But I can´t see in the dark…

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Foto von: Binho Bianchi, pixabay

Ich kann mich noch gut an Ian erinnern:
Ein 5-jähriger Junge, eher klein für sein Alter, rundes Gesicht, große braune Kulleraugen unter einem dunklen Lockenkopf.
Unser Kennenlernen stand zunächst unter keinem guten Stern:
Ich war gerade neu in das Team einer amerikanischen Kindertagesstätte gekommen. Es war mein erster Tag dort.
Beim Frühstück saß ich neben ihm. Er wirkte in sich zurückgezogen, fast verschlossen und schien in Gedanken ganz woanders zu sein.
Alle anderen Kinder hatten ihre Mahlzeit längst beendet und waren zum Spielen übergegangen.
Unbedarft wie ich war, versuchte ich, Ian beim Essen etwas zur Eile bewegen: „Komm, iss mal auf, Ian. Die anderen spielen alle schon.“ Oder: „Ian, wir wollen bald rausgehen. Es wäre doch schade, wenn Du bis dahin nicht fertig bist.“ „Ian, gleich muss das Geschirr in die Küche gebracht werden. Iss lieber auf, sonst schaffst Du Deine Portion nicht mehr rechtzeitig.“
Aber egal, was ich auch probierte- weder gutes Zureden noch sanftes Drängen oder motivationspsychologische Tricks und Kniffe halfen, um Ians Tempo zu beschleunigen. Eher im Gegenteil: Aus seinen großen Augen sah er mich nur stumm und vorwurfsvoll an und brauchte eine weitere Viertelstunde, um seinen Joghurt auszulöffeln.
Ich sollte schnell herausfinden, dass sich dieselbe Routine jeden Tag wiederholen würde: Ian hatte bei den Mahlzeiten seine ganz eigene Zeitrechnung. Und niemand- außer mir- war so verrückt, das ändern zu wollen.

Unser Verhältnis blieb weiterhin angespannt.
Ian schien mir meinen pädagogischen Eifer nachzutragen. Sein Gesichtsausdruck, der ohnehin schon ein wenig misstrauisch wirkte, verfinsterte sich, sobald ich irgendetwas von ihm wollte: Aufräumen, Jacke anziehen, Pinsel auswaschen -er schien nicht bereit, zu kooperieren, egal mit welchem „Auftrag“ ich an ihn herantrat.

Zur Routine in der Kita gehörte, dass die Kinder sich nach dem Mittagessen auf kleinen Matten zu einem Mittagsschlaf hinlegen sollten.

Bei einer dieser Mittagsruhezeiten saß ich neben Ians Matte. Ich streichelte ihm den Rücken und sprach beruhigend auf ihn ein.
„Close your eyes, Ian, so you can fall asleep.“
„But, Miss Barbara, I can´t see in the dark.”
Das war nun natürlich ein Einwand, den ich nicht so ohne Weiteres entkräften konnte. Wie meinte dieser kleine Kerl das nur? Störte es ihn, dass die Vorhänge zugezogen waren, oder wollte er lieber mit offenen Augen schlafen?!?

„I know Ian, but unless you close your eyes you won´t be able to fall asleep. I know you must be tired.”
“No, I´m not tired”, sagte er und gähnte.
“ I think you are. You were playing outside the whole morning.”
Wir diskutierten noch eine Weile darüber, ob er nun müde sei oder nicht, ohne zu einem einvernehmlichen Ergebnis zu kommen.
Ich wiederholte meine Aufforderung: „Ian, just close your eyes now. You will be sleeping in no time.“
Und wieder seine Antwort, diesmal fast verzweifelt: „Miss Barbara, I can´t see in the dark.“

Eins war klar: Mit Logik würde ich nichts erreichen.
Da war etwas, das ihn ängstigte, ob es nun draußen hell war oder nicht, ob nun Tageslicht durch die Vorhänge drang oder nicht, ob es nun nötig war, beim Schlafen die Augen zu schließen oder nicht.Diese Kinderseele brauchte eine andere Art von Antwort, keine rationale Abhandlung über die Lichtverhältnisse im Gruppenraum.

„Ian, I love you.“

Es kam wie eine Eingebung.
Ich hatte bis dahin keine besonders starke Sympathie zu diesem eigenwilligen Kind empfunden, war latent genervt, dass Ian sich häufig so widerspenstig und unkooperativ zeigte und hätte ihn sicher nicht zu meinen Lieblingen in der Gruppe gezählt.
Und doch fiel mir dieser Satz zu und wurde Wirklichkeit, sobald ich ihn ausgesprochen hatte.

Er änderte alles.
Das Eis war gebrochen.

Ian schlummerte an diesem Nachmittag friedlich ein.
Und er wich mir von da an nicht mehr von der Seite. Bei jeder Mahlzeit wollte er neben mir sitzen, wurde quengelig, wenn ich gehen musste und hat sogar- wenn ich mich richtig entsinne- meistens aufgeräumt, sobald ich ihn darum gebeten habe.
An meinem letzten Arbeitstag in der Kita hat er bitterlich geweint. Wenn ich daran denke, empfinde ich noch heute eine Mischung aus Rührung und Traurigkeit.

