Dir vor, Du hast ein leeres Weckglas.
Du nimmst jetzt einige große Steine, vielleicht fünf oder sechs, und legst sie übereinander in das Glas. Es ist jetzt bis zum Rand gefüllt. Du fragst Deine Kinder: Ist das Glas voll? Und sie antworten: Ja, klar ist es voll.

Dann holt Ihr von draußen ein paar Kieselsteine und lasst sie vorsichtig in das Glas hineinkullern. Sie passen prima in die Lücken zwischen den großen Steine hinein – das Glas war ja doch noch nicht ganz voll! Wieder schaust Du Deine Kinder an und fragst: Was meint Ihr – ist das Glas jetzt voll? Die Kinder nicken. Sieht doch jeder! Natürlich ist das Glas voll.

Du gehst mit ihnen zur Sandkiste und Ihr schaufelt etwas Sand in das Glas. Die feinen Sandkörnchen rieseln in die Lücken zwischen den Kieselsteinen. Tatsächlich- da ist immer noch genügend Platz! Nochmal wiederholst Du das Ritual und fragst: Und, was meint Ihr? Jetzt ist das Glas aber wirklich voll, oder? Die Kinder sind jetzt schon ein bisschen vorsichtiger mit ihrer Antwort und wägen ab. Dann kommen sie aber doch zu dem Ergebnis: Ja, jetzt isses voll. So richtig.

Mit einem Lächeln auf den Lippen tust Du etwas, das Deine Kinder überrascht. Du gehst in die Küche und nimmst zwei Kaffeetassen aus dem Schrank. Die Kaffeemaschine beginnt zu rattern und zu zischen. Kurz darauf fließt in jede der beiden Tassen ein feiner Strahl der dunklen Flüssigkeit hinein. Du nimmst die Tassen- und schüttest sie zu den großen Steinen, den kleinen Kieselsteinen und dem Sand. Und siehe da: Die Flüssigkeit sickert in all die winzig kleinen Ritzen und Zwischenräume, die sich in Deinem schönen Weckglas noch immer befinden.

So, das wars. Mehr geht jetzt wirklich nicht.
Natürlich seid Ihr alle schlau genug, um das Gleichnis zu entschlüsseln. Aber der Vollständigkeit halber möchte ich es trotzdem gerne mit Euch gemeinsam tun:

Das Weckglas steht für unsere Lebenszeit.
Die großen Steine symbolisieren die wichtigen Dinge in unsrem Leben. Für mich sind das: mein Glaube, meine Familie, meine Ehe, meine persönlichen Freiräume und meine Freunde.
Die Kieselsteine sind die Dinge, die uns auch viel bedeuten, die wir aber nicht an die allererste Stelle setzen. Für mich sind das: der Haushalt, meine Fortbildung, die Dinge, die ich ehrenamtlich tue und gute Bekanntschaften zu netten Menschen.
Der Sand soll all die Tätigkeiten symbolisieren, die so oder so zu unserem ganz alltäglichen Kram dazugehören: Arzttermine, Staubwischen, Überweisungen tätigen, Blumengießen, Rasenmähen, Aufräumen usw.
Was ist mit den Kaffeetassen, wollen die Kinder wissen. Wieso hast Du die noch reingeschüttet? Ja, die Kaffeetassen- die stehen dafür, dass es auch immer Platz gibt für spontane Dinge: für ein kleines Freudenfest, wenn der Mathetest gut gelaufen ist, für einen unangekündigten Besuch oder für eine Tasse Kaffee (!) mit der Nachbarin.

So muttertäglich scheint dieser Beitrag gar nicht daherzukommen. Aber wir Mütter sind oft diejenigen, die versuchen, den ganzen Familienbetrieb zusammenzuhalten, zu managen und die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse unserer Lieben unter einen Hut zu bekommen. Manchmal gelingt uns das gut. Und manchmal gerät dieser komplizierte Balanceakt auch aus dem Gleichgewicht.
Mir als Mutter zeigt das Leben gerade, dass ich meine Prioritäten neu sortieren muss. Wenn ich nämlich erst das ganze Weckglas mit dem Sand vollschütte, dann passen meine großen Steine gar nicht mehr rein…
Und wenn ich zuviel Kieselsteine drin habe, dann läuft mein Glas beim Kaffeetrinken vielleicht doch über…

Wie sieht Euer Lebensglas aus? Ich wünsche Euch, dass es in den nächsten Wochen mit schönen und kostbaren Steinen gefüllt wird. Und dass Ihr es ab und zu aus dem Regal nehmt und prüft, ob alles noch so sein soll, wie es gerade aussieht.

Ich hoffe, Ihr hattet einen glücklichen und sonnigen Muttertag!

Eure Barbara.

PS.: Diesen post widme ich meiner langjährigen Freundin Tine, die mich- ohne es zu wissen- zum Nachdenken über mein Lebensglas gebracht hat.

Übers Wasser

Danke Jesus, dass Du mich
immer wieder
hinausrufst aufs Wasser,
dorthin, wo ich selbst nicht gehen kann,
wo ich kein Land sehe
und ohne Dich verloren bin.

Danke, dass Du mich
zu neuen Ufern ziehst,
dass Du mich aus dem Hafen meiner Sicherheit holst
auf hohe See,
dorthin, wo mir der Wind ins Gesicht weht,
wo die Wellen mir entgegenschlagen
und wo der Horizont ganz groß ist.

Danke, dass genau dort der Ort ist,
an dem Du mich triffst,
der Ort, an dem Du die Leinen löst
und mir Rückenwind gibst.

Danke, dass Du mich aus dem Schatten ins Leben rufst.
Danke, dass Du mit mir übers Wasser gehst,
weil Du es kannst
und mich
zu Dir liebst.