Italien, die Schönheit und Gott

Sommerurlaub in Italien.
(oh, ich kann Euch gar nicht sagen, wie ich die Sonne und Wärme vermisse- jetzt schon, Mitte September!).
Nach einem heißen, wolkenlosen Tag drehe ich noch eine Abendrunde mit dem Hund. Er ist eher wenig begeistert vom mediterranen Klima und hechelt unter seinem Collie-Pelz mühsam gegen die Hitze an.
Weil es hier so viel früher dunkel wird als bei uns, bin ich gar nicht darauf vorbereitet, aber als ich den Weg hinter dem Haus in Richtung Lagune einschlage, sehe ich ihn:
einen Traum von Sonnenuntergang!
Es ist immer wieder sowas wie ein magischer Moment, wenn der Tag sich verabschiedet und in die Nacht übergeht.
Die Sonne wirft noch einmal all ihre Kraft in die Waagschale und malt verschwenderische Farben an den Horizont. Heute Abend sehe ich sie als leuchtenden Feuerball ins Meer sinken. Ihr orangeglühendes Band verliert sich in zarten Gelb- und Rosatönen. Das Wasser der Lagune, die Gräser, das Schilf, die Baumwipfel-bevor die Abenddämmerung ihre samtblaue Decke darüber breitet, wird alles noch einmal in flüssiges Gold getaucht.
Schon tausendfach gemalt, beschrieben, besungen.
Sanft gleitet der Tag hinüber in die Nacht.
Und ich stehe still und staune.
Schönheit und Staunen sind Geschwister.

BIld: pixabay, foundry

Am Tag darauf verlassen wir die ländliche Idylle.
Wir besuchen Venedig.
Mir graut es ein wenig vor den Touristenmassen, die uns dort erwarten. Und tatsächlich:  Die Stadt ist brechend voll.
Auch wir werden Teil dieser Masse und tragen -obwohl die Überfüllung uns nervt- ironischerweise unseren Teil dazu bei.
Meine Intuition sagt mir, dass es hinter der Rialtobrücke, im Stadtteil San Polo, ruhiger werden wird.
Und so ist es dann auch.
Nachdem wir zwischen San Marco und Rialtobrücke eigentlich gar nicht selbst entschieden haben, wo wir hinmöchten, sondern „gegangen wurden“, können wir jetzt aufatmen. Die Gassen sind hier sehr viel ruhiger. Ich habe Muse, mich umzuschauen, kleine Winkel und Nischen, die Seitenarmen des Canale und malerische alte Hausfassaden zu betrachten.
Später steigen wir in eines der Vaporettos, um durch den Kanal zu fahren.
Jetzt trennt uns das Wasser von den vielen anderen Touristen und hilft mir, in Ruhe meinen Blick über die Häuserfronten schweifen zu lassen.
Und da stellt es sich wieder ein, dieses Gefühl ehrfürchtigen Staunens vor einer Sache, die größer ist als ich selbst.
Gestern war es das Naturschauspiel der untergehenden Sonne, die Farbenpracht und Leuchtkraft des Himmels, die mich hat staunen lassen.
Heute und hier sind es die menschliche Kreativität, Baukunst, das Zusammenspiel von Form, Farbe und architektonischer Perfektion.
Auch darin steckt für mich etwas Überirdisches, göttliche Inspiration, die den Menschen vor Hunderten von Jahren geschenkt wurde, um die einzigartige Schönheit dieser Stadt zu erschaffen.
Selbst die Übermacht an Touristen und Maskenverkäufern kann den Zauber dieses Ortes nicht ersticken.
Venedig atmet Schönheit. Sie strömt aus den alten Gebäuden, Palazzos und Kirchen, umspült vom Wasser der Lagune.

Bild: pixabay, Inge Gärtner-Grein


Später am Abend werde ich enttäuscht sein, weil mein Mann diesen Atem nicht bemerkt hat. Seine Wahrnehmung ist eine andere: Für ihn ist die Stadt eine Sehenswürdigkeit, aber kein Sehnsuchtsort. Während ich davon träume, zurückzukehren und an einem stillen, nebligen Oktobervormittag durch verlassene Gassen und Palazzos zu schlendern, ist Venedig auf seiner bucket list abgehakt.
Es wird mir noch einige Tage lang zu schaffen machen, dass unsere inneren Welten hier keine Übereinstimmung finden können.