Mir geht’s auch manchmal so wie Ian:
Ich mag die Dunkelheit nicht.
Ich mag es auch nicht, wenn ich nichts sehen kann und doch so gerne wissen möchte, wie es weiter geht:
Wird sich mein Vater bei uns einleben, sich an den Lärm im Haus gewöhnen und sich mit seinen über 80 Jahren nochmal an eine neue Heimat gewöhnen können?
Werde ich einen Weg finden, die Sorge darum loszulassen?
Wie wird sich mein Sohn seinen Weg ins Leben bahnen, trotz Asperger- Diagnose und spezial- gelagerten Interessen samt Kommunikationseigenheiten?
Wann wird mein Herzschlag wieder ruhiger und mein Schlaf dazu?

Ja, genau, der Kreis schließt sich:
Ich brauche das gleiche wie Ian.
Die Hand, die sanft über meinen Rücken streicht und die Stimme, die mir freundlich zuflüstert:
I love you.
Also werde ich mir herausnehmen, was ich mir im Alltag schnell rauben lasse und was doch immer wieder mein Herz-Zentrum bleibt:
Die Zeit mit meinem Jesus, der mich zum ersten Mal angesprochen hat, als ich vier oder fünf Jahre alt war und meine Mutter mir ein schlichtes Abendgebet beigebracht hat.
Ich kann von Ian lernen, der inzwischen erwachsen ist und sich mir damals mit so blindem, kindlichem Vertrauen an die Fersen geheftet hat: Geh dahin, wo Du die Stimme hörst. Die Stimme, die Dir sagt: I love you.

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Bild von Ruby und Pete Skitterians, pixabay

Blick zurück nach vorn

Was ist im vergangenen Jahr in den Boden meines Lebens gefallen?
Was musste losgelassen und untergepflügt werden?
Welche Samen wurden gesät, was ist gewachsen und was wurde beschnitten?
Welche Wurzeln möchte ich am liebsten wieder ausreißen?

Das Weizenkorn

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Foto von Juanita Mulder, pixabay

Ich erinnere mich an einen Moment ganz besonders, als ich im Garten meiner elterlichen Wohnung stehe, gerade eben aus dem Krankenhaus zurückgekehrt, wo meine Mutter in der Nacht verstorben ist. Wir haben Mitte Mai. Das Blumenbeet scheint wie ein Meer aus Vergissmeinnicht und leuchtet mir in der späten Vormittagssonne blau entgegen. Auf dem Gras liegt, zart und weiß und flauschig, eine winzig kleine Vogelfeder. Ich hebe sie auf und streiche sacht mit den Fingern darüber.
Noch wollen mein Verstand und mein Gefühl nicht fassen, dass ein geliebter Mensch gerade vom Erdboden verschwunden ist.
Da taucht zum ersten Mal in meinen Gedanken dieser Vers auf: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12,24).
Obwohl der Schmerz noch überwältigend ist, bekomme ich die tiefe Gewissheit geschenkt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Meine Mutter musste ihr Leben loslassen und gehen. Ich musste sie loslassen und habe damit auch ein Stück meiner Kindheit verloren.
Aber ich glaube daran, dass sie nicht ins Nichts gefallen ist, sondern in einen neuen Boden und ein neues Leben gepflanzt wurde, von dem ich noch nichts sehen kann.

Was ich sehen kann, ist der Teppich aus Blüten, der sich vor mir ausbreitet, blau wie die Farbe der Ewigkeit.
Und immer wieder in den kommenden Tagen sehe ich da und dort eine kleine, luftige Vogelfeder auf der Erde liegen, unscheinbar und fast schwerelos.
Ob es stimmt, dass Federn ein Zeichen für die Gegenwart Gottes sind?

Das Weizenkorn ist gesät.
Und ich sehe im Traum meine Mutter, strahlend, gesund und glücklich. Sie trägt Blau…

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Foto von cocoparisienne, pixabay

Marathon
Äußerlich gesehen bin ich viele Schritte gegangen in den vergangenen 12 Monaten. Gefühlt ein Marathonlauf.
Schritte, die mich ins Krankenhaus geführt haben, wackelige Schritte mit Schwindel nach meiner OP und Schritte ins Ungewisse, wie mein Hormonpegel sich ohne Schilddrüse wohl regulieren wird. Das geht erstaunlich gut.
Dann viele Schritte und Fahrten zum Kranken- und Sterbebett. Schritte ans Grab.
Und ganz viele ganz alltägliche Schritte:
Beruflich geht vieles voran, aber immer noch fühle ich mich zeitweise unorganisiert und latent überfordert mit meiner Doppelrolle als Mutter und Berufstätige. Viele Bälle gleichzeitig zu jonglieren, war noch nie meine Stärke. Ich hoffe, dass ich darin besser werden kann.

