Vom Vertrauen

Vor kurzem waren wir am Meer. Ein ganz gewöhnlicher Familienausflug. Mein Mann, die Kiddies, ein befreundetes Nachbarskind und ich. Aus dem ganz gewöhnlichen Familienausflug wurde ein ganz wundervoller Nachmittag. Nix Spektakuläres, einfach nur viele kleine schöne Dinge, die sich harmonisch ineinandergefügt haben: Toller Sonnenschein und wunderbar warmes Herbstlicht. Viel Platz für die Kinder, um zu rennen und zu toben. Ein schönes Picknick. Gute Stimmung. Vorfreude aufs Drachensteigen. Nette Begegnungen. Schöne Gespräche. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz dann stellen die Kinder viele Fragen und wollen von Dennis und mir kurz die Welt erklärt haben (aktueller Anlass ist die Bundestagswahl). Wir erklären, begründen, überlegen. Und ich freue mich, dass die Kinder uns so viele Fragen stellen. Noch ist unsere Meinung der Maßstab für sie…

Ein Blick in die Vergangenheit:
Die Familie, in der ich selbst aufgewachsen bin, war ein instabiles Gefüge. Im Rückblick würde ich sagen, dass ich oft das Gefühl hatte, mich auf dünnem Eis zu bewegen: Ein falscher Schritt, und das brüchige Gleichgewicht konnte umschlagen. Jederzeit lag die Möglichkeit im Raum, dass eine Situation entgleisen und die trügerische Ruhe in Streit und Unfrieden umschlagen konnte. Erst heute weiß ich, dass der Streit selbst noch nicht mal das Schlimmste war, sondern die Tatsache, dass keiner dieser Konflikte jemals wirklich geklärt wurde. Unter der Eisschicht türmten sich die Probleme auf und brachen in unregelmäßigen Abständen unter der Oberfläche hervor.

Das Gute daran: Meine Familiengeschichte hat in mir eine unbändige Sehnsucht nach einem heilen Zusammenleben entstehen lassen. Mal selbst eine glückliche Familie zu haben, wurde zu einem Lebenstraum für mich. Und als es dann tatsächlich so weit war und ich Mama werden durfte, kamen die Fragen:
Wie mache ich das eigentlich, eine „heile Familie“ zu gründen? Wie sieht denn eine gute und gesunde Erziehung aus? Was hilft meinen Kindern, dass sie zum Leben ermutigt und ertüchtigt werden? Und was kann ich dazu beitragen, dass sie eine glückliche Kindheit erleben und gute Erfahrungsschätze sammeln?
Hmmm, keine ganz leichten Fragen, oder?

Um Antworten zu bekommen habe ich natürlich den einen oder anderen Erziehungsratgeber gewälzt und darin auch tatsächlich ein paar gute Tipps gefunden. Außerdem habe ich auf mich wirken lassen, wie andere Familien ihr Zusammenleben gestalten und dabei mehr unbewusst als bewusst das eine oder andere herausgefiltert, das mir gefallen hat.
Aus einer inneren Not heraus habe ich auch angefangen, meine eigene Lebensgeschichte aufzuarbeiten und bin dabei auf Themen gestoßen, die nicht nur für mich selbst, sondern auch für den Umgang mit meinen Kindern wichtig waren und sind.
Ja, und abgesehen davon habe ich einfach so vor mich hin gewurstelt, manches richtig und manches falsch gemacht, mich mehr als einmal bei meinen Kindern entschuldigt, an mir und meinem Mama-Sein gezweifelt (also nicht an der Tatsache, dass ich Mutter bin, aber wie ich es bin…), lag meinem Mann mit Selbstzweifeln in den Ohren, habe gebetet, habe gedankt und jeden Tag neu die Nähe zu meiner Familie gesucht. Ob beim Kuscheln, Kakao- Machen, Bilderbuch-Vorlesen, Spazierengehen, Schimpfen, Wieder- Vertragen oder Witze-Anhören. Ob beim Kieferorthopäden, im Kino oder beim Kostümverleih.

Und dann hat es doch 10 Jahre und ein halbes und insgesamt drei Kinder gebraucht, bis ich endlich kapiert habe, worauf es ankommt. Es ist so simpel, dass es schon fast peinlich ist, daraus einen post zu machen (aber das liegt vielleicht daran, dass es ein Brett gibt, das sich manchmal ziemlich dicht vor meinem Kopf befindet…):

Vertrauen.

Es kommt auf das Vertrauen an. So wie bei unserem Ausflug neulich am Meer. Ein Kind geht an meiner Hand und versucht, mit mir ein Stückchen mehr von der Welt zu verstehen, in der es lebt. Es stellt Fragen und ich darf antworten. Es sucht Nähe und ich bin da. Es sucht Freiheit und darf losrennen. Es sucht Geborgenheit und kommt zurück.  Es möchte gesehen werden („Mama, schau mal!“), und möchte auch mal weg („ich geh schon mal vor“).