Mir machen diese Eindrücke aus unserer Urlaubsreise einmal mehr deutlich:
Mein Weg zu Gott ist die Schönheit.
Schönheit lässt mich staunen.
Schönheit lässt mich innehalten und aufatmen. Sie berührt mein Herz und macht mich froh.
Für mich ist klar: Schönheit weist über sich selbst hinaus.
Ich erkenne in ihr Gottes Handschrift.
Sie schafft eine Brücke zu Gott, über die ich mit Leichtigkeit gehen kann.
Dahinter wartet Anbetung.

BIld: pixabay, Ian Wilson

Nicht immer bin ich an meinen Sehnsuchtsorten.
Es kann nicht immer die Rialtobrücke sein (und, ja, die ist ja auch entschieden zu voll), die mich in die Gegenwart Gottes trägt.
Aber Schönheit zu sehen, hat tatsächlich viel mit dem Herzen zu tun.

Heute habe ich sie in einem niedlichen Ausspruch meiner Tochter gefunden.
Neulich kam sie als kleines Vogelbaby auf unseren Balkon geflattert und saß dort so lange, bis dem kleinen Geschöpf wieder eingefallen ist, dass es ja fliegen kann.
In einem guten Gespräch und in lachenden Augen entfaltet sie sich.
Und viel zu oft noch gehe ich an ihr vorbei und verpasse einen heiligen Moment.

“He who can no longer pause to wonder and stand rapt in awe, is as good as dead; his eyes are closed.”

(Wer nicht mehr innehalten und  überwältigt staunen kann, ist so gut wie tot; seine Augen sind verschlossen.)
Albert Einstein.

Bild: pixabay, Katja
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Weckruf

Foto: pezibear, pixabay

Ich lese gerade im wundervollen Buch einer wundervollen Frau:


Sie beschreibt darin unter anderem die dramatischen, schmerzvollen Umstände, unter denen ihr Schwiegervater und kurz darauf ihre Mutter verstorben sind.
Es ist herzzerreißend, darüber zu lesen, und mir laufen die Tränen übers Gesicht, so sehr kann ich mitfühlen und mitleiden.

Obwohl es um Schmerz und Trauer geht, sind ihre Zeilen doch ein Weckruf für mich. Ich höre ihn ganz deutlich.

Und er lautet:
Liebe.

Im Abschied und aller Verzweiflung, die Bianka Bleier beschreibt, dringt doch diese Botschaft kristallklar zu mir hindurch:
Am Ende des Tages geht es darum, wie sehr ich geliebt habe.
Wie viel Zeit mich die Liebe kosten durfte.
Wie viel Raum ich ihr in meinem Leben gegeben habe.
Welche Wege ich gesucht habe, um sie meiner Familie, meinen Freunden, meinen Mitmenschen zu zeigen.

Ich erinnere mich gut, wie stark ich auch am Sterbebett meiner Mutter von diesem Gedanken zusammengehalten wurde: Nur die Liebe zählt.
Der Tod ist real und ist grausam.
Aber die Liebe ist mindestens genauso stark.

Es geht am Schluss nicht mehr darum, wie viel wir verdient, wie viele Menschen wir beeindruckt, wie toll wir unser Haus dekoriert und ausstaffiert haben.
Es geht darum, ob die Menschen, die mit uns verbunden sind, unsere Liebe gespürt haben.

Oh, wie sehr ich mir das wünsche.
Und wie sehr ich mich im Alltag von diesem Ziel ablenken lasse.
Es kann sein, dass ich den ganzen Tag nur meinen Verpflichtungen hinterhergehechelt bin:
Ich kaufe ein, ich mache die Betten, ich koche, ich putze, ich bereite die Förderstunden vor, ich fahre die Kinder zum Sport, gehe zur Arbeit, füttere den Hund, schreibe Mails – und merke manchmal nicht einmal, was mir fehlt und was ich vergessen habe:

Innehalten.
Mein Gegenüber sehen.
Hinhören.
Aufmerksam sein.


Liebevoll auf meine Kinder und auf meinen Mann sehen und nicht vor lauter Stress den eigentlichen Schatz vergessen, der mir anvertraut ist.

Es ist sehr berührend, von Bianka Bleier zu lesen, wie herzlich, liebevoll und wertschätzend sie die Beziehungen in ihrer Familie und in ihrem Umfeld hegt und pflegt und zu sehen, welche Blüten und Früchte daraus gewachsen sind.
Mich inspiriert das im tiefsten Inneren und weckt Sehnsucht in mir nach gutem Leben und guter Gemeinschaft.