Die Wochenenden, die ich mir eigentlich immer als Oase der Ruhe, das Auftankens und der Familienzeit herbeisehne, waren randvoll gepackt mit Renovierungsarbeiten und Projekten rund ums Haus, da wir die Einliegerwohnung für meinen Vater fertiggestellt haben, der am Nikolaustag eingezogen ist. An manchen Sonntagen habe ich mich so gefühlt, als könnte ich gerade mal ganz kurz Luft holen, bevor wir uns dann montags alle wieder mit voller Kraft ins Alltagsleben gestürzt haben.
Irgendwie geht ja dann doch immer mehr als man denkt, und so haben wir alle durchgehalten und auch diese anstrengende Phase bewältigt, mit hängender Zunge und etwas k.o., aber noch bei halbwegs klarem Verstand…

Der Boden meines Herzens
Innerlich ist auch ein Stein ins Rollen gekommen, der lange auf meiner Seele gelastet hat. Ich wollte weiter vorstoßen zu der Wurzel meiner Ängste und der Momente, in denen ich mich selbst für mich schäme, mich ablehne oder verurteile. Mühsam erobertes Land war mir wieder abhandengekommen und ich habe gemerkt, dass die Heilung zwar begonnen hatte, aber noch nicht so tiefgreifend stattgefunden hat, wie ich das dachte und wünschte.
Also doch wieder demütig sein, nicht Stärke und Perfektion vortäuschen, sondern wieder mal eine Runde Seelsorge in Anspruch nehmen… (knirsch)- und was soll ich sagen: Manchmal sind die Momente, die wir am liebsten mit schwarzem Edding aus unserer Geschichte rausstreichen wollen, dann die allerbesten. Mit einer liebevollen, erfahrenen und mütterlichen Frau aus unserer Gemeinde habe ich einen Abend lang geredet, gebetet und geweint. Sie hat ihre starke seelsorgerliche Gabe für mich genutzt und glasklare Impulse von Jesus empfangen, die ein ganz neues Licht auf meine unschöne Teeniezeit geworfen haben. Ja- tatsächlich brauche ich noch Trost und Heilung für Dinge, die schon mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Krass. Aber um so großartiger, dass Gott sich an jeden einzelnen Tag meines Lebens erinnert und ihm nicht entgangen ist, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich hoffe inständig, dass es nicht noch viele weitere Jahrzehnte braucht, bis ich mich durch alle Schichten meiner Biografie gearbeitet habe. Und wenn doch? Dann gilt: Zu viel Selbstoptimierung ist auch nicht gut…

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Foto von Chesna, pixabay

Die lieben Kleinen und Größeren
Die Kinder werden größer -wer hätte damit gerechnet?!?- und wir merken, dass wir manche Familienaktivitäten gar nicht mehr gemeinsam unternehmen können oder wenn, dann doch nicht mehr lange. Spielplätze, Strandtage und viele der guten alten Spieleklassiker sind bei den beiden Größeren ziemlich out. Dennis und ich brauchen gute Ideen, um trotzdem den Familienzusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken (Anregungen herzlichst willkommen 😉), zumal die Stimmung zwischen den Geschwistern oft angespannt ist. Zwei Beinahe-Teenies machen sich auf den Weg, sich selbst und ihren Platz im Leben neu zu finden, während die Jüngste noch dabei ist, ihre Kindheit und ihren Spieltrieb in vollen Zügen auszuleben. Da prallen manchmal Welten aufeinander…

Was bleibt?
Die Erkenntnis, dass ich mich 2020 nicht so (über-)fordern möchte wie im vergangenen Jahr. In der Gemeinde werde ich wohl ein oder zwei Aufgaben ruhen lassen.
Gelassenheit ist das Fernziel; das ein oder andere Sein-Zu-Lassen immerhin ein Anfang.

Was kommt?
Die Kalender füllen sich von allein. Wenn ich keine Stoppschilder aufstelle, werden sich Aufgaben und Anforderungen einfach in mein Leben hineindrängen und sich frech auf meinen Ausruhplätzen breitmachen.
Raum schaffen möchte ich für Freundschaften, die im vergangenen Jahr zu kurz kamen. Für das Mutter-Tochter-Wochenende mit meiner „Lieblings-Mittleren-Tochter“. Für einen freien Vormittag im Monat, an dem ich rumgammel, im Café sitze, schreibe oder Dekoläden leerkaufe. Und, ganz wichtig: Fürs Gebet, ohne das ich verschrumpeln würde wie so viele meiner Zimmerpflanzen.

Ein frohes, neues Jahr wünscht Euch herzlichst
Barbara

Die Unwahrscheinlichen

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Quelle: Rebekka D, pixabay

An manchen Tagen fühle ich mich unwahrscheinlich:
Unwahrscheinlich müde. Unwahrscheinlich ungeduldig. Unwahrscheinlich gereizt und unausgeglichen.

An diesen Tagen passiert es mir, dass ich auf meine Lebensbaustellen blicke und mich frage, ob ich sie jemals werde abschließen können. Für negative Botschaften, die sich in meinem Innern abgelagert haben, bin ich dann außerordentlich empfänglich und verwende sie gegen mich selbst. Die Palette reicht von „schlechteste Mutter aller Zeiten“ über „lausige Hausfrau“ (wenn der Satz“ Deine Mutter kann nicht kochen“ noch im Umlauf wäre, hätten es meine Kinder nicht leicht…) bis hin zu „der Lack ist ab“. Mein beruflicher Werdegang erscheint mir dann bei Weitem zu unspektakulär. Und meinen Garten sehe ich vor meinem geistigen Auge bereits von Schlinggewächsen überwuchert. Mit anderen Worten: Ich empfinde mich und mein Leben als unvorzeigbar und unzulänglich.
Dass ich dem Standard von Egal-Wem auch nur annähernd entsprechen könnte, erscheint mir an diesen Tagen- genau: völlig UNWAHRSCHEINLICH.

