Die Schönheit der Barmherzigkeit

Bild: pixabay von MireXa

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich die folgende kleine Begebenheit beobachtet habe:

Eine vielbefahrene Kreuzung im Stadtzentrum Lübecks:
Ein Pärchen steht an der Fußgängerampel und wartet darauf, dass es Grün wird, genau wie ich.
Aus den Augenwinkeln nehme ich die beiden wahr: eine mittelgroße Frau um die Vierzig, blondgesträhntes Haar, und ihr hochgewachsener Begleiter, ähnlich alt, Dreitagebart.
Ich denke mir weiter nichts.
Als die Ampel auf Grün umspringt, überqueren die beiden neben mir die Straße. Da fällt es mir auf:
Die Frau hat Mühe, sich gerade auf den Beinen zu halten, schwankt, hält zwischendurch inne und macht dann wieder einige unsichere Schritte.
Jetzt bin ich aufmerksam geworden und wage einen direkten Blick auf sie. Was mir bei flüchtiger Betrachtung noch nicht aufgefallen war, bemerke ich jetzt umso deutlicher: die Haare fallen ihr wirr ins Gesicht, die Kleidung ist zerschlissen und alles an ihrer Gangart deutet darauf hin, dass sie morgens um 9:00h schon wieder oder immer noch angetrunken ist.
Hmmm.
Schönheit ist anders.

Was ich als nächstes beobachte:
Der Mann, der die Dame begleitet, nimmt ihren Arm und stützt sie beim Gehen. Er beugt sich ein Stück zu ihr herunter und redet mit sanfter Stimme auf sie ein. Was er sagt, weiß ich natürlich nicht, aber alles an ihm strahlt Freundlichkeit, ja sogar Zärtlichkeit aus.
Auf der anderen Straßenseite angekommen sehe ich noch, wie die Frau hektisch in ihrer Handtasche wühlt. Ihr Begleiter bleibt geduldig neben ihr stehen und hilft schließlich bei der Suche mit.

An dieser Stelle trennen sich unsere Wege.
Ich werde nie erfahren, in welchem Verhältnis diese beiden Menschen zueinanderstehen.  Freundschaft, Schicksalsgemeinschaft, Liebespaar- was sie verbindet, weiß ich nicht, Aber die Art und Weise, wie dieser Mann sich kümmert, erreicht mein Herz.

Wäre es abwegig, wenn er sich von dieser Frau distanzieren würde, die da in aller Öffentlichkeit vor sich hin stolpert und verstohlene Blicke auf sich zieht?
Wäre es abwegig, sich für sie zu schämen?
Wäre es abwegig, sie stehen – und damit auch buchstäblich fallen- zu lassen?

Nichts davon tut dieser Mann.
Stattdessen tut er etwas sehr Schönes:
In einem Augenblick nackter Hilflosigkeit hüllt er diese Frau in ein Kleid aus Würde.
Er wendet sich nicht ab und lässt sie in ihrer Schwachheit nicht allein, den abschätzigen Blicken anderer Menschen ausgeliefert. Nein. Er bleibt. Er hilft.

BIld: pixabay von 14JUrban

Gestern habe ich mit einer Freundin telefoniert. Sie hat mir die Situation einer anderen Familie beschrieben, die wir beide kennen. Diese uns bekannten Eltern mussten ihren Sohn in eine Einrichtung der Jugendhilfe geben, weil sie selbst mit der Erziehung nicht mehr klarkommen. Jetzt sind die Eltern traurig, unsicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben, geplagt von Schuldgefühlen und doch in dem Wissen, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben und das Beste für ihr Kind möchten. Von außen werden diese Eltern mit stillen oder ausgesprochenen Vorwürfen belastet und- vielleicht schlimmer noch- mit ungebetenen Ratschlägen gequält, was sie anders machen müssten. 
Ich höre von dieser Situation und bin erst einmal betroffen. Dann merke ich, wie sich auch bei mir unschöne Gedanken und Gefühle zu Wort melden: „Ein Glück ist das bei uns nicht so. Da hätte es doch bestimmt eine andere Lösung gegeben. Sicher haben diese Eltern doch irgendetwas falsch gemacht.“
Gerade noch rechtzeitig ertappe ich mich selbst, bevor ich in dieser Bewertungs- und Verurteilungsspirale hängenbleibe, und pfeife mich zurück.
Stattdessen stelle ich mir Fragen:
Wie würde ich mich an der Stelle dieser Mutter oder dieses Vaters fühlen? Wie groß muss der Schmerz sein, das eigene Kind abzugeben und sich einzugestehen, dass man selbst überfordert war? Wie schwer ist es wohl, die abschätzigen Blicke und Vorurteile anderer zu ertragen, die das Leid mit ansehen und die falschen Schlüsse ziehen?
Ich will nicht der Versuchung erliegen, mich diesen Verurteilungen anzuschließen und Steine auf Menschen zu werfen, die ohnehin schon innerlich bluten.
Also bekomme ich gerade nochmal die Kurve und tue stattdessen etwas anderes: Ich mache mich nicht innerlich groß und überheblich, sondern gehe in Gedanken auf die Knie, ganz nach unten auf den Boden, wo auch diese Familie gerade liegt, und bete.