Danke dafür.
Ich brauche diesen Weckruf. Immer wieder.

Herr, erbarme Dich

Foto: Jersualem, von Denis Doukhan, pixabay

Hmm…
Vor ein paar Tagen habe ich über Zerbruch geschrieben.
Und über Licht.
Darüber, wie wir Christen, trotz eigener Zerbrochenheit, Trost spenden können inmitten von Leid.
Bestimmt steckt in diesem Gedanken Wahrheit. Ja, ich weiß das. Das ist nicht nur eine fromme Phrase.

Aber heute… heute bin ich sprachlos.
Heute frage ich mich, ob es wirklich reicht, das klitzekleine bisschen Licht, das Du und ich vielleicht in die Welt setzen können.
Haben unsere kleinen, hilflosen Gesten der Menschlichkeit einen Sinn, angesichts der Bilder, die uns aus dem Krieg erreichen?

Heute möchte ich klagen.
Und fragen: Wo bist Du, Gott?
Wo bist Du, angesichts der Bomben und des Todes?
Wo bist Du, wenn Mütter ihre Kinder verlieren und Kinder ihre Väter?
Wo bist Du, wenn alte Männer und Frauen in der Kälte zusammenbrechen, wenn Familien in U-Bahn-Schächten um ihr Leben bangen und hungern, wenn Kinder aus leeren, glanzlosen Augen in die Kameras starren und verstummt sind vor Schreck?

Wie lange, Vater, wie lange muss diese leidgetränkte, schmerzerfüllte, angstvolle Welt noch ausharren? Wann greifst Du ein? Wann ist es genug???

Ich bin nicht so der Endzeit-Typ.
In meinem Umfeld gab und gibt es schon immer Leute, die es ganz bestimmt wissen, dass jetzt die biblische Endzeit, die Apokalypse anbricht bzw. angebrochen ist.
Nüchtern betrachtet spricht einiges dafür, dass sie momentan Recht haben könnten.
Und auf der anderen Seite dachten das schon sehr viele andere Menschen vor uns in sehr vielen Epochen, die längst vergangen sind.
Ich persönlich bin nicht so scharf darauf, das Ende der Welt live zu erleben. Mir fehlt da so ein Abenteuer- und Heldengeschichten- Gen und ich könnte ganz gut ohne Bedrängnis und ohne besondere Bewährungen durch Verfolgung und Gefängnis klarkommen.
Aber dann denke ich auch wieder:
Vielleicht ist es bald voll, das Maß.
Vielleicht hat die Welt jetzt wirklich genug Not und Elend gesehen und es ist wirklich Zeit, sie ein für allemal zu erlösen.
Vielleicht kommt Jesus bald.
Natürlich weiß ich es nicht.
Aber so oder so- ich bete um Sein Erbarmen.

Ob mein unscheinbares, flackerndes Mini-Licht bis dahin etwas verändern kann?
Keine Ahnung.
Diese Antwort kann ich nicht geben.
Am Ende werden sie die Menschen beantworten, die gelitten haben, die in der Dunkelheit waren und gewartet haben, dass jemand hilft. Diejenigen, die Barmherzigkeit gebraucht haben: Ein Stück Brot, ein Schluck Wasser, ein tröstendes Wort, ein Gebet. Oder jemanden, der sie herausholt aus dem Grauen und ihnen sagt: Komm mit. Ich bring Dich in Sicherheit.

Im Moment habe ich nichts außer meiner Klage und einem Gebet:

Herr, erbarme Dich.


Ein Becher voll Licht

Foto: congerdesign, pixabay

Wir sind so zerbrechlich.
Ein kleiner, unsichtbarer Einzeller dringt in unseren Körper ein, vermehrt sich dort und zwingt ihn in die Knie. Vielleicht für einige Stunden, vielleicht für einige Tage, vielleicht für immer.
Verbreitet sich rasend schnell und entwickelt eine Dynamik, die selbst unsere klügsten Köpfe, besten Technologien und modernsten Erkenntnisse überholt.
Wir sind enorm intelligent, organisiert, informiert.
Und so zerbrechlich.