Für mich und alle anderen, die ihre blinden Flecken nur allzu gut kennen, gibt es eine gute Nachricht. Wir mögen in unseren eigenen Augen manchmal wie hoffnungsvolle Fälle aussehen. Aber das ist gar nicht so schlimm, wie wir denken.
Denn Gott sieht das alles ganz anders.
Gott hat eine Schwäche für das Schwache.
Warum Er das tut, können wir nur erahnen, aber Er sucht sich für seine Vorhaben häufig genau die Kandidaten aus, die nach unseren menschlichen Maßstäben als erste wieder von der Liste gestrichen werden würden:

Gideon ist ein Schisser und wird trotzdem siegreicher Kriegsherr (Richter 6 – 8).

Mose ist nicht wortgewandt und/oder hat einen Sprachfehler. Trotzdem wird er zum Führer der Nation (2.Mose 6).

Die Hirten von damals haben einen Broterwerb, der sie selbst zu schwarzen Schafen macht. Gott schickt seinen Engel zu ihnen und lässt sie die ersten sein, die den Heiland mit eigenen Augen sehen (Lukas 2).

Die Frau am Brunnen ist aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßen. Aber Gott beruft sie, um ihrem ganzen Ort ein Zuhause zu geben. (Johannes 4)

Paulus wird von blindem Hass zur tiefsten Liebe und Hingabe bewegt. (Apostelgeschichte 9)

Der Verräter Petrus bekommt eine zweite Chance und wird zum Vater im Glauben. (Matthäus 16 und 26; Johannes 21)

Und schließlich- der Advent steht vor der Tür- wird eine mittellose, junge Frau aus einem unbedeutenden Vorort unverhofft schwanger und bringt den Sohn des Höchsten zur Welt.
(Lukas 1)

Unwahrscheinlich?
Ja.
Aber irgendwie ein wiederkehrendes Muster…

Nein, mein Leben wird kein biblisches oder episches Ausmaß erreichen. Darauf kommt es auch nicht an.
Es kommt darauf an, dass ich meine -tatsächlichen oder eingebildeten- Unzulänglichkeiten in die Gegenwart Gottes bringe. Denn mich tröstet zu wissen, dass bei Gott nicht nur die gesehen werden, die sowieso schon alles auf der Reihe haben, die (scheinbar) perfekt und ohne Macken sind und denen schon immer auf Anhieb alles gelungen ist. Falls es diese Sorte Mensch überhaupt gibt, ist sie mir unsympathisch natürlich bei Gott genau so geliebt und willkommen!

Das wahre Wunder entfaltet sich für mich aber dort, wo Gott mich mitsamt meinen Schwächen umarmt, sich mit mir in meinem Scherbenhaufen niederlässt und anfängt, aus all den Bruchstücken etwas Neues zu bauen.
Für mich mag das auf den ersten Blick nicht schön, großartig oder bedeutsam aussehen. Ich werde mich dabei vielleicht auch nicht schlagartig siegreich, heldenhaft und rundum-erneuert fühlen. Aber wenn ich Ihn machen lasse, dann ist Gott am Werk, sogar in meiner Baustelle.
Das ermutigt mich unwahrscheinlich!

„Our most meaningful purpose can be found exactly in our most painful brokenness.”

(Ann Voskamp in: “The broken way”)

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Quelle: Manfred Antranias, pixabay

Ein anderes Lied

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bild: publicdomainpictures/pixabay

Verstohlen räumst Du Deine Puppensachen weg, Auch die Puzzles und Lego-Sets. Dein Lieblings-T-Shirt wird aussortiert. Es passt Dir nicht mehr. Und ist auch nicht hip.
Schon lang spielt bei Dir eine andre Musik: die Müllerbauers & Co haben ihren Auftritt gehabt. Aber jetzt hält Justin Bieber die Top Ten Deiner Playlist besetzt. Dein Nagellack leuchtet in schrillen Farben, die Kleidung ist cool, die Stimmung wechselt und was ich sage, das nervt Dich zumeist.
Manchmal, aber nur manchmal, kehrst Du noch zurück in das frühere Land, kletterst aufs Holzpferd, reitest Galopp, sitzt auf der Schaukel und fliegst in die Luft, blätterst in einem Buch aus dieser anderen Zeit,
die Kindheit heißt und
deren letztes Kapitel Du gerade schreibst.

Und was mache ich dabei mit meinem Mutterherz, das plötzlich schwer wird und den Takt nicht mehr kennt?
Ich frage:

War es genug?
Genug
heiße Schokolade an Wintertagen
Antworten auf eine Milliarde von Fragen
Tobezeiten mit Kissenschlacht?
habe ich genug wieder gut gemacht?
Haben wir genug
Geschichten gelesen
ist genug Zeit zum Kuscheln gewesen?
Haben wir oft genug in die Sterne geschaut
Und genügend Burgen in den Sand gebaut?
Haben wir lange und laut gelacht
Waffeln gebacken, Blödsinn gemacht?
Haben getanzt und sind barfuß gegangen
und haben probiert, den Wind zu fangen
Hast Du gespürt, wie sehr ich Dich mag
Wusstest Du es jeden einzelnen Tag
Gab es genügende Luftballons
Schokoladeneis und Erdbeerbonbons
Haben wir oft genug Leben geteilt
gefeiert, versöhnt, im Moment verweilt
Sind wir oft genug im Park gewesen
und haben Kastanien aufgelesen
Habe ich all Deine Lieder gesungen
und alle Monster unter Deinem Bett bezwungen?