Schreibe ich darüber, weil ich mich großartig und superfromm finde?
Ganz sicher nicht.
Wie schon gesagt, die Versuchung, mich über die Schwäche anderer zu erheben, war real und nur einen Steinwurf entfernt.

Aber dann erinnere ich mich daran, dass wir doch alle im gleichen Boot sitzen.
Es ist leicht und bequem, sich von der Not der anderen zu distanzieren. Dann muss ich mich auch meiner eigenen Not und Verletzlichkeit nicht stellen.
Aber schön ist etwas anderes.
Schön ist es, ein Hafen zu sein und selbst einen Hafen zu finden, wenn man Schiffbruch erlitten hat oder sich so fühlt, wenn einem der Wind ins Gesicht schlägt und man verzweifelt nach Halt suchen muss.
Schön ist es, wenn es dann diesen Ort gibt, an dem Du nicht einsam und verloren bist, an dem sich jemand erbarmt.

Das Kreuz ist so ein Ort.
Und niemand wird je größeres Erbarmen zeigen als der, der für uns daran gestorben ist:
Jesus.
Von ihm möchte ich gefunden werden in meinen Stürmen.
Und von ihm möchte ich immer mehr lernen über diese kostbare, göttliche Sache:
Über die Schönheit der Barmherzigkeit.

Bild: pixabay von Rebecca Schönbrodt-Rühl

Es gibt nicht nur die Erde

Bild von RD LH, pixabay

Neulich war ich nach einem langen, anstrengenden Tag noch eben schnell beim Supermarkt meines Vertrauens, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen.
Müde und etwas genervt kam ich wenig später wieder aus dem Laden heraus und hatte einen dieser Momente, wo die Seele einfach so, ohne besonderen Anlass, ein wenig zerknittert ist und man sich denkt, dass ein Urlaub vom (Corona-)Alltag doch eigentlich ganz passend wäre.

Auf dem Parkplatz habe ich dann gerade den Einkaufswagen ordnungsgemäß zurückgeparkt, als bei der nahegelegenen Sankt-Martin-Kirche das Glockenläuten eingesetzt hat, erst noch etwas verhalten, dann immer stärker anschwellend und schließlich mit lautem, vollem Klang.

Ganz kurz nur halte ich inne und lausche. Der Klang ist für mich fremd und vertraut zugleich. Er bringt eine Mischung aus Erinnerungen in mir zum Schwingen, die bestimmt noch aus Kindheitstagen stammt und gleichzeitig etwas mit Ehrfurcht und Geborgenheit zu tun hat.
Sofort fühle ich mich ruhiger, friedlicher irgendwie gehalten von diesen Tönen, die mir ungefiltert ins Herz dringen.

Komisch eigentlich. In unserer Gemeinde gibt es einen Countdown über Beamer und kein Glockengeläut vor dem Gottesdienst…
Also muss es wohl sowas wie Nostalgie sein, was mich hier gerade einholt?
Aber das allein kann nicht die ganze Erklärung sein: Der Glockenklang ist ja seit jeher dazu gedacht, dass er uns eine Botschaft übermitteln und uns zu etwas aufrufen möchte, was unsere Seele tatsächlich braucht:
Besinnung.
(ach Du Schreck – ich fürchte, jetzt entgleitet mir die Sache hier vollends und ich habe die Zielgruppe der unter 100-Jährigen verloren…).

Aber mal ehrlich:
Ab und zu brauche ich die Erinnerung, dass ich innehalten darf. Dass es mir sogar gut tut, wenn meine Gedankenschleifen und meine Ichbezogenheit -wenigsten kurz- zum Stillstand kommen. Und dass ich -nicht nur, aber auch wegen Corona- einen Ankerpunkt finden kann, an dem ich mich mit meinen Ängsten und Sorgen festmache. Es tut so gut, wenn sich neben dem Raum der Hektik, der Sorge und der Geschäftigkeit noch ein anderer Raum in meinem Leben öffnet: Ein Raum zum Innehalten, Aufatmen, Hoffnung-Schöpfen.

Für mich hat sich an diesem Abend neulich durch das Glockenläuten solch ein Raum geöffnet.
Es hat mich daran erinnert, dass ich nicht allein bin.
Es hat mich an Gott erinnert.

Kann gut sein, dass Du den Sound von Kirchenglocken altmodisch oder ungewohnt findest.
Aber natürlich kommt es auch überhaupt nicht auf die Glocken an. Ich glaube es tut einfach gut, wenn wir uns selbst Erinnerungshilfen und Signale schaffen, die uns in unserem Alltagskram unterbrechen und uns sagen dürfen, dass da noch mehr ist. Mehr als Corona. Mehr als die Weihnachtsdeko. Sogar noch mehr als Familie.
Ob das ein Gedanke sein könnte für den Advent:

auf den Glockenklang der Kirchtürme achten?
Auf das Licht von Kerzenschein?
Auf die Sonne, wenn sie durch die Wolken bricht?
Oder Dein Lieblingslied?

Und dann in den Blick nehmen, dass diese Dinge uns zur Besinnung bringen können, dass sie über sich selbst hinausweisen und uns sagen:
Es gibt nicht nur die Erde. Es gibt auch den Himmel.
Und er kommt zu uns.
An Weihnachten.