Ein Diktator zettelt einen Krieg an, bombardiert wehrlose Zivilisten, reißt Familien auseinander und Menschen aus ihrem Leben, verfolgt rücksichtslos eigene Machtinteressen und zerstört dabei tausendfach Seelen und Existenzen.
Menschen fliehen, sterben, kämpfen, verzweifeln.
Von heute auf morgen ist nichts mehr, wie es war.
Wir sind zerbrechlich.

Stürme und Unwetter toben, Waldbrände wüten, Wassermassen reißen ein, was wir jahrzehnte- und jahrhundertelang aufgebaut haben.
Ein Unwetter fegt alles hinweg, und wir bleiben erschüttert und fassungslos zurück.
Und sind – zerbrechlich.

Wir wissen das. Irgendwie.
Oft können wir es verdrängen.
Aber heute, jetzt, fällt das Verdrängen schwer.

Der Zerbruch geht mitten durch unser Herz.
Auch ich bin nicht unschuldig, habe schon verletzt, enttäuscht, lebe auf Kosten anderer, die für meinen Reichtum einen Preis bezahlen, viel höher als ich ahne.

Wo ist Hoffnung?
Wo ist Licht?
Gibt es einen Ausweg oder gewinnen Krankheit, Zerstörung und Krieg?

Immer, wenn ein Mensch sich über einen anderen Menschen erbarmt, immer, wenn ein Mensch einen anderen Menschen tröstet, immer, wenn etwas geteilt und gegeben wird, immer, wenn jemand den Mut besitzt, das Unrecht beim Namen zu nennen und für Gerechtigkeit aufzustehen, immer, wenn eine Wunde verbunden und eine Träne abgewischt wird, kommt Licht.

Und Licht ist stark.
Warst Du schon mal in einem dunklen Raum? Kubikmeter um Kubikmeter Finsternis und Schwärze.  
Und dann entzündet jemand eine einzige kleine Flamme.
Sie hat nicht die Kraft, den ganzen Raum in Licht zu tauchen, dafür ist sie zu klein.
Aber man kann sie sehen, überall, noch im hintersten Winkel des Raums.
Es bleibt nicht verborgen, das Licht. Selbst wenn es sich verstecken wollte- es ist absolut unmöglich, unsichtbar zu sein als Licht.

Ann Voskamp schreibt:

“It´s Jesus who fills us up with this light of compassion, with the compassion He´s shown us, and we can become heroes, co-sufferers. The heroes are the ones who carry their broken cups of light into the world to leak His healing light. We will bring her his grace, a listening ear, a meal, an invitation to our table, a bunch of wildflowers; we will give her the gift of presence. We will make CHRIST present, we will be the gift, and we will give her cup upon cup of light.
(…)
The question of evil does not need a solution as much as it needs compassion.”


„Es ist Jesus, der uns mit diesem Licht des Erbarmens füllt, mit dem Erbarmen, das Er uns geschenkt hat, und wir können Helden werden, Mit-Leidende. Die Helden sind die, die ihre eigenen zerbrochenen Becher in die Welt hineintragen, um Sein heilendes Licht aus diesen Gefäßen herausströmen zu lassen. Wir bringen der Welt Seine Gnade, ein hörendes Ohr, eine Mahlzeit, eine Einladung an unseren Tisch, einen Strauß voll Wildblumen; wir werden der Welt das Geschenk der Gegenwart machen. Wir werden Christus gegenwärtig machen, wir selbst werden zum Geschenk, und wir werden becherweise Licht verschenken.
(…)
Die Frage des Bösen braucht nicht so sehr eine Lösung. Sie braucht Barmherzigkeit.“


(Ann Voskamp, The Broken Way. A daring path into the abundant life. Zondervan 2016)

Hier bin ich, maßlos überfordert mit all den Nöten der Welt.
Hier bin ich, ein Gefäß, das selbst zerbrochen ist.
Und hier bin ich, mit der Möglichkeit, tagtäglich Barmherzigkeit zu üben.
Ich habe nur ein kleines Licht.
Es wird niemals ausreichen, die ganze Welt zu erleuchten.
Das braucht es auch nicht.
Es braucht nur den Wunsch, mich von Jesus füllen zu lassen, für die nächste Kleinigkeit, die mir vor die Füße fällt, für die nächste Gelegenheit, barmherzig zu sein:
ein Anruf
ein aufrichtiges, freundliches Wort
ungeteilte Aufmerksamkeit, ohne Mobiltelefon
Nachsicht mit meinem Kind
ein kleines, liebevolles Geschenk
eine Mahlzeit
ein Einkauf
ein Blumenstrauß
eine Stunde Zeit
Betroffenheit, die ohne billigen Trost auskommt.
Und die Demut, umzukehren, immer wieder umzukehren, wenn ich mich selbst in der Dunkelheit verirre.