Dieses kleine Stück Alltagsglück beim Spaziergang hat mir persönlich die Augen geöffnet. Es gibt viele gute Erziehungstipps. Ich habe von vielen Prinzipien und Ansätzen profitiert und mir daraus Anregungen geholt. Am Ende des Tages aber wird es darauf ankommen, dass mein Kind mir vertrauen kann. Dass es mein Herz hinter Regeln und Ritualen erkennt. Dass ich ihm glaubhaft machen konnte, dass ich es gut meine. Und dass mein Kind dieses Wissen in seinem Herzen trägt.
Damit habe ich eine gute Richtschnur gefunden, an der ich meine Entscheidungen und Reaktionen messen und ausrichten kann (was nicht bedeutet, dass mir das dann in jeder Situation gelingen wird!!!): Fördern sie das Vertrauen, das ich mir von meinen Kindern wünsche? Tun sie meinem Kind gut? Geht es dabei (nur) um mein Wohl, meine Bedürfnisse und meine Prinzipien, oder habe ich auch mein Kind im Blick, mit seinem momentanen und seinen längerfristigen Bedürfnissen? Kann ich zum Beispiel begründen, warum mein Kind seine Hausaufgaben verbessern soll, wenn sie nicht ordentlich gemacht sind? Warum ich nicht so gern möchte, dass es ein bestimmtes Buch liest und ihm dafür ein anderes empfehle? Warum ich es alleine zum Supermarkt schicke, aber nicht alleine ins Kino? Warum es nicht auf seinem Tablet spielen darf, wenn das Zimmer nicht aufgeräumt ist?
Wenn die Antwort etwas mit einem guten Ziel zu tun hat, das ich für mein Kind im Blick habe, dann habe ich vielleicht nicht gerade eine Garantie, aber ganz gute Chancen, dass mein Kind mein Herz erkennen und merken kann, dass ich vertrauens-würdig bin.

Ein Kind, dessen Vertrauen missbraucht wird, wird unsicher.
Ein Kind, das ohne versteckte Agenda, ohne Willkür und ohne falsche Abhängigkeiten sein darf, kann sich entfalten.
Ein Kind, das übers Eis balancieren muss, rutscht früher oder später aus.
Ein Kind, das festen Boden unter den Füßen hat, kann stehen, rennen oder tanzen. Denn der Grund, auf dem es steht, trägt.

Das Schöne daran finde ich: Vertrauen kann überall wachsen: Im Kinderzimmer beim Legobauen, auf dem Sofa, wenn wir uns nach einem Streit aussprechen, am Frühstückstisch (okay, da ist selten Zeit 😉 oder – so wie bei uns neulich- am Strand.

Ein hoher Maßstab, diese Sache mit dem Vertrauen.  Den habe ich jetzt gesetzt (Herr, hilf!!!). Ob ich das Vertrauen meiner Kinder weiterhin wecken werde?? In ca. 10 Jahren sind wir schlauer…😉

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alle Bilder: pixabay

 

 

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Kind auf Reisen

Es fällt mir gerade schwer zu entscheiden, worüber ich schreiben soll (selbst schuld, wenn man fünf Monate nichts mehr zustande gebracht hat!!!), aber am meisten beschäftigt mich wohl, dass zur Zeit sowohl Dennis (mein lieber Mann), als auch Annie (mein mittleres Kind) nicht da sind. Annie ist 8, also eigentlich kurz vor 9, und wie alt Dennis ist, ist jetzt gerade nicht so wirklich von Bedeutung.
Dennis macht bei so einem extrem krassen Survival Training in Schweden mit (die Firma, für die er arbeitet, hat ihn da hingeschickt, er ist auch sehr gerne und frohgemut mitgefahren, während ich jetzt hier zu Hause sitze und hoffe und bete, dass er den Weg aus den schwedischen Wäldern auch wieder hierher zurück findet…). Annie ist auf Klassenfahrt. Das kann ja auch sowas wie ein Survival Training sein- bei ihrer Klasse ist das auf jeden Fall nur eine schwache Übertreibung. Aber immerhin weiß ich, dass sie gut angekommen ist, dass sie 3 Mahlzeiten pro Tag bekommt (die Süßigkeiten vom Kiosk nicht eingerechnet) und dass sie ein Dach über dem Kopf hat…Von Dennis weiß ich hauptsächlich, dass es in seiner Reichweite keinen Kiosk gibt. Auch sonst keinen Laden. Auch kein Haus. Und kein Telefon. Schluck.