Bild von StockSnap, pixabay



Wert. Voll: Meine Tochter und ich.

Bild: Anastasia Gepp, pixabay

Mein Herz ist bis in die letzte Faser vollgepumpt mit Dankbarkeit und Freude.

Ich schaue zurück auf ein Wochenende, das mich tief erfüllt, ermutigt und gleichzeitig erholt hat, ein Wochenende voll guter Impulse, Begegnungen, Gespräche und Kreativität:

Zusammen mit meiner mittleren Tochter war ich bei einem „Mama-und-Ich“-Seminar von Team F. und hätte nie für möglich gehalten, dass uns diese gemeinsame Zeit so gut tun würde!
Die Mitarbeiterinnen haben uns mit einem liebevoll und kreativ gestalteten Programm, vor allem aber mit ihrer ehrlichen und herzlichen Art ein großes Geschenk gemacht:
Sie haben uns einen Raum geöffnet, nach dem sich jedes Mädchen und jede Frau im tiefsten Inneren sehnt und wie man ihn nur selten findet:
Einen Raum der Wertschätzung.

Diese Wertschätzung hat sich wie ein roter- oder sollte ich nicht sagen goldender?- Faden durch das ganze Wochenende gezogen.
Es ist schön, sich  zu der eigenen Tochter zu bekennen  aufzuzählen, was man an ihr schätzt und mag- und das sogar noch „öffentlich“ oder zumindest vor der ganzen Gruppe.
Es ist schön, sich bewusst zu machen, welche Gegenstände, Hobbies oder Vorlieben mich mit meinem Kind verbinden. Selbst wenn dabei nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch Unterschiede zu Tage treten, ist das okay und aufschlussreich.
Schön ist es, herauszufinden, wie  ich meiner Tochter am besten meine Liebe zeigen kann:
Mag sie es besonders, wenn sie Zeit mit mir verbringt?
 Wenn ich sie lobe und ihr Anerkennung gebe?
Wenn ich ihr mit kleinen MItbringseln oder Geschenken eine Freude mache?
 Wenn ich mit ihr kuschele oder ihr mit Rat und Tat helfe?
Welche Art der Zuwendung erreicht ihr Herz am schnellsten und wie kann ich im Alltag Wege finden, um den Liebestank meines Kindes volllaufen zu lassen (ach wie schön, ich darf hier ein Wort mit drei „l“ hintereinander schreiben- das füllt zwar nicht meinen Liebes-, aber dafür meinen Rechtschreibtank…)?
Richtig Spaß macht es auch, sich gemeinsam kreativ oder sportlich auszutoben. Wir haben zum Beispiel gemeinsam eine ausrangierte Dachziegel (ja, genau, Dachziegel) up-gecycelt und beschriftet, einen Bilderrahmen und außerdem Annies Fingernägel bemalt, einen Tanz einstudiert (also zumindest einen Teil davon 😉) und die Nestschaukel auf dem Spielplatz gerockt.
Gelacht haben wir viel.
Gut gegessen.
Uns gute Zusagen zu-singen lassen.
Uns in die Augen gesehen und genossen, dass wir einmal nicht zwischen Tür und Angel, Hausaufgaben und Wäsche, Schule und Arbeit ein paar schnelle Worte wechseln, sondern uns treiben lassen können, Zeit zum Albernsein und für Gemeinschaft haben.

All das war möglich, weil drei tolle Frauen und ihre Töchter ihre Herzen weit geöffnet haben und uns Einblick in ihre Familiengeschichten und Erfahrungen gegeben haben.
Aber auch die anderen Teilnehmerinnen haben mich durch ihre Diskussionsbeiträge und Alltagsbeispiele inspiriert und ermutigt, mich nicht mit meinen eigenen Fragen oder Schwierigkeiten zu verstecken, sondern ehrlich anzuschauen, was gut läuft oder weniger gut läuft und was an Herausforderungen in den Teeniejahren unserer Kinder auf uns warten wird.

Diese Zeit des Umbruchs wird nicht einfach sein- diese Botschaft kam bei mir an.
Es ist unmöglich, immer alles richtig zu machen- diese Botschaft kam auch an.
Unsere Kinder werden aber wahrnehmen, wenn wir ein echtes Interesse an ihrem Leben zeigen, wenn wir gesprächsbereit sind und trotzdem eigene Standpunkte vertreten. Sie werden spüren, ob ihnen auch im Gefühlschaos, in Meinungsverschiedenheiten, in Konflikten und modischen Differenzen unsere bedingungslose Liebe gilt.
Und sie werden es zu schätzen wissen, wenn wir uns nicht als ihre großen Schwestern oder besten Freundinnen inszenieren, sondern ihre Mütter bleiben- unvollkommen, wie wir sind, aber entschlossen, unsere Töchter (und natürlich auch Söhne 😉) durch diese Zeit des Umbruchs zu navigieren und sie mehr und mehr in die Freiheit zu entlassen.

Eine große Aufgabe- deshalb bin ich auch froh, dass wir unter den Segen Gottes gestellt sind und nicht alles alleine schaffen müssen.
Denn Gemeinschaft tut gut.
Mit meinem Kind.
Mit anderen Müttern.
Mit Gott.