Ist das nicht zu klein, zu wenig, zu lächerlich?
Ja, das ist es. Absolut.
Aber Jesus in mir macht den Unterschied.
Nicht meine Tat oder meine Aktion, sondern Gottes heilende Gegenwart und Liebe darin.

Ein Becher voll Licht in der Finsternis.


Just trust

Foto: René Schué, pixabay

Manchmal kann es so einfach sein.
Ich habe nicht gesucht und trotzdem gefunden.
Und zwar bei einem meiner vielen Spaziergänge, mitten zwischen vielen kleinen Regenpfützen, die sich auf dem gefrorenen Untergrund gesammelt hatten und kleine Seen auf einer großen Eisfläche bildeten. Mehrmals haben meine Füße den Halt auf dem nassen, glatten Boden verloren und ich wäre fast der Länge nach hingeknallt. Sogar der Hund, der sich sonst mit natürlicher Eleganz durch jedes Gelände bewegt, ist ein bisschen vor sich hin geschlittert, was ganz drollig, aber auch etwas riskant aussah…
Als hätte jemand erkannt, dass ich dringend einen Halt brauche, hatte ich- schwupps- diesen kleinen, prägnanten Satz in meinem Kopf:

 Just trust.

Ich musste ein bisschen lächeln, als ich da so ganz allein durch den zugefrorenen Wald gestolpert bin.
Aber sofort war mir klar, dass die Worte ein Geschenk an mich waren, und zwar eines, das nicht allein für diesen Spaziergang gedacht war -wir sind heil wieder zu Hause angekommen, der Hund und ich- , sondern ein Geschenk für das Neue Jahr. Eine Art Wort-Geländer, das mir angeboten wird, falls ich mal was zum Dran-Festhalten brauche…

Ich bin ein ängstlicher Mensch, großgeworden mit einer ängstlichen Mutter, die hinter jedem Windhauch einen aufziehenden Sturm, hinter jedem Räuspern eine schlimme Krankheit und in vielen Herausforderungen eine existenzielle Bedrohung gewittert hat. Ich mag es ihr nicht verdenken- sie wurde fast auf den Tag genau mit Kriegsbeginn geboren. Die Eindrücke und Gefühle aus dieser schrecklichen Zeit haben sie ein Leben lang begleitet und es sogar noch vermocht, einen Schatten auf das Leben ihrer Kinder zu werfen. Wiegesagt, ich bin ein ängstlicher Mensch. Sorglose Zuversicht, tiefenentspanntes Vertrauen- das gehört nicht zu meiner emotionalen Grundausstattung.

ABER:
Ich darf lernen.
Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen hat damit zu tun, dass meine ängstliche Mutter (!) mir etwas über Gott erzählt hat. Sie selbst war sich, glaube ich, nie so richtig sicher, ob sie nun wirklich an den lieben Gott glauben kann oder nicht. Sie wollte das gerne, aber oft hat ihr auch die Kraft dazu gefehlt. Wahrscheinlich dachte sie trotzdem, dass es nichts schaden kann, wenn sie mir mal die Idee vermittelt, dass es noch jemanden gibt, der über den Dingen und dieser Welt steht und der auf mich aufpassen kann.
Ohne zu zögern habe ich ihr das geglaubt. Es war mir von einer Sekunde auf die nächste klar, dass es diesen „Jemand“ gibt. Und ohne dass ich das mit meinen vier Jahren hätte in Worte fassen können, habe ich instinktiv erfasst, dass das meine Rettung ist.
Und habe Vertrauen gefasst.

Seitdem gehe ich Vertrauens-Schritte, mit Jesus an meiner Seite.
Manchmal fühlt sich das Leben trotzdem an, als wäre es eine Schlitterpartie auf Eis:
Dann frage ich mich, ob das berufliche Projekt, das ich mir für 2022 vorgenommen habe, wohl klappen wird oder ob ich mich mit dieser Idee übernehme.
Manchmal denke ich auch, dass ich nicht (mehr) nah genug an meinen Kindern dran bin, weil ich mich um so viele andere Themen kümmere.
Natürlich bete ich auch viel zu wenig, viel weniger, als ich eigentlich möchte. Wird Gott sich trotzdem um all meine Anliegen kümmern und werden meine Kinder trotzdem alles haben, was sie brauchen, besonders im Glauben???
Im Fragen und Zweifeln war ich schon immer gut.