Mit nur drei aus fünf anwesenden Familienmitgliedern fühle ich mich fast wie amputiert – es fehlt ein Teil von meinem normalen Leben. Nein, noch mehr: Es fehlt eigentlich ein Teil von mir selbst.
Inzwischen hatte ich ein paar Tage Zeit, mich daran zu gewöhnen, aber meine Lieblingsmenschen hinterlassen doch eine echte Lücke, die sich auch durch nichts anderes schließen lässt.
Wieder mal ist also so eine Situation entstanden, in der ich begreife, wie endlich vieles ist, was wir als selbstverständlich und normal empfinden. Vermissen tue ich natürlich beide, meinen Mann und meine Tochter. Wenn es um die Kinder geht; empfinde ich den Kontrast zum alltäglichen Leben aber besonders stark. Bei Euch passiert so etwas natürlich nicht, das ist mir schon klar, aber mir gehen meine Kinder tatsächlich auch ab und zu auf die Nerven. Manchmal habe ich schon heimlich gewünscht, dass sie -natürlich nur für kurze Zeit!!!!- unsichtbar oder doch wenigstens auf stumm geschaltet werden könnten. Lärm, Lachen, Geschrei, eine unübersehbare Spur an Gegenständen, die spontan irgendwo fallen gelassen wurden, weil plötzlich etwas ganz anderes gespielt werden musste, knallende Türen und der bedrohliche Ausruf: „Maaaaamaaaa, wo bist Du?“, wenn man sich gerade heimlich mit seinem Kaffee in Richtung Badezimmer schleichen wollte, weil man da ja vielleicht eventuell unbemerkt und ungesehen nur für fünf Minuten …ach, Ihr wisst schon. Ja, und dann seufzt es ab und zu aus den Tiefen des Mutterherzens heraus und man wäre gerne irgendwo anders, dort, wo die Palmen im Wind hin- und hergeschaukelt werden, feiner Sand zwischen den Zehen hindurchrieselt und nur das Rauschen der Meereswogen ans Ohr dringt. Und, vor allem: Kein Kindergeschrei zu hören ist!

Aber jetzt, wie absurd, fehlt mir unsere Vollzähligkeit. Keine Frage, es ist stiller, es ist entspannter, die Arbeit überschaubarer, die Streitereien weniger, sobald ein Kind fehlt. Aber es ist auch: Leerer, langweiliger, unrunder, unschöner. Man merkt ja im alltäglichen Einerlei gar nicht pausenlos, wie sehr einem diese süßen, witzigen, frechen, schlecht erzogenen, kreativen, lauten und einzigartigen Menschen ans (Mutter-)Herz wachsen, wie unglaublich groß der Raum ist, den sie in uns einnehmen und wie merkwürdig es ist, wenn sie dann plötzlich nicht da sind.
Mir tut diese Zeit der vorübergehenden Trennung insofern gut, als ich merke, wie sehr ich sie (oder in diesem Fall eines davon) vermisse. Wie innig tatsächlich die Liebe ist. Wie unsagbar froh und dankbar ich sein kann, dass ich mit diesen Menschen beschenkt bin. Wie glücklich ich mich schätzen kann, dass sie mit mir unter einem Dach leben und nicht durch schwere Umstände oder Schicksale von mir getrennt sind. Das klingt jetzt vielleicht wiederum sehr dramatisch. Aber es gibt so viele Menschen, die alles für dieses scheinbar ganz normale, alltägliche Glück geben würden.
Ich freue mich jetzt erstmal, dass wir in wenigen Tagen wieder beisammen sein werden und uns alle, so Gott will, wieder in die Arme schließen können (die Torte für dieses schöne Ereignis ist bereits in Vorbereitung!).
Natürlich werden wieder Momente kommen, in denen ich mir wünsche, Jesus würde mich kurzfristig für eine kontemplative Zeit der Stille an einen Südseestrand entrücken (oder wenigstens in ein aufgeräumtes Haus)- fernab von Kindern, Hausaufgaben, angebissenen Schulbroten und Geschwister-Rivalitäten. Aber ich muss diese Lektion doch immer wieder erfahren und brauche mehr als nur eine Erinnerung daran: Ich bin absolut privilegiert, gesegnet, bereichert und beschenkt. Tag, täglich habe ich viele Male die Wahl, ob ich auf die Stressfaktoren oder die Glücksmomente schaue. Ob ich ein Kind sehe, das gerade nicht das macht, was ich will, oder ein Kind sehe, dem zutiefst meine Zuneigung und Liebe gelten, das mir anvertraut ist und meinen vollen Respekt verdient.

Und das irgendwann nicht nur auf Klassenfahrt, sondern auf seine ganz eigene große Lebensreise gehen wird.
Oh je, das wird schwer…

Aber jetzt wird erstmal Torte gemacht…
 

Gott, der Motivstanzer und ich

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Kürzlich war ich beim Shoppen in einem nahegelegenen Einkaufszentrum.  Die Kinder hatte ich in der kostenlosen Kinderbetreuung geparkt (mache ich nicht häufig, ist allerding bei meinen Kindern sehr beliebt, weil natürlich auch immer irgendwo ein Fernseher läuft…) und wollte nur eben noch ein paar kleine Bastelsachen besorgen. An der Kasse hatte sich eine lange Schlange gebildet. Vor mir in der Reihe stand eine Familie: Vater, Mutter und die beiden Töchter, die Mädels so um die 10 und 12 Jahre alt, schätze ich.