War es genug?
Wird das Licht Deiner Kindheit Dir leuchten
Wirst Du gerne zurückkommen in Gedanken und einen Ort der Geborgenheit finden?
Genug, um zu wissen, wo Du stehst, wo Dein Weg verläuft und die Grenze zwischen Böse und Gut?
Wirst Du wissen, wo Deine Heimat liegt?
Und wirst Du
weiter den suchen, der Dir alles gibt?

Ich lasse Dich ziehen und ich gehe noch mit.
Es ist nicht das Ende. Nur ein anderes Lied.

Neuland, die zweite

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„Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land; mir ist ein schönes Erbteil geworden.“
(Psalm 16,6)

Vor etwas mehr als anderthalb Jahren habe ich unter dem Titel „Neuland“ ein paar Gedanken gepostet.  Es kommt bei mir nicht so häufig vor, dass ich etwas habe, was man einen prophetischen Eindruck nennt. Bei diesem Text hatte ich aber das starke Empfinden, dass nicht ich mir diese Überschrift ausgedacht hatte, sondern dass  Gott mir dadurch etwas sagen wollte.
Tatsächlich haben dann die vergangenen 18 Monate unglaublich viel Neues mit sich gebracht- für einen stetigen, eher gemütlich getakteten Menschen wie mich mehr als genug!!!
Hier die Kurzversion:

Haus gekauft
umgezogen (aber gleiche Stadt)
renoviert (okay, in Teilen)
neuen Job angefangen
Schilddrüse rausoperiert
jüngstes Kind eingeschult
und dann -an dieser Stelle verbietet sich der Telegrammstil- habe ich im Frühjahr meine Mutter verloren (davon handeln meine beiden letzten posts).

Uff.
Vielleicht ganz gut, dass ich im Vorfeld nicht wusste, was da tatsächlich alles auf mich zukommt. Sonst hätte das ein kleines bisschen einschüchternd wirken können. Das Wort „Neuland“ hätte dann wohl eher bedrohlich als elektrisierend geklungen.
Nun hoffe ich, dass sich das Lebenstempo wieder ein bisschen reduziert und ich aus dem Schleudergang zu einer etwas geringeren Drehzahl finde. „Soaken statt Schleudern“ wäre mal wieder schön, um im Waschmaschinen-Jargon zu bleiben…

Jetzt will ich aber gar nicht länger rumjammern, sondern lieber danken für all das Gute, in das ich da hineingeschleudert wurde:

Einfach dankbar bin ich für unser neues Zuhause. Nicht zu klein, nicht zu groß, gerade richtig. Auch für meinen Vater, der sonst alleine leben müsste, haben wir noch Platz für eine extra Wohnung im Haus.
Eine Stadtvilla haben wir nicht, aber wir wohnen stadtnah. Ein stylishes Architektenobjekt haben wir auch nicht,  dafür aber ein schmuckes Häuschen, nette Nachbarm in Reichweite und das Naturschutzgebiet gleich um die Ecke. Wenn ich stadtwärts radel, freue ich mich, wie schnell ich mitten im Geschehen bin. Und wenn ich nach Hause fahre, wird es mit jedem Straßenzug etwas ruhiger und grüner. Hier fühle ich mich wohl und daheim, angekommen.
Danke, Jesus, für dieses Geschenk. Das ist echt lieb von Dir.

Dann die Arbeit. Was habe ich mir für Knoten in mein Gehirn hineingedacht und für Anläufe genommen! Fast hätte ich schon wieder das Handtuch geworfen und angefangen, kleinere Brötchen zu backen. Und jetzt gehöre ich zu einem tollen Team aus Therapeutinnen, die alle mit lernschwachen Kindern arbeiten und dabei ganz unterschiedliche Zugänge nutzen. Ich kann Schulkinder ermutigen, ihnen Hilfestellung beim Lesen und Schreiben geben, sie spielerisch fördern und ihnen manchmal ein kleines bisschen von meiner Liebe zu Wörtern und Sprache vermitteln. Cool ist das.
Ich freu mich Jesus. Danke. Das ist echt lieb von Dir.

Und schließlich der Schulanfang meiner Jüngsten (bei sowas werden ja selbst die stärksten Muddis schwach):
Eine Bilderbucheinschulung bei strahlendem Sonnenschein, eine nette Klasse, ein freundlicher und kreativer Klassenlehrer, ein erfahrener und humorvoller Schulleiter und mittendrin  (m)eine motivierte Erstklässlerin, die nach Schulschluss, wenn sie auf den Hof gerannt kommt, übers ganze Gesicht strahlt und nur so übersprudelt vom Erlebten. Dank der Geschwister kann sie schon einigermaßen lesen, und ich hoffe, dass ich  vor lauter Begeisterung darüber nicht ihr ganzes Zimmer mit Büchern vollstopfen werde (diese Gefahr ist real!).
Schön, dass sie so einen guten Start haben durfte. Ich freue mich darüber. Vielen, vielen Dank, Jesus.