Es gibt so viele Wege, in Gemeinschaft zu kommen.
Suche einen Weg, der zu Dir passt.
Ich finde, es lohnt sich.

Danke, Team F., für eine Schatzkiste guter Impulse und Ermutigungen.
Und danke, meine Tochter, dass Du dabei warst und mich so oft und reich beschenkst.

Bild: mapelamber, pixabay

Happy Mother´s Day

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Ihr lieben Mit-Mütter!

Wir sind alle verschieden.

Manche von uns sind laut, manche leise.
Manche sind pragmatisch und unaufgeregt, andere emotional und/oder nachdenklich.
Manche sind Vollzeitmütter, andere arbeiten und sind trotzdem auch Mutter in Vollzeit.
Manche schütteln die Hausarbeit lässig nebenher aus dem Handgelenk, andere wurschteln sich durch.
Manche von uns sind trendbewusst und stilsicher, andere mögen es schlicht und bodenständig.
Viele von uns hadern mit ihrer Figur und einige sind auch zufrieden damit.
Manche schöpfen aus dem Vollen und geben weiter, was sie in ihrer Kindheit an guten Ressourcen mit auf den Weg bekommen haben. Andere arbeiten hart an sich selbst und geben alles, um ein neues Kapitel aufzuschlagen und ihren Kindern etwas zu geben, was sie selbst nicht genossen haben.
Manche von uns leben im Überfluss. Manche kämpfen, um über die Runden zu kommen.
Manche von uns sind jetzt gerade hoffnungsvoll, frohgemut und zuversichtlich. Andere müde, sorgenvoll und ausgebrannt.
Und in allem gibt es nicht nur das Schwarz-Weiß, sondern jede Schattierung dazwischen.

Wir sind alle verschieden.
Aber irgendwie auch alle gleich.

Alle lieben wir unsere Kinder bis zum Äußersten.
Alle werden wir zu Löwinnen, wenn es darum geht, sie zu schützen.
Alle ersehnen, erhoffen, erbeten wir ihnen eine Zukunft voll Segen, Fülle und Glück.
Alle gehen wir an unsere Grenzen und darüber hinaus, um unseren Kindern zu dienen und ihnen Gutes zu tun.
Alle werden wir auch schuldig an ihnen und haben nicht immer das, was ihre Kinderseele gerade braucht: ein offenes Ohr, ein liebevolles Wort, eine geduldige Sicht, eine freundliche Korrektur.
Denn alle sind wir auch mal selbst verletzt, ausgelaugt, unterzuckert oder krank.
Alle sind wir selbst angewiesen auf Bewahrung, Vergebung und Schutz.
(wer das bisher nicht wusste, ahnt es vielleicht jetzt…)

Uns allen, egal wie festlich-feierlich oder frustriert-und-fertig uns im Moment zumute ist, gilt Gottes Augenmerk.
Nicht, weil wir mehr wert wären als Frauen, die keine eigenen Kinder haben.
Aber weil er uns und unsere Lieben kennt, unsere Baustellen und Bedürfnisse, unsere Stärken und Schwächen, unsere Hoffnungen und Sehnsüchte und all das, was uns ausmacht als Mutter und Frau.

Lass Dich heute feiern, so wie Du bist, als stylishe oder hemdsärmelige, kleine oder große, geschminkte oder ungeschminkte, laute oder leise Geliebte, Mutter und Kämpferin!
Wenn möglich, iss Torte.
In jedem Fall aber denke daran, dass Dein Mutterherz einen Platz in Gottes Herzen hat.

Mit vielen lieben Muttertags- und Segensgrüßen!

Barbara

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each word a gift (?)

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Bild: Alexas Fotos, pixabay

Gestern Abend war ich glücklich.
Ich hatte einen dieser Tage, wo ich beim Arbeiten so richtig gut in meinen Rhythmus gefunden habe. Selbst die liegen gebliebenen Abrechnungen, die ich immer vor mir herschiebe, weil ich Buchhaltung nicht ausstehen kann, haben sich in meinem Flow fast von allein erledigt.
Am Nachmittag ging mir dann auch noch die Gartenarbeit gut von der Hand.
Meine Mädchen hatten von irgendwoher plötzlich die Inspiration und Motivation, dass sie für einen Tag lang ganz, ganz hilfsbereit sein möchten, haben Brote geschmiert und Limonade gemacht, die Küche und ihre Zimmer aufgeräumt.
Um dem Ganzen die absolute Krönung aufzusetzen, haben sich dann am Nachmittag auch noch alle drei Kinder gefunden und sich auf dem Trampolin und im Wald ausgetobt.
Schön!