Während wir da noch so standen und warteten, entdeckte das ältere der beiden Mädchen eine Kleinigkeit, die es noch gerne haben wollte. Wie Kinder das so machen, nahm sie das Teil (in diesem Fall war es so ein Ding, mit dem man Motive aus Papier ausstanzen kann) aus dem Regal heraus, hob es hoch und schaute die Eltern bettelnd an. Die nahmen´s ihrem Kind nicht übel und reagierten mit Humor. Allerdings entschied die Mutter, dass das Teil (Motivstanzer oder wie sowas richtig heißt?) im Laden bleiben sollte. „Aha, Mama ist also Finanzchefin“, dachte ich mir. Es gab  weiter keine Diskussionen  oder schlechte Laune deswegen. Ohne große Umschweife gab das Kind nach und stellte das Teil wieder weg. Als die vier dann an der Reihe waren zu bezahlen, warf der Papa seiner Tochter einen verschmitzten Blick zu. Mit einem breiten Grinsen drehte er sich nochmal um, griff ins Regal und holte den besagten „Motivstanzer“ heraus. „So, das wird jetzt noch gekauft“, verkündete er strahlend und legte das Teil schwungvoll auf den Ladentisch. Die Tochter war begeistert, die Ehefrau machte eine ironische, aber gut gelaunte Bemerkung und wenig später waren alle vier aus dem Laden draußen.

Episode vorbei. Aber in mir arbeitet es noch. Auf sehr positive Weise. Ich bin nämlich berührt von der kleinen, vollkommen alltäglichen Situation, die ich da unbemerkt beobachten durfte.
Was ich daran so besonders finde? Mich berührt die Geste dieses Papas. Entgegen der Vernunft –und Männer sind ja auch gerne mal rational- ,entgegen der Berechnungen, die ergeben haben, dass das Budget für heute ausgeschöpft ist, lässt er sein Herz sprechen. Und sein Herz sagt: Ich möchte meine Tochter beschenken. Ich möchte ihr eine Freude machen. Weil sie mir viel bedeutet, lasse ich meinen Verstand mal außen vor und lasse meine Liebe zu ihr sprechen. Durch diese kleine und doch großzügige Geste, die nicht abwägt, sondern verschwenderisch ist. Hier- für Dich. Von Herzen. Dein Papa.

Herzlich, zugewandt, aufmerksam, mit einem Strahlen in den Augen- die Liebe dieses Familienvaters war sichtbar. Und für mich hat sie etwas widergespiegelt von dem Vaterherz, das Gott für uns hat. Denn auch Seine Augen sehen uns strahlend, liebevoll, aufmerksam an. Und auch Sein Herz ist darauf aus, uns zu beschenken. In allererster Linie mit Seiner Nähe. Aber darüber hinaus mit einem Reichtum, den man nur entdecken kann, wenn man sich mit Ihm auf die Reise macht:

„And how blessed all those in whom you live, whose lives become roads you travel; They wind through lonesome valleys, come upon brooks, discover cool springs and pools brimming with rain!” (Psalm 84, 5.6, The Message).

Kerstin Hack (www.downtoearth.de) schreibt: „Nur die Information zu erhalten, dass Gott uns liebt, nützt unseren Gefühlen nichts und wird kaum etwas nachhaltig verändern. Unser Gehirn braucht Bilder, um sich etwas vorstellen zu können.“

Da ich schon seit langem unterwegs bin, um die Vaterliebe Gottes immer mehr zu erkennen,  war das kleine Erlebnis beim Einkaufen für mich auch eine kleine Offenbarung. Das liegt sicher unter anderem daran, dass ich ein „Geschenketyp“ bin und meine Liebe gerne mit kleineren oder größeren  Aufmerksamkeiten ausdrücke. Wenn das nicht so wäre, hätte die Tatsache, dass ein fremder Mann seiner Tochter einen Motivstanzer kauft, wahrscheinlich nicht so einen großen Eindruck auf mich gemacht. Aber Gott kennt mich ja und weiß, worauf ich „anspringe“. Er hat dafür gesorgt, dass ich zur Zuschauerin wurde und dass er mir dabei freundlich ins Ohr flüstern konnte: „Schau, Barbara, so bin ich auch. So sieht mein Vaterherz aus. Ich will Dir gerne eine Freude machen.“

Ich wünsche Euch auch immer wieder solche Momente, in denen Gott Euch mitten im Alltäglichen und Unscheinbaren berührt und Euch die Augen für etwas öffnet, das nicht von dieser Welt ist (und hey, wenn Er das sogar anhand von Bastelutensilien machen kann, die unaussprechliche Bezeichnungen haben, dann gibt es doch keine limits, oder???).

„Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir Frieden.“ (4. Mose 6, 24-26).

 

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Amazing grace

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Ihr habt ja sicher auch schon von der Idee gehört, sich ein Wort zu überlegen bzw. von Gott zeigen zu lassen, das einen dann in dem jeweiligen Jahr begleiten, inspirieren und ermutigen soll (www.myoneword.org). Viele suchen sich solch ein Wort zum Jahreswechsel (der ja nun nicht mehr so ganz aktuell ist J), aber wahrscheinlich ist Gott so flexibel, dass er uns auch zu anderen Zeiten solche Worte zusprechen kann ;-). Da ich ja ein gemütlicher Mensch bin und die Sachen bei mir manchmal etwas länger als bei anderen dauern (jedenfalls kommt mir das so vor!!!), hat mich mein erstes so gewähltes Wort nun nicht nur ein, sondern fast drei Jahre lang begleitet. Ich habe es auf Englisch ausgesucht, weil wir zu der Zeit noch in Kanada gelebt haben:

accept.

Zu der Zeit, als dieses Wort für mich wichtig wurde, habe ich mich mit Selbstannahme und mit der Frage auseinandergesetzt, wie ich mich mit meinen Stärken, Schwächen und meiner eigenen Lebensgeschichte anfreunden und versöhnen kann. Akzeptieren, wie und wer ich bin. Und wer nicht. Das ist mir nicht immer leicht gefallen. Es gibt auch immer mal wieder Momente, in denen ich mich unwohl in meiner Haut fühle oder in denen sich alte Erfahrungen hinterrücks anschleichen und mich mit negativen Gefühlen überrumpeln wollen. Aber der Grundton meines Seins ist doch ein anderer geworden: accept. Ich nehme mich an. Und noch viel besser: Ich bin angenommen. Da ist jemand, der mich so nimmt wie ich bin. Und mich niemals verlassen wird. Bei Ihm bin ich immer genug. Mehr als genug. Mein letzter post vom Februar hatte die Überschrift: Angenommen. Tatsächlich brauchte auch diese Einsicht lange, bis ich sie akzeptieren konnte: Ich nehme mein Kind und seine besondere Geschichte an. Ich muss nicht mehr versuchen, scheinbar krumme Linien mit Gewalt gerade zu biegen. „Was ist, darf sein“ (danke, Sonja!!)). Und Gott, mein Vater, wird daraus etwas Gutes werden lassen. Für mich. Aber vor allen Dingen für meinen wunderbaren Sohn.

Jetzt spüre ich, dass eine neue Zeit angebrochen ist. In meinen Gedanken und meinem Herzen taucht immer öfters ein neues Wort auf, von dem ich glaube, dass es mich in den nächsten Wochen, Monaten und vielleicht sogar Jahren begleiten wird:

grace. Gnade.

Dieses Wort war mir lange Zeit fremd. Nicht, weil ich es nicht gekannt hätte. Aber ich konnte es nicht mit Leben füllen. Gnade…? Was soll das genau sein? Was bedeutet das schon? Ich bin ja – dem Himmel sei Dank- noch nicht vor einem Richter gestanden und musste also auch noch keine Urteilsverkündung über mich ergehen lassen. Wo kein Urteil ist, ist auch keine Gnade. Oder?

So abstrakt mir dieser schöne Begriff lange Zeit vorkam, um so mehr beginne ich jetzt zu ahnen, wie sehr ich tagtäglich von Gnade lebe.

Dass ich am Leben bin- Gnade. Dass ich so bin, wie Gott mich erschaffen hat- Gnade. Dass ich Talente habe und mich nützlich mache kann- kein Grund für Arroganz, nicht für Eigenlob und nicht für falsche Demut, sondern: Gnade. Dass ich ziemlich gesund und einigermaßen fit bin: Gnade. Dass ich Ehe und Familie leben darf: Gnade. Dass wir ein Zuhause haben und obendrein den Luxus, es uns schön zu machen: Gnade. Dass wir noch an keinem Tag unseres Lebens Hunger leiden mussten: Gnade. Dass ich Freunde habe: Gnade. Dass ich gute Begleiter und Ratgeber in meinem Leben hatte: Gnade. Dass ich heute diesen wunderbaren Sonnentag mit allen Sinnen erleben darf: Gnade. Jemand war mir gnädig. Jemand hat mich mit guten Dingen versorgt und gesegnet, die ohne dieses Zutun so nicht da wären. Und: Jemand spricht ein gnädiges Urteil über mich. Über mein Leben, mein Sein, mein Tun. Über alles, was ich gut mache und über alles, was mißlingt. Über meine guten und meine schlechten Entscheidungen. Über meine heiligen Momente und über die Momente, in denen ich Schuld auf mich lade.