Es erfüllt mich immer wieder mit Staunen und Ehrfurcht, wenn ich merke, dass Gott wirklich zu mir redet, sich wirklich interessiert und sich echt jetzt kümmert. Tatsächlich fühlt es sich so an, als ob er mich augenzwinkernd in die Seite geknufft und zu mir gesagt hätte: „Hey, Du, übrigens, ich hab da noch was für Dich! Das war noch nicht alles.“
Obwohl nicht jeder Tag in den letzten Monaten ein ausgesprochener Glückstag war und ich auch manchmal mit meinen Kräften ans Limit gerate, habe ich doch mehrmals gedacht: Gott, warum? Womit habe ich das verdient? Warum geht es mir so gut und warum darf ich das alles erleben? Oft stelle ich die Warum-Frage  in Zeiten der Krise und Dürre. Man kann sie aber durchaus auch mal umdrehen und andersrum betrachten…

Selbst in den traurigen Veränderungen kann ich mich dafür entscheiden, Gott zu suchen. Manchmal findet man ihn auch dort:
Meine Mutter ist gegangen.
Aber ihre Tränen sind getrocknet, ihre Sehnsucht gestillt,  ihr Leben erlöst.
Auch wenn dieser Gedanke irgendwie merkwürdig ist und meinem Herzen noch fremd:

Wer weiß, ob das nicht am Ende der größte Neuanfang ist von allen…

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„Das Los ist mir gefallen auf liebliches Land; mir ist ein schönes Erbteil geworden.“
(Psalm 16,6)

Seid gesegnet mit gutem Land, in das Gott Euch hineinführen möchte!
Es grüßt Euch ganz herzlich

Barbara

Gottes Hauptbeschäftigung

 

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Bild: pixababy Foto von monfocus

 

Nach zwei oder drei hektischen und turbulenten Wochen (ich sage nur: Schuljahresende…) habe ich endlich mal wieder ein bisschen länger Zeit, um mit Jesus auf unserem Sofa zu sitzen. Innerlich fühle ich mich total ausgetrocknet und denke, dass sich meine Pflanzen wahrscheinlich öfter so fühlen müssen. Ich merke, dass ich ganz, ganz dringend eine Portion Stille und ein Gespräch mit Gott brauche. Sonst werde ich immer unleidlicher, nörgeliger und ungenießbarer für meine Umgebung. Und genau das kann ich selbst überhaupt nicht an mir ausstehen.

Dann die Trauer. Sie kommt und geht und erwischt mich manchmal ganz unvermittelt und heftig: Wenn ich in der Küche stehe und Kuchen backe zum Beispiel.
Die Leidenschaft fürs Backen habe ich von meiner Mutter geerbt. Auch ihren Perfektionismus. Der war schuld daran, dass ich häufig nicht mithelfen durfte, sondern nur zugeschaut habe, wie sie die Zutaten verrührt und dann später ihr Backwerk kunstvoll verziert hat.
Selbst wenn die Erinnerung dadurch etwas eingetrübt ist, bleibt sie trotzdem wertvoll für mich. Und ich weiß, dass all die Macken und Unzulänglichkeiten, mit denen wir uns selbst und anderen manchmal im Weg stehen, im Himmel keine Rolle mehr spielen werden. Wir werden so sein, wie Gott uns schon immer gedacht hat. Meine Mama ist ihren Hang zu Kontrolle und Perfektion jetzt los. Wenn ich sie wiedersehe, werden wir uns einfach nur in den Armen liegen und darüber lachen.
Bis dahin wird der Duft von frisch gebackenem Kuchen mich wohl immer an sie erinnern und mir schmerzlich bewusst machen, dass sie für mich erst einmal unerreichbar bleibt.

Manchmal -so wie jetzt- fällt es mir sehr leicht, an den Himmel und das Wiedersehen zu glauben. Und manchmal kratze ich mühsam das letzte bisschen Vertrauen zusammen, das ich habe, um es der Macht des Todes entgegenzuschleudern. Gott weiß das. Und ich glaube, dieses Bisschen reicht ihm.

Ich habe eingangs so nonchalant geschrieben, dass ich mich endlich mal wieder mit Gott bei uns im Wohnzimmer treffen möchte, aber eigentlich ist es doch so, dass das auch nicht immer einfach hinhaut. Manchmal komme ich innerlich nur sehr schwer zur Ruhe und kann mich kaum für fünf Minuten auf irgendetwas konzentrieren. Zu dicht getaktet sind im Alltag die Verpflichtungen und Termine, als dass ich kurz mal eben in zwei Minuten runterfahren und mich dann schlagartig in heilige Stille versenken könnte.
Und auch über Gottes Reden kann ich nicht verfügen. Manchmal bete ich und habe dabei trotzdem das Gefühl, dass ich eigentlich ein Selbstgespräch geführt habe. Scheinbar keine Resonanz und kein Anzeichen von Gottes Nähe, obwohl ich doch „alles richtig“ gemacht habe…?!?

Aber heute ist das anders. Vom ersten Moment an spüre ich die Wärme, die mir entgegenschlägt, spüre, dass ich nicht alleine im Raum bin und dass mein Singen, meine Worte und auch mein Schweigen Anklang finden. Jesus macht mir das als besonderes Geschenk und versichert mir, dass er da ist, dass er meine Situation sieht und kennt.
Genau das wünsche ich mir auch in meinem ausgetrockneten Innersten: Gesehen zu werden, mit meiner Trauer, meinem Verlust, meinem Ausgelaugt-Sein.
Heute spüre ich, dass Gott mich sieht. Ich glaube, dass er weiß, wann wir ihn wirklich dringend brauchen, und dass er sich dann auch zeigt, manchmal sogar ganz nahe und fast unverhüllt.
Den ganzen Abend lang fühle ich mich wieder so, als ob Gott persönlich mich in eine warme Decke aus Liebe einhüllen würde. Das tröstet mich.