Aber, ha! Ich hab ja jetzt ein Wort-Geländer:

Just trust,

halte ich mir selbst und meinen Fragen entgegen, weil es so schön eingängig ist und sich reimt.
Mehr Gelassenheit einüben.
Nicht einfach Nichts-Tun, aber vertrauen, dass es nicht allein auf mein Tun ankommt, sondern dass ich ja noch jemanden habe, der auf mich, meine Liebsten und die Welt aufpasst.

Heute habe ich im Gottesdienst

ein wunderschönes, bewegendes Zeugnis gehört.
Ein Ehepaar, beide Mitte bzw. Ende 80, haben aus ihrem Leben erzählt. Sie hat davon berichtet, dass sie einmal in große Sorge wegen ihrer Tochter war. Als sie dann für ihr Kind gebetet hat, hat sich die Situation verändert und sie war so überwältigt von Dankbarkeit, dass sie zu Gott gesagt hat:

Du darfst Dir alles von mir wünschen, was Du willst“.

Selbst ein wenig erschrocken über dieses kühne Gebet, hat sie kurz darauf klar und deutlich eine Stimme gehört, so als sei noch eine andere Person im Raum:

„Vertraue mir“, hat die Stimme gesagt.

Just trust.
Mein Geländer für 2022.

Foto: Heiko Stein, pixabay

Anker im Advent- Teil 24

Vollkommen geliebt

von Barbara

Das ist unser großes Missverständnis,
Dass wir denken,
wir müssten mehr sein,
um genug zu sein:

reicher
schöner
besser
klüger

als wir selbst es sind
oder die anderen.

Dabei ist es ganz anders.

Nimm Deine Krone ab
und leg sie ins staubige Stroh.
Mach dich klein,
so, dass Du das Baby dort siehst.
Und wenn Du dann im Herzen gebeugt bist
vor deinem Gott:

So wie Du bist,
bist Du vollkommen geliebt
und vollkommen genug.

Foto: stock snap, pixabay

Anker im Advent- Teil 23

2 G D Plus

von Barbara

Mit den zwei oder drei G´s sind wir inzwischen gut bekannt.
Aber hier soll nicht der Ort sein, um über Coronamaßnahmen zu sinnieren oder gar zu diskutieren.
Deshalb schreibe ich lieber über eine andere, nämlich meine ganz persönliche Abkürzung für diesen Advent:

2 D plus

Und das ist damit gemeint:

1. D für Dankbarkeit

Ich bin dankbar, dass ich Mitstreiterinnen habe, im Leben ganz allgemein, aber bei diesem Adventsblog im Besonderen. Ohne Jule, Swantje und Susi hätte es den „Anker im Advent“ nicht gegeben. Ich freue mich so, dass Ihr mitgedacht, mitgeschrieben und mich ermutigt habt, die Idee gemeinsam umzusetzen. Mir hat es Freude bereitet, und ich hoffe, Euch auch 😉.

2.D für Demut
Das zweite D steht für Demut.
Ich fühle mich beschenkt und bereichert durch die Gedanken und Worte der anderen Frauen, die hier mitgemacht haben.
Es macht mich demütig, zu sehen bzw. zu lesen, was sie an Erfahrung und Inspiration eingebracht habe, die ich nicht gehabt hätte. Sie haben den „Anker“ besser gemacht.

Zum Schluss noch das „Plus“:
Ein ziemlich schlauer Mensch, nämlich Aristoteles, hat einmal gesagt:

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Das stimmt.
Wenn Menschen etwas gemeinsam tun, entsteht eine Dynamik, die wieder neue Kreativität und neue Ideen hervorbringt.
Das ist das Geheimnis des Lebens, das wieder neues Leben hervorbringt.
Das ist das Geheimnis von Gott.

-Was sind Deine „D“s?
Hast Du auch Grund zu danken oder Anlass zur Demut?
Oder fühlst Dich sogar im Plus??? Das wäre ganz besonders schön.

Morgen findet Ihr hier das letzte Mal einen Anker.
Aber vielleicht gibt´s ja im neuen Jahr eine neue Idee.
Ich freue mich herzlich über jede Person, die mitgelesen oder einfach mal vorbeigeschaut hat und wünsche Euch jetzt noch gute Nerven und natürlich viel Vorfreude bei Euren Festvorbereitungen.