Mein Sohn hat den Job, dass er jeden Tag die Spülmaschine ausräumen muss.
Als wir nach dem Abendessen noch zusammensaßen, hat er sich etwas missmutig daran gemacht, seinen häuslichen Pflichten nachzukommen.
Während wir anderen diskutiert haben, ob wir jetzt gleich noch Rummikub spielen wollen oder nicht, hat es im Hintergrund plötzlich ganz gewaltig gescheppert. Jaaaa- da ist wohl etwas zu Bruch gegangen. Ahnungsvoll fragte ich meinen Sohn: „Das war jetzt aber nicht meine Lieblingstasse, oder?“
Und da stand mein 13-jähriger Junge, mit Tränen in den Augen, und sagte wütend: „Doch! Warum muss ich immer alles kaputt machen?“

Schwimme ich noch auf der Welle dieses Bilderbuchtages oder rührt mich seine tiefe Betroffenheit? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich gott-froh über meine eigene Reaktion bin.
Obwohl diese Tasse etwas Besonderes für mich war -ich habe sie bei einem Workshop in einem superschönen Atelier selbst bemalt- verliere ich kein böses Wort. Ich nehme meinen Sohn in den Arm, sage ihm, dass er sich keine Gedanken machen soll und dass ich ganz bestimmt mal wieder eine neue Tasse bemalen werde. Und ich füge schmunzelnd hinzu: „Weißt Du: Du bist mir wichtiger als die Tasse!“
Ein bisschen hadert er noch mit seinem Missgeschick, aber ich merke, dass er durch meine Worte getröstet ist.
Sternstunde der Mütterlichkeit.
Ich bin so, so dankbar, dass dieser Zwischenfall nicht in einem Moment passiert ist, in dem ich müde, überarbeitet und gereizt war. Denn so gut kenne ich mich, dass ich genau weiß: Es hätte auch anders ausgehen können. An einem schlechten Tag hätte ich mich vielleicht geärgert und geschimpft, statt Trost zu spenden und mich über mein Kind zu erbarmen.

Worte haben Macht.
Das wissen wir alle.
Könnt Ihr Euch auch an Worte erinnern, die Euch bis ins Mark getroffen, verunsichert und verletzt haben und wie ein Schmutzfleck auf Eurer Seele hängen geblieben sind?
Ich schon.
Und könnt Ihr Euch an Worte erinnern, die Euch Flügel verliehen, ein Licht in Euch angezündet und Euch vielleicht sogar zu neuen Ufern haben aufbrechen lassen?
Ich schon.

Die Bibel weiß auch um diese Wahrheit:

A word out of your mouth may seem of no account, but it can accomplish nearly anything- or destroy it!
(James 3, 3.4; the Message)
Ein Wort aus Eurem Mund mag Euch bedeutungslos erscheinen, aber es kann so gut wie alles ausrichten- oder aber zerstören!

Gestern Abend war mein eigener Liebestank so reichlich gefüllt, dass mir die guten und richtigen Worte wie von selbst von den Lippen kamen.
Natürlich könnte ich auch andere Geschichten erzählen, bei denen ich die Geduld verloren und hinterher viel Zeit und Energie investiert habe, um wieder neu das Vertrauen meiner Kinder zu gewinnen und gute Samen statt negativer Botschaften in ihre Herzen zu pflanzen.
Aber alles hat seine Zeit.
Und heute ist es Zeit, um meinen Kompass auf ein Ziel auszurichten, das mir auch weiterhin Sehnsucht macht nach wohltuenden, lebensspenden Worten:

„Say only what helps, each word a gift“
Sprich nur hilfreiche Dinge aus. Lass jedes Deiner Worte ein Geschenk sein.”
(Epheser 4,29, the Message)

Spielraum ist da noch viel…
Aber Gnade auch.

 

P.S.:
Die Tasse ohne Henkel werde ich aufbewahren. Sie bekommt sogar einen Platz in meinem relativ neu erworbenen Mini-Regal, das ich mir noch vor ein paar Wochen zum Geburtstag ausgesucht habe- eigentlich für besonders schöne Schmuckstücke 😊. Aber gute Erinnerungen sind ja auch Schmuckstücke. Oder etwa nicht?

Hinter dem Dunkel

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Foto: James Chan, pixabay

Mein Mann hat es gut.
Nicht nur, weil er mit mir verheiratet ist 😉.
Nein, er hat es zurzeit vor allen Dingen deswegen gut, weil er im Hier und Jetzt lebt.
Er ist einfach nicht der Typ, der sich stundenlang den Kopf über Dinge zerbricht, die er nicht weiß. Wenn es ihm möglich ist zu planen, dann plant er. Und zwar mit viel Weitblick.
Wenn er eine Sache aber nicht abschätzen kann oder es nicht zwingend nötig ist, zu handeln, dann lässt er die Dinge auf sich zukommen.
Sehr weise. Und beneidenswert, besonders in dieser Zeit.

Für mich bedeutet das allerdings, dass ich ihn nicht gut in Gespräche über mögliche Zukunftsszenarien verwickeln kann. Wenn ich mir überlege, wie unser Leben im Angesicht von Corona wohl in zwei, drei Monaten oder gar Jahren aussieht, bringt es nicht viel, sich mit ihm darüber austauschen zu wollen. Da kommt nix. Man(n) weiß es halt nicht. Deswegen nützt auch alles Spekulatius nix. Und ich sitze dann allein da und grüble…☹.