Atmet mein Leben etwas von dieser Gnade???? Hmmm… Wie war das, …

…als meine Tochter den kompletten Inhalt ihres Kleiderschrankes großflächig auf dem Fußboden des Kinderzimmers verteilte (es ist ein großer Kleiderschrank, es sind viele Kleider, und sie waren alle einmal hübsch ordentlich von Muttern gefaltet worden…)…?

…als mein Sohn zum wiederholten Mal seine Hausaufgaben in der Schule vergaß…?

…als meine andere Tochter ihre Wut hemmungslos an den Geschwistern ausließ und ihnen sehr unfreundliche Worte entgegenschleuderte…?

Da war ich nicht gnädig und großherzig. Da hat mein Leben eher Frust und Wut und Gereiztheit versprüht als gnädige Gelassenheit. Nicht gerade das Vorbild, das die Kinder inspiriert, um ihr Verhalten zu ändern, fürchte ich. Aber ein kleiner, noch unscheinbarer Anfang ist gemacht. Ich schmecke den Unterschied. Ich bekomme ein Gespür dafür, wie Gnade sich anfühlt (wird auch langsam Zeit, mit über 40…!). Und merke, dass ein gnadenloses Leben ziemlich düster und freudlos aussieht. Und deshalb passiert es auch hier und da schon mal, dass ich die Kurve bekomme und statt der ärgerlichen, impulsiven Worte, die mir schon auf der Zunge liegen, doch den anderen Abzweig nehme und etwas sage, das irgendwie netter ist als gedacht und in diesem Moment aus einem größeren Herzen als meinem eigenen zu kommen scheint. Manchmal begegnet man älteren Menschen, die im Laufe ihres Lebens gelernt haben, gnädig zu sein. Diese Menschen verströmen für mich etwas absolut Wohltuendes: Man fühlt sich bei ihnen angenommen ( accepted!) und entspannt. Sie spiegeln etwas davon wider, dass wir alle begrenzt sind, aber grenzenlos geliebt. Dass wir uns nicht immer für das Gute entscheiden, aber trotzdem alles wieder gut werden kann. Dass wir uns vieles verdienen können, das Wesentliche aber unverdient zu uns kommt.

 

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Wie sieht das bei Dir aus? Was heißt Gnade für Dich? Wo brauchst Du mehr davon, im Umgang mit Dir selbst und mit anderen? Gibt es Menschen in Deiner Umgebung, die Dir gnädig sind? Oder hast Du Gottes Gnade schon spürbar erlebt?

Ich bin mal gespannt, wo „mein Wort“ mir noch begegnen und mich inspirieren wird.

Dir wünsche ich herzlich eine gnadenvolle Osterzeit!

Barbara

P.S.: Hat jemand von Euch schon mal eine kreative Idee gehabt, so ein Jahres-Wort zu gestalten? Wenn ja, freue ich mich über eine Anregung.

Angenommen…

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Vor zwei Wochen habe ich einen Anruf bekommen. Die Mutter von Jonathans Schulkamerad war am Telefon. Es fing alles ganz harmlos und nett an, mit ein bisschen Small Talk und einem kleinen Kompliment. Dann nahm das Gespräch aber eine sehr überraschende und unschöne Wende: Die Mutter von Paul (Name habe ich geändert) erklärte mir, dass ihr Sohn nicht mehr mit meinem Sohn befreundet sein möchte und dass er deshalb auch die Einladung zu Jonathans Geburtstagsparty nicht annimmt. Bäääng- das hat gesessen. Obwohl ich mir einbilde, dass ich gelernt habe, meine Gefühle einigermaßen in Griff zu haben (jedenfalls nach außen J) traf mich dieser Schlag komplett unvorbereitet und mitten ins Schwarze: Ich konnte absolut nix dagegen machen, dass ich losheulen musste- und zwar richtig. Es dauerte einige Minuten, bis ich wieder vollständig meine Fassung gefunden hatte und das Gespräch beenden konnte. Die Frau am anderen Ende schien etwas irritiert zu sein, was mich aber in diesem Moment überhaupt nicht interessiert hat. Für mich war gerade eine Welt zusammengebrochen, da konnte ich mich unmöglich darum kümmern, was Pauls Mutter von mir dachte.