Seid gesegnet und lieb gegrüßt von
Jule, Barbara, Swantje und Susi ❤

Foto: Christo Anestev, pixabay

Anker im Advent- Teil 22

Besinnung(slos)

von Barbara

Geschenke einpacken
noch mehr Lebkuchen backen
die Tischdecke plätten
die Haare glätten
Grüße an Freunde, Verwandtschaft schicken
den Weihnachtsbaum mit Kugeln schmücken
das Haus eben schnell mal schön sauber machen
für die Weihnachtsgarderobe die letzten Sachen
einfach noch kurz in der Stadt besorgen,
kein Problem, das mach ich dann morgen.
Das Kochen sollte ich nicht vergessen
-wir brauchen ein gutes Weihnachtsessen.
Der Tisch wird noch festlich und schön dekoriert,
die Weihnachtstorte mit Engeln verziert.
Die gibt´s dann zum Kaffee, ich denk` gegen vier,
es sei denn,
dass ich bis dahin –
den Verstand verlier…

Mein Kopf ist so voll.
Das Herz ist leer.
Wie schön wär es doch, wenn es
andersrum wär.

Besinnliche Tage, das wünsche ich mir.
Bring mich zur Besinnung,
HERR,
bring mich zu
Dir.

Foto: Ri Butov, pixabay

Anker im Advent- Teil 21

Ich will Dich mit meinen Augen leiten

von Jule

Foto: Kanenori, pixabay


Am Ende des Strudels
wenn ich durchgerüttelt und geschüttelt werde
wenn ich weder weiß
wo oben noch unten ist

wenn ich die Kontrolle verliere
mich blamiere
und in meiner Angst schier untergeh’

Dann ist ER da
im Getose
im Chaos
im Versagen
im Kontrollverlust
am Ende des Strudels ist ER der Neuanfang
immer wieder.

JESUS

Er nimmt mich an der Hand
stütz mich
zieht mich
gibt mir Halt

Spricht
Komm’ mit mir
vertrau mir
schon oft habe ich den Sturm bezwungen

Keiner ist stärker
keiner ist größer

Ich habe die Macht den Sturm zu stillen
dich aus dem Strudel zu ziehen

Geh’ mit mir diesen Schritt hinaus
aus den Wirbeln
dem Getose
den schwindelerregenden Höhen
dem nie enden wollenden Chaos

Ein Schritt genügt
und ich zeige dir
wohin du gehen sollst

Ich will dich mit meinen Augen leiten.

Foto: Danuta Niemiec, pixabay

Anker im Advent- Teil 20

Was Gemeinschaft schafft

von Barbara

Foto: team spirit by anemone 123, pixabay

Wir sind 10 Frauen zwischen 20 und knapp 50.
Seit einigen Monaten treffen wir uns immer am Dienstagabend, um uns gegenseitig Mut zu machen.
Begonnen haben unsere Treffen, weil in unserer Gemeinde Kleingruppen angeboten werden (für ein paar Monate treffen sich Leute, die ein gemeinsames Interesse teilen und zum Beispiel zusammen spielen, Sport machen, sich über ein Buch austauschen oder zusammen kochen wollen).
In unserer Kleingruppe haben wir uns intensiv mit Inka Hammonds wunderbarem Buch „Tochter Gottes, erobere die Welt“ (SCM) beschäftigt. Wir alle haben die Sehnsucht gespürt, in eine noch tiefere Gottesbeziehung hineinzuwachsen und die Träume und Schätze zu entfalten, die Gott in uns hineingelegt hat. Nicht, damit wir uns noch besser selbst verwirklichen können, sondern damit wir wissen, wozu wir berufen sind und durch unser Tun wieder andere Menschen ermutigt und gesegnet werden.
Denn darum geht es in Inkas Buch.

Klar, dass es bei so existenziellen Themen zur Sache geht!
Verstecken ist zwecklos- dann macht die ganze Gruppe irgendwie gar keinen Sinn.
Und so tauschen wir uns Woche für Woche über ein Kapitel aus Inkas Buch aus.
Und jede Woche erzählt auch eine von uns aus ihrer Lebensgeschichte: Wie sie aufgewachsen ist, was sie geprägt hat, welche Stationen und Erlebnisse sie bis heute durchlebt hat.
Dann wird der Bogen in die Zukunft gespannt: Die Frau, die an der Reihe ist, spricht über ihre Träume und Herzenswünsche, über das, was ihr Wesen und ihre Berufung ausmacht- also zumindest so weit, wie man das immer weiß und sagen kann 😉.