Gestern, als wir wie viele Tausende andere auch an „Deutschland betet gemeinsam“ teilgenommen haben, ist mir ein Foto in den Sinn gekommen, das ich vor mehreren Jahren mal im Internet gefunden habe. Es war natürlich urheberrechtlich geschützt und ich war schon in Kontakt mit der Fotografin, um das Bild digital zu kaufen. Leider habe ich die Sache dann irgendwie aus den Augen verloren…
Zu sehen war auf dem Foto ein langer, schwarzer, gemauerter Gang. Am Ende des Ganges dann eine bogenförmige Öffnung und die Silhouette zweier Gestalten: Aus dem schwarzen Tunnel ins Licht tretend konnte man einen Mann erkennen, der ein Kind an der Hand führt.
Trotz des dunklen Tunnels, der eigentlich einen Großteil des Bildes eingenommen hat, verströmte es Hoffnung und Geborgenheit.
Als wir gestern in virtueller Gemeinschaft Psalm 23 gebetet haben, kam mir diese Fotografie wieder in den Sinn.

„Und wandere ich auch im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück.“
(Psalm 23,4)

Ganz ehrlich: Mein Tal ist Moment gar nicht finster.
Mir geht es gut, richtig richtig gut.
Im Vergleich zu Millionen anderer Menschen fast unverschämt gut.
Aber erstens lässt mich das Elend, von dem ich tagtäglich höre und lese, nicht kalt.
Und zweitens spüren wir ja alle, dass auch unsere Zukunft ungewiss ist. Unsere vermeintlichen Sicherheiten werden erschüttert. Das Wohlstandsfundament, auf dem wir viele Jahrzehnte stehen durften, wird wackelig. Unser wunderbares Gesundheitssystem, für das ich schon viele Male dankbar war, ist nicht unerschöpflich. Was ich tag-täglich an Komfort und Luxus als selbstverständlich genommen habe, mag mir erhalten bleiben. Es mag aber auch wegbrechen (mein Mann sagt dazu leider nichts…).
Und dann???

Dann kommt wieder das Foto ins Spiel, das ich versucht habe, zu beschreiben (oh, ich würde viel darum geben, wenn ich es Euch zeigen könnte…). Ich habe es deshalb so geliebt, weil es für mich ein Bild für Gott selbst war:
Er geht mit durch den dunklen Tunnel. Er ist da, neben mir, hält mich an der Hand und führt mich durch tiefe Täler, dunkle Gänge, ungewisse Abgründe hindurch.
Wo ich nichts sehen kann, kennt er den Weg ins Licht.
Er führt mich hinaus und ich kann ihm vertrauen.

Ja, vielleicht wird es dunkel und schmerzhaft und schwer, so wie es für all diejenigen schon ist, die mit dem Virus kämpfen, die im Sterben liegen, die eine geliebte Person verloren haben oder über Leben und Tod entscheiden müssen.
Zu gerne würde ich ausweichen oder Abkürzungen nehmen.
Aber das geht nicht.

Mein Gebet für Dich und mich ist, dass wir jetzt nicht in Angst und Panik verfallen.
Du und ich, wir haben die Chance, ein ganz neues und tiefes Vertrauen zu lernen.
Schon vor Corona wusste ich, dass ich noch damit ringe, Gott die ganze Kontrolle über mein Leben zu geben. Mir war bewusst, dass ich in verschiedenen Lebensbereichen noch an meinen Vorstellungen, meinen Fähigkeiten (so begrenzt sie auch sein mögen), an meinem Ego festhalte. Ich habe dafür gebetet, dass Jesus mir hilft, die Kontrolle loszulassen.
Nun haben sich die Umstände geändert und die Kontrolle wird mir -wenigstens zum Teil- ohnehin genommen.
Ich erkenne meine Abhängigkeit von Gott.
Meine Hilflosigkeit angesichts erdrückender Nöte und bedrohlicher Nachrichten.
Diese Abhängigkeit – ich möchte sie heute umarmen.

Und in dem Moment,
in dem ich das tue,
werde ich umarmt.

Von dem Gott,
der für mich an Karfreitag durch die Finsternis geht,
damit ich ans Ziel komme.

„In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.“
(Johannes 16,33)

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Foto: Johannes Gressberg, pixabay

Still. Stand.

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Foto: pixabay von pasja 1000

 

Viel ist schon gesagt und geschrieben worden über die Krise, die uns momentan befallen hat und der keine/r von uns ausweichen kann.
Informationen überschlagen sich; neue Verordnungen mischen sich mit Falschmeldungen, Berichte aus roten Zonen und Krisengebieten machen ebenso die Runde wie besorgte Fragen und die Mahnungen, Ruhe zu bewahren und weder panisch zu hamstern, noch sorglos zu feiern.
Alle Kommunikation – bis auf die Falschmeldungen natürlich!!!- hat ihre Berechtigung.
Wir suchen Halt durch Informationen und Austausch.
Das ist völlig normal und macht auch unseren Kern als soziale Wesen aus.

Corona hält uns aber auch eine Tatsache vor Augen, die vor allem wir privilegierten, leistungsorientierten Westler oft nicht im Blick haben:
Wir haben nicht alles im Griff.
Bis vor wenigen Tagen lief der Alltag noch geordnet und smooth vor sich hin (so scheint es jedenfalls im Rückblick 😊): Urlaubsplanung, Hausaufgaben, Job, Ehrenamt, Einkaufstouren, Fußballturniere, Pausenbrote… Alles ging seinen Gang.