Diese Mutter hat- ohne es zu wissen- meinen wunden Punkt getroffen, meine größte Sorge und meinen tiefsten Schmerz aufgewühlt. Der hängt damit zusammen, dass mein Sohn das Asperger Syndrom hat.  Die Menschen, die betroffen sind, sind normal oder überdurchschnittlich intelligent, haben aber eine andere Wahrnehmung von der Welt als wir und haben große Schwierigkeiten, sich auf Gefühle und Gedanken anderer Menschen einzulassen. Deswegen wirkt ihre Kommunikation auf andere oft etwas bizarr. Sie sprechen unvermittelt Gedanken aus, die nicht in den Zusammenhang passen, können lange Ausführungen zu einem Thema machen, das sie selbst fasziniert, andere aber unter Umständen langweilt. Und es fällt  Menschen mit Asperger schwer, einen Gespsrächsfaden von anderen aufzunehmen und weiterzuspinnen. Manche Kinder, die dieses Syndrom haben, sind angeblich gerne alleine und vermissen die Gesellschaft anderer nicht besonders (das habe ich zumindest gelesen). Andere sind zwar kontaktfreudig, sind aber dennoch in ihrer Kommunikation gehandicappt.
So wie unser Sohn.
Und gerade hier sitzt der Schmerz: Es tut weh, wenn man dazugehören möchte, aber aus dem Rahmen fällt. Es tut weh, wenn man will und nicht kann. Es tut weh, wenn andere einem die Freundschaft aufkündigen und die Party absagen, weil man zu anders ist für sie. Das war nämlich in etwa so die Begründung, die mir Pauls Mutter für die Absage gegeben hat.

Ich bin Hobbypsychologin genug um zu wissen, was Ablehnung mit der eigenen Seele machen kann. Und ich leide bis in die tiefsten Tiefen mit meinem Kind, so sehr, dass mir in den letzten beiden Wochen eigentlich alles sinn- und hoffnungslos erschien: Putzen und Einkaufen (okay, das finde ich auch so oft sinnlos), Sich-Verabreden und Lernen, Zum-Hauskreis-Gehen und Liedersingen, an Gott glauben, in den Urlaubfahren und sogar Shoppen- nichts konnte mich mit unseren Umständen und der Last versöhnen, die sich im Moment des Telefonats auf mein Herz gelegt hat.

Ich war also mitten im Tal der Tränen. Und wusste auch nicht, wie ich da wieder herauskommen soll. Die Zukunftsprognosen schienen mir alle grau und verregnet (hallo, Himmel über Lübeck, das geht auch raus an Dich!).

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Zum Glück waren und sind wir im Moment dazu gezwungen, uns mit der Auswahl für die weiterführende Schule von Jonathan zu beschäftigen. Ich musste also  doch mitmachen beim Leben und konnte mich nicht in mein Schneckenhaus zurückziehen. Ich musste nachdenken über die Besonderheiten unseres Kindes und wie wir ihnen am besten gerecht werden können. Ich musste Lehrern und Rektoren und Sonderpädagogen etwas von meinem Kind erzählen. Und ich musste auch über Dinge nachdenken wie: Diagnostik, Nachteilsausgleich, Behindertenausweis und Schulbegleitung, alles so Wörter aus einer Szene, in die ich nie hineingehören wollte und die ich nun nicht länger umgehen kann.  Das alles hat etwas mit mir gemacht:
Ich beginne, zu akzeptieren.

Mein Sohn hat Asperger. Mein Sohn ist nicht wie jedes andere Kind. Mein Sohn braucht Unterstützung. Mein Sohn hat eine Behinderung, im wörtlichsten Sinne des Wortes.

Wieso in aller Welt braucht diese Muddi denn so lange, bis sie das kapiert, werdet Ihr Euch fragen. Das weiß ich selbst auch nicht. Manche Symptome sind immer da, andere nur ab und zu. An manchen Tagen sind sie sehr stark ausgeprägt. An anderen fallen sie fast gar nicht auf. Es gibt Situationen, die das autistische Verhalten verstärken. Es gibt Situationen und Umstände, die es abmildern. Es gibt, wie bei jedem von uns, gute und schlechte Tage. Und es gibt die Hoffnung, dass Gott auf den Plan tritt und den ganzen Spuk beendet. Deswegen habe ich mir wahrscheinlich lange die Welt schön geredet und so getan, als ob doch eigentlich alles nur halb so wild wäre. Je jünger die Kinder sind, desto mehr kann man ja auch noch steuern, eingreifen, behüten, abfangen. Bis dann irgendwann ein blöder Telefonanruf kommt und einen wachrüttelt, auf schmerzhafte und unliebsame und unmissverständliche Weise…

Was ausgesehen hat wie das Ende der Welt (und sich auch manchmal noch so anfühlt), bringt doch trotz aller Härte etwas Schönes zum Vorschein: Mein Herz hat sich neu geöffnet für meinen Sohn. Er darf so sein wie er ist. Er muss nicht um jeden Preis normal sein. Er muss sich nicht über Nacht in ein Kommunikationswunder verwandeln (wenn Du das aber gerne machen möchtest, Jesus, dann bitte, nur zu ;.)). Er darf genau so sein und bleiben wie er ist. Er darf gute und schelchte Tage haben. Er darf Dinge sagen, die ich schräg finde. Er darf Fehler machen. Er darf sich benehmen, wie sich ein Junge benimmt, der Asperger hat. Ich habe neu entdeckt, wie unbeschreiblich ich ihn liebe. Während ich das schreibe, kommen mir die Tränen: Ich liebe seine Fantasie und Begeisterungsfähigkeit. Ich liebe seinen Humor und sein unbändiges Lachen, wenn er etwas witzig findet. Ich liebe seine Kreativität und seine Ideen, die sich manchmal überschlagen können. Ich liebe seine Treue und Loyalität, sein großes Herz und seine ungewöhnlichen Liebeserklärungen. Ich liebe es, wenn ich seine ganze Aufmerksamkeit habe und er mir in die Augen schaut. Ich liebe es, wenn er lächelt. Ich liebe ihn so wie er ist.