Als ich meine Bibel App öffne, lese ich da weiter, wo ich zuletzt stehen geblieben bin, nämlich im Epheserbrief. Schon eine Weile lese ich in der “Message”, weil diese Bibelübersetzung- wenn auch sehr frei- mir einen neuen Blick auf scheinbar altbekannte Texte schenkt.
Und da lese ich so einen wunderschönen Satz, dass ich ihn einfach nicht für mich behalten kann:

Mostly what God does is love you.
(Epheser 5, 1)
Ist das schön…!
Ich lasse es mir auf der Zunge und im Herzen zergehen.
Hauptsächlich ist Gott damit beschäftigt, Euch zu lieben.

Gott liebt Dich und mich so sehr, dass er damit voll und ganz beschäftigt ist.
Die meiste Zeit des Tages verbringt Gott damit, uns zu lieben.
Er kann nicht anders, er will nicht anderes. Er hat es sich selbst so ausgesucht.

Heute Morgen war ich bei einem Frauenfrühstück in der Nachbarschaft eingeladen.
Eine der Frauen ist kürzlich Mama geworden. Man konnte sehen, dass sie verliebt in ihr Baby ist. Sie hat es nicht aus den Augen gelassen, es unentwegt angelächelt und sich ihrem Kind beim kleinsten Anzeichen von Unruhe zugewandt. Sie konnte und wollte auch nicht anders, als für ihr Baby zu sorgen und ihm ihre Liebe und Fürsorge zu zeigen (naja, okay, zwischendurch mal ungestört vom Nutellabrötchen abzubeißen hätte sie wahrscheinlich auch nicht schlecht gefunden 😉).
Aber diese strahlende, unbedingte Art von Liebe versprüht Gott pausenlos.
Sein Angesicht leuchtet über Dir und mir.
Er kann seine Augen nicht von Dir lassen.

Mostly what God does is love you.

Kein Kontrollzwang. Kein Perfektionsanspruch. Keine Checklisten. Keine Verdammnis.
In der Hauptsache Liebe.

Das tut gut.
Da kann meine Seele auftanken und aufblühen.
Für heute ist mein Durst gestillt.

 

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Bild: pixabay Foto von Norbert Waldhausen

Abschiedsschmerz und Hoffnungszeichen

flower-1812470_1280Bild von Michael Schwarzenberger/pixabay

Ihr Lieben,

nicht ganz überraschend, aber am Ende doch überraschend schnell habe ich im letzten Monat meine Mutter verloren.

Sie war schwer krank, hatte aber bis vor wenigen Wochen noch die Zusage der Ärzte, dass es einige Therapieansätze geben würde, die ihr wahrscheinlich helfen und ihre Lebensspanne verlängern würden.
Zu diesen Behandlungen ist es nicht mehr gekommen. Eine zu spät diagnostizierte Lungenentzündung hat sie -zusammen mit anderen Komplikationen- so sehr geschwächt, dass sie vor fünf Wochen gestorben ist.

Hier sitze ich nun und kann diese Tatsache kaum fassen.

Gott hat in den letzten Tagen noch viel Gnade geschenkt: gute Worte, liebevolle Gesten, gemeinsame Gebete.
Und doch hatte sie körperlich einen harten Kampf zu kämpfen, bis sie dann gehen durfte.

Nicht umsonst gibt es den Ausdruck“ Hinterbliebene“. Ich fühle mich allein gelassen, traurig und innerlich ganz wund.  Nicht alle offenen Fragen ihres Lebens konnte meine Mutter noch klären, nicht alle Spannungen, Versäumnisse und Konflikte lösen.
Obwohl (oder vielleicht auch gerade weil) wir am Ende zu einem innigen Verhältnis gefunden haben und unser Abschied ein herzlicher war, wünschte ich mir, dass ich noch Zeit mit ihr verbringen könnte.
Die Tatsache, dass ich sie nicht mehr anrufen kann, keine Briefe und Karten mehr von ihr bekommen werde, ich ihr vieles nicht mitteilen konnte, was sie vielleicht getröstet hätte, ist sehr schmerzlich.
Wer immer von Euch schon eine geliebte Person verloren hat, kann das wahrscheinlich nachempfinden. Es entsteht eine Lücke, die nicht geschlossen werden wird. Ich vermisse meine Ma und kann nichts, aber auch gar nichts unternehmen, um etwas daran zu ändern. Es gibt Momente, da denke ich, dass ich die Ohnmacht und die Trauer gar nicht aushalten kann.