Der ist jetzt runtergeschaltet.

Trotz aller Informationsfülle:
Es wird still.
Weniger Termine. Weniger Verpflichtungen. Weniger Besorgungen. Weniger Kontakte.
Zwangspause.
Stillstand?

Meine persönliche Stille möchte ich nicht nur mit sorgenvollen Gedanken füllen.
Wie die meisten anderen Mütter und Väter spüre auch ich, dass ich Kraft und Weisheit brauchen werde, um die vor uns liegenden Tage und Wochen trotz Zwangspause mit Leben zu füllen.

Und das beginnt für mich zuallererst in meinem eigenen Herzen:
Ich bitte Jesus darum, dass ich die Stille nutzen werde, um ihn zu suchen.
Still werden, um meinen Stand in ihm zu finden.
Still werden, um das in mir aufzunehmen, was mein eigenes Herz und auch das Herz meiner Familie in diesen merkwürdig stillen und doch stürmischen Zeiten braucht:
Die Vergewisserung, dass bei Jesus nichts außer Kontrolle gerät.
Die Vergewisserung, dass er an jedem Tag der Krise bei uns sein wird.
Die Vergewisserung, dass ich bei ihm die nötige Kraft, Geduld und Weisheit für jeden einzelnen Tag finden werde.
Die Vergewisserung, dass der äußerliche Stillstand mir inneres Wachstum schenken wird, wenn ich auf Jesus schaue.

Das möchte ich probieren, demütig, unvollkommen, mal hoffnungsvoll und mal ängstlich, so wie ich eben bin.

Und für heute finde ich meinen Stand in der Stille, wenn ich mich an diesem Vers festhalte:

God cares, cares right down to the last detail.
(Jakobus 5, 11; The Message).

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Foto: pixabay, von Tanya Patxot

But I can´t see in the dark…

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Foto von: Binho Bianchi, pixabay

Ich kann mich noch gut an Ian erinnern:
Ein 5-jähriger Junge, eher klein für sein Alter, rundes Gesicht, große braune Kulleraugen unter einem dunklen Lockenkopf.
Unser Kennenlernen stand zunächst unter keinem guten Stern:
Ich war gerade neu in das Team einer amerikanischen Kindertagesstätte gekommen. Es war mein erster Tag dort.
Beim Frühstück saß ich neben ihm. Er wirkte in sich zurückgezogen, fast verschlossen und schien in Gedanken ganz woanders zu sein.
Alle anderen Kinder hatten ihre Mahlzeit längst beendet und waren zum Spielen übergegangen.
Unbedarft wie ich war, versuchte ich, Ian beim Essen etwas zur Eile bewegen: „Komm, iss mal auf, Ian. Die anderen spielen alle schon.“ Oder: „Ian, wir wollen bald rausgehen. Es wäre doch schade, wenn Du bis dahin nicht fertig bist.“ „Ian, gleich muss das Geschirr in die Küche gebracht werden. Iss lieber auf, sonst schaffst Du Deine Portion nicht mehr rechtzeitig.“
Aber egal, was ich auch probierte- weder gutes Zureden noch sanftes Drängen oder motivationspsychologische Tricks und Kniffe halfen, um Ians Tempo zu beschleunigen. Eher im Gegenteil: Aus seinen großen Augen sah er mich nur stumm und vorwurfsvoll an und brauchte eine weitere Viertelstunde, um seinen Joghurt auszulöffeln.
Ich sollte schnell herausfinden, dass sich dieselbe Routine jeden Tag wiederholen würde: Ian hatte bei den Mahlzeiten seine ganz eigene Zeitrechnung. Und niemand- außer mir- war so verrückt, das ändern zu wollen.

Unser Verhältnis blieb weiterhin angespannt.
Ian schien mir meinen pädagogischen Eifer nachzutragen. Sein Gesichtsausdruck, der ohnehin schon ein wenig misstrauisch wirkte, verfinsterte sich, sobald ich irgendetwas von ihm wollte: Aufräumen, Jacke anziehen, Pinsel auswaschen -er schien nicht bereit, zu kooperieren, egal mit welchem „Auftrag“ ich an ihn herantrat.

Zur Routine in der Kita gehörte, dass die Kinder sich nach dem Mittagessen auf kleinen Matten zu einem Mittagsschlaf hinlegen sollten.

Bei einer dieser Mittagsruhezeiten saß ich neben Ians Matte. Ich streichelte ihm den Rücken und sprach beruhigend auf ihn ein.
„Close your eyes, Ian, so you can fall asleep.“
„But, Miss Barbara, I can´t see in the dark.”
Das war nun natürlich ein Einwand, den ich nicht so ohne Weiteres entkräften konnte. Wie meinte dieser kleine Kerl das nur? Störte es ihn, dass die Vorhänge zugezogen waren, oder wollte er lieber mit offenen Augen schlafen?!?