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Morgens, halb elf, in Deutschland

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Meine stets adrette Nachbarin hat letzten Samstag bei uns geklingelt. Es war halb elf. Ich war noch nicht angezogen, musste aber aufmachen, weil unsere Türe verglast ist und die Nachbarin (eine sehr nette Frau übrigens) mich schon entdeckt hatte. Ich unterdrückte meinen Fluchtreflex und öffnete. Hier kommt die Beschreibung meines Outfits:

Weil ich oft kalte Füße habe, ziehe ich morgens immer gleich Socken an. Schwarze Socken, weil ich andere nicht besitze. Immer wenn ich meine Hausschuhe nicht finde, trage ich stattdessen Flip Flops. Im Moment habe ich rosafarbene aus Plastik, die ich beim Dollarstore auf Vancouver Island gekauft habe (gut, dass der hässliche Aufdruck ziemlich schnell verblasst ist). Schwarze Socken und rosafarbene Plastik-Flip-Flops also.

Meine Mutter hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich regelmäßig mit neuen Schlafanzügen zu versorgen. Ich habe sehr viele Schlafanzüge. Die meisten sind sogar geschmackvoll. Das Exemplar, das ich an jenem Tag anhatte, ist nur leider eines, das beim Waschen eingelaufen ist. Die Hosenbeine sind weit geschnitten, hören aber auf 7/8 –Länge auf. Ein bisschen sehe ich damit aus wie ein Clown… Mein Schlafanzugsoberteil ist nicht ganz so stark eingelaufen wie die Hose und hat lila Streifen.

Weil ich leicht friere, brauche ich morgens auch noch etwas zum Drüberziehen. Dafür habe ich eine modische Anleihe bei meiner leider verstorbenen, von mir sehr geliebten Großmutter gemacht und hülle mich in einen sogenannten „Morgenmantel“. Das ist in meinem Fall nichts anderes als ein Bademantel (meine Oma war eine Frau mit Stil und kam da schon etwas eleganter daher). Ich habe zwei „Morgenmäntel“: Einen schönen mit Spitze und einen billigen, den ich mir mal last minute für einen Kurzurlaub gekauft habe. Letzterer sieht sehr plüschig aus, ist pinkfarben und hat Pailletten.

Ich fasse nochmal zusammen: Schwarze Socken, die in rosafarbenen Plastik-Flip-Flops stecken, ein eingelaufener Schlafanzug in 7/8-Länge (weiß und lila gestreift) und ein plüschiger, pinker Bademantel mit Paillettenaufsatz- so stehe ich um 10.30h an der Haustüre und tue so, als ob das genau das ist, was man halt so um diese Uhrzeit macht. Fehlen eigentlich nur noch die Locken-Wickler (aber bei meinen Naturlocken wäre das nun wirklich ein bisschen albern!). Verglichen mit meinem Outfit sieht Jamie-Lee einfach nur blass und altbacken aus.

Mit einem Gute-Laune-Lächeln versuche ich, meine modischen Faux pas zu kaschieren. Vor mir steht schließlich eine sportlich-elegante Erscheinung in lässigem Freizeitlook und strahlt mehr Dynamik aus, als ich in der ganzen letzten Woche hatte. Ich merke, dass mir das mit dem Kaschieren nur teilweise glückt, denn meine Nachbarin lässt ihren Blick mehrmals von ganz unten (Flip Flops) nach ganz oben (Pailletten) und wieder zurück wandern. Sie ist wirklich eine total nette Frau. Aber sie macht das unbewusst. Ich kann es ihr nicht übelnehmen.  Sie muss es schließlich auch erstmal verarbeiten…

Nach zwei, drei Minuten ist unsere Unterhaltung beendet. Sie macht sich auf zu einem Ausflug ans Meer. Und ich schleiche etwas betreten zu meinem Kleiderschrank. Wenn sie mich nicht so aufgehalten hätte, wäre ich ja schon längst angezogen…

Abends um halb sieben, kurz vor dem Abendessen, haben wir dann nochmal eine Begegnung. Ich komme gerade auf die Terrasse, um meine Kinderschar zum Abendessen zu bitten. Sie winkt mir über den Gartenzaun zu. Ich kann nicht anders und nehme einen lächerlichen Anlauf, um wenigstens ein bisschen meiner verloren gegangenen Würde zurück zu erobern:  „Hallo Ruth!“, rufe ich, und versuche, schwungvoll zu klingen: „ Ich bin jetzt auch angezogen!“