Gleichzeitig ist da noch etwas anderes.
In den Tagen, in denen meine Mutter im Sterben lag und auch noch in den Tagen danach hat Gott mich in eine Decke aus Gnade und Liebe gehüllt. Das klingt kitschig, aber genau so hat es sich angefühlt.
Für Außenstehende hört sich vielleicht vieles unverständlich oder unscheinbar an, was ich erlebt und wahrgenommen habe. Aber für mich waren es Fingerzeige Gottes.
In dieser verletzlichen und ahnungsvollen Zeit, so kurz, bevor jemand diese Welt verlässt und an einen Ort geht, den wir nicht kennen, scheint die unsichtbare Wand zwischen Leben und Tod durchlässiger zu werden. Kann auch sein, dass ich nur besser hingehört habe als sonst und meine Sinne für Gottes Reden geschärft waren:

Göttliches Timing
Gott hat mir und ich glaube auch meiner Mutter einen Herzenswunsch erfüllt: Obwohl ich 750km von dem Wohnort meiner Eltern entfernt lebe, konnte ich in ihren letzten Tagen bei ihr sein. Dreimal habe ich in kurzen Abständen die 1500km zurückgelegt. Mit jedem Mal wurde meine Mama schwächer. Bei meinem letzten Besuch hatte ich das Gefühl, in einem Wettlauf mit der Zeit zu stehen. Während ich im Zug saß, war mein ständiger Gedanke: Werde ich es schaffen? Bin ich rechtzeitig genug, um meine Mutter noch lebend zu sehen?
Ich habe es geschafft.  Oder vielmehr: Gott hat es geschafft. Er hatte mir vorher schon gesagt, dass Er das richtige Timing kennt. Unterwegs mit der Deutschen Bahn wurde mein Vertrauen auf eine harte Probe gestellt- aber Gott hat Wort gehalten.

Übergabegebet
Meiner Mutter ist es ein Leben lang schwergefallen, anderen Menschen zu vertrauen und sich anderen anzuvertrauen. Im Rückblick ist es so, als ob mir Schuppen von den Augen fallen und ich die Puzzlestücke ihrer Lebensgeschichte plötzlich zusammenfügen kann. Ich erkenne, weshalb sie bestimmte Entscheidungen getroffen hat und andere nicht. Ich erkenne, was sie geprägt und was sie belastet hat.
Und weshalb sie es auch bis zum Schluss schwer hatte, sich Jesus anzuvertrauen.
Dennoch- und das bleibt:
Wir haben gebetet.
Sie hat den Schritt getan und Jesus ihr Leben gegeben.

Zweimal in kurzen Abständen hat Gott mich auf die Bibelstelle in Lukas 23 aufmerksam gemacht, auf jenen Moment, wo Jesus schon am Kreuz hängt und neben ihm die beiden Verbrecher. Der eine lästert- der andere betet: „Wirst Du an mich denken, wenn Du in Dein Himmelreich kommst?“.
Ihr kennt die Antwort von Jesus: „Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein.“

Meine Ma kann kein christliches Bilderbuchleben vorweisen. Kein Jüngerschaftstrainingsprogramm. Keine Mitarbeit in einer Gemeinde. Kein Hauskreis. Nicht mal Kirchenchor.
Nur ein winzig kleines Pflänzchen Glauben, das da und dort zum Vorschein kam, angefochten und verzagt, und von dem ich doch denke, dass Jesus es liebevoll angeschaut und zu meiner Mutter gesagt hat: „Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein.“

Liebe
Wie selten zuvor hat die plötzliche dramatische Wende am Ende ihres Lebens die Familie zusammengebracht. In den letzten Tagen vor ihrem Tod war ununterbrochen jemand von uns bei ihr. Es gab gute und intensive Gespräche. Keine allumfassende Aufarbeitung und Versöhnung- dazu hat dann doch die Kraft gefehlt. Aber Nähe und Fürsorge und Wertschätzung.

Als meine Mutter schon tot ist, denke ich: Wozu eigentlich das Ganze? Wie viele Abschiede werde ich noch verkraften müssen? Was ist denn bitteschön der Sinn des Lebens, wenn alles vergänglich ist und wir am Ende alles verlieren?
Fast im gleichen Moment bekomme ich eine Antwort. Sie ist nicht vollkommen und allumfassend, aber für mich passt sie, hier und jetzt, auf der Palliativstation im Sterbezimmer:
Liebe.
Die Liebe gibt allem einen Sinn. Die Liebe hat immer Kraft. Die Liebe ist nie umsonst. Sie geht nie zu Ende.
Und die Liebe, der ich glaube, ist sogar stärker als der Tod.
Wenn ich liebe- mich selbst, meine Familie, meine Freunde, meinen Nächsten, Gott- dann bin ich im Zentrum meiner Bestimmung. Ich werde straucheln und scheitern dabei, aber ich möchte dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren.

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Bild von Christian Fraaß/pixabay

Meine Mutter ist gestorben.
Ich glaube, sie ist im Himmel, auf einer Blumenwiese, weil sie Blumen so sehr mochte.
Als sie ihren letzten Atemzug getan hat, möchte ich für mich selbst ein Zeichen setzen. Ich setze mich noch einmal neben sie. Dann höre ich Matt Maher zu, wie er singt:

 „Christ is risen from the dead, trampling over death by death
Come awake, come awake, come and rise up from the grave.
Christ is risen form the dead, we are one with him again,
Come awake, come awake, come and rise up from the grave.

Oh, death, where is your sting
Oh, hell, where is your victory
Oh Church, come stand in the light
The glory of God has defeated the night”

(Matt Maher, Christ is risen)

Bald werde ich dieses Krankenhauszimmer, wo jetzt nur noch ihre Hülle liegt, verlassen und meine Mutter erst im Himmel wiedersehen.
Aber ich nehme etwas mit von hier, was ich längst wusste und was ich gerade neu lerne:

Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und die Liebe.
Von diesen dreien ist die Liebe das Größte.
(1. Korinther 13, 13)

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Bild von cocoparisienne/pixabay