Als ich an der Reihe bin, von mir zu erzählen, bin ich nervös.
Manche Bereiche meiner Lebensgeschichte halte ich lieber unter Verschluss: Es muss doch niemand erfahren, wie viele Fehler und Umwege es mich gekostet hat, um da zu sein, wo ich heute bin… Und selbst jetzt bin ich ja noch nicht mal am Ziel, habe noch so viele Bereiche, in denen ich gerne wachsen und  Früchte sehen möchte!
Trotzdem- so wie all die anderen mutigen Frauen vor mir nehme ich mir ein Herz.
Es kostet Überwindung. Und gleichzeitig spüre ich, dass es ein Befreiungsschlag sein wird.
Und so erzähle ich von allen Stationen meines Lebens (und das sind schon ganz schön viele), von meiner schwierigen Herkunftsfamilie, meiner einsamen Teenager-Zeit, meiner langen Suche nach Identität, meinem Studienwechsel und einem schmerzhaften Gemeindezerbruch. Aber ich erzähle auch davon, dass ich zu jeder Zeit Gottes Nähe gespürt habe, dass er immer dafür gesorgt hat, dass es Hoffnung gab und ich aufgefangen wurde, dass er mehrmals ganz deutlich und spektakulär eingegriffen hat und immer dann, wenn es nötig war, einen Wendepunkt eingeleitet hat.

Es ist nicht ganz leicht, sich zu öffnen, auch die schmerzhaften und verletzten Teile zu zeigen, die jeder Mensch in sich trägt und die wir doch meistens so sorgsam verstecken, um ja nicht noch einmal verletzt zu werden.
Aber umso schöner ist es, wenn Du dann erlebst, dass die Gemeinschaft Dich trägt. Dass niemand da ist, der oder die Dich wegen Deiner Fehler verurteilt oder belächelt, sondern dass Dir im Gegenteil Verständnis und Freundlichkeit, Liebe und Wertschätzung entgegenkommen.

Nicht jede Gemeinschaft gibt das her.
Meine eigene Nervosität hat mir gezeigt, dass es immer ein Risiko bleibt, das eigene Herz vor anderen Menschen zu öffnen und auch Schwachstellen zu offenbaren.
Aber wenn Du einen Menschen oder vielleicht sogar eine Gruppe von Menschen kennst, denen Du vertraust, dann gehe diesen Schritt.
Du musst auch nicht gleich alles preisgeben, was Dir schwerfällt zu sagen.
Fange vorsichtig an, und wenn der Boden trägt, dann gehe weiter.

Die Erfahrung, dass Du angenommen bist, mit allem, was Dich ausmacht, ist Gold wert.

Jetzt denkst Du vielleicht:
Schön und gut, das klingt ja nett.
Aber was hat das denn damit zu tun, die Welt zu erobern?!?

Echte, tiefe Gemeinschaft beruht auf Vertrauen.
Und sie beflügelt.
Sie gibt Rückenwind und macht es uns leichter, einen Neuanfang zu wagen oder einen Schritt zu tun, den wir zwar schon ins Auge gefasst haben, der uns aber doch auch irgendwie Angst macht. Als wir uns gegenseitig erzählt haben, was uns schon mal dabei geholfen hat, eine Sache auszuprobieren oder zu wagen, war es ganz oft eine andere Person, die uns ermutigt und uns den Zuspruch gegeben hat: „Das kannst Du. Versuch´s doch mal.“
Das sind sehr gute Voraussetzungen, um auch in Sachen Glauben und Berufung vorwärts zu gehen.

Ich bin dankbar für diese Erfahrung, dankbar für Inkas inspirierende und ermutigende Botschaft und dankbar für meine Mitstreiterinnen!
Und ich bin gespannt, wie sich all die wunderbaren Schätze, Ideen und Begabungen noch entfalten werden, die wir miteinander geteilt haben.

Das ist das Zentrum vom Traum Gottes:
Dass jeder erfährt, wie sehr er oder sie geliebt ist.


(Inka Hammond: „Tochter Gottes, erobere die Welt“, S. 143)

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