„I know Ian, but unless you close your eyes you won´t be able to fall asleep. I know you must be tired.”
“No, I´m not tired”, sagte er und gähnte.
“ I think you are. You were playing outside the whole morning.”
Wir diskutierten noch eine Weile darüber, ob er nun müde sei oder nicht, ohne zu einem einvernehmlichen Ergebnis zu kommen.
Ich wiederholte meine Aufforderung: „Ian, just close your eyes now. You will be sleeping in no time.“
Und wieder seine Antwort, diesmal fast verzweifelt: „Miss Barbara, I can´t see in the dark.“

Eins war klar: Mit Logik würde ich nichts erreichen.
Da war etwas, das ihn ängstigte, ob es nun draußen hell war oder nicht, ob nun Tageslicht durch die Vorhänge drang oder nicht, ob es nun nötig war, beim Schlafen die Augen zu schließen oder nicht.Diese Kinderseele brauchte eine andere Art von Antwort, keine rationale Abhandlung über die Lichtverhältnisse im Gruppenraum.

„Ian, I love you.“

Es kam wie eine Eingebung.
Ich hatte bis dahin keine besonders starke Sympathie zu diesem eigenwilligen Kind empfunden, war latent genervt, dass Ian sich häufig so widerspenstig und unkooperativ zeigte und hätte ihn sicher nicht zu meinen Lieblingen in der Gruppe gezählt.
Und doch fiel mir dieser Satz zu und wurde Wirklichkeit, sobald ich ihn ausgesprochen hatte.

Er änderte alles.
Das Eis war gebrochen.

Ian schlummerte an diesem Nachmittag friedlich ein.
Und er wich mir von da an nicht mehr von der Seite. Bei jeder Mahlzeit wollte er neben mir sitzen, wurde quengelig, wenn ich gehen musste und hat sogar- wenn ich mich richtig entsinne- meistens aufgeräumt, sobald ich ihn darum gebeten habe.
An meinem letzten Arbeitstag in der Kita hat er bitterlich geweint. Wenn ich daran denke, empfinde ich noch heute eine Mischung aus Rührung und Traurigkeit.

Mir geht’s auch manchmal so wie Ian:
Ich mag die Dunkelheit nicht.
Ich mag es auch nicht, wenn ich nichts sehen kann und doch so gerne wissen möchte, wie es weiter geht:
Wird sich mein Vater bei uns einleben, sich an den Lärm im Haus gewöhnen und sich mit seinen über 80 Jahren nochmal an eine neue Heimat gewöhnen können?
Werde ich einen Weg finden, die Sorge darum loszulassen?
Wie wird sich mein Sohn seinen Weg ins Leben bahnen, trotz Asperger- Diagnose und spezial- gelagerten Interessen samt Kommunikationseigenheiten?
Wann wird mein Herzschlag wieder ruhiger und mein Schlaf dazu?

Ja, genau, der Kreis schließt sich:
Ich brauche das gleiche wie Ian.
Die Hand, die sanft über meinen Rücken streicht und die Stimme, die mir freundlich zuflüstert:
I love you.
Also werde ich mir herausnehmen, was ich mir im Alltag schnell rauben lasse und was doch immer wieder mein Herz-Zentrum bleibt:
Die Zeit mit meinem Jesus, der mich zum ersten Mal angesprochen hat, als ich vier oder fünf Jahre alt war und meine Mutter mir ein schlichtes Abendgebet beigebracht hat.
Ich kann von Ian lernen, der inzwischen erwachsen ist und sich mir damals mit so blindem, kindlichem Vertrauen an die Fersen geheftet hat: Geh dahin, wo Du die Stimme hörst. Die Stimme, die Dir sagt: I love you.

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Bild von Ruby und Pete Skitterians, pixabay

Blick zurück nach vorn

Was ist im vergangenen Jahr in den Boden meines Lebens gefallen?
Was musste losgelassen und untergepflügt werden?
Welche Samen wurden gesät, was ist gewachsen und was wurde beschnitten?
Welche Wurzeln möchte ich am liebsten wieder ausreißen?

Das Weizenkorn

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Foto von Juanita Mulder, pixabay

Ich erinnere mich an einen Moment ganz besonders, als ich im Garten meiner elterlichen Wohnung stehe, gerade eben aus dem Krankenhaus zurückgekehrt, wo meine Mutter in der Nacht verstorben ist. Wir haben Mitte Mai. Das Blumenbeet scheint wie ein Meer aus Vergissmeinnicht und leuchtet mir in der späten Vormittagssonne blau entgegen. Auf dem Gras liegt, zart und weiß und flauschig, eine winzig kleine Vogelfeder. Ich hebe sie auf und streiche sacht mit den Fingern darüber.
Noch wollen mein Verstand und mein Gefühl nicht fassen, dass ein geliebter Mensch gerade vom Erdboden verschwunden ist.
Da taucht zum ersten Mal in meinen Gedanken dieser Vers auf: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12,24).
Obwohl der Schmerz noch überwältigend ist, bekomme ich die tiefe Gewissheit geschenkt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Meine Mutter musste ihr Leben loslassen und gehen. Ich musste sie loslassen und habe damit auch ein Stück meiner Kindheit verloren.
Aber ich glaube daran, dass sie nicht ins Nichts gefallen ist, sondern in einen neuen Boden und ein neues Leben gepflanzt wurde, von dem ich noch nichts sehen kann.

Was ich sehen kann, ist der Teppich aus Blüten, der sich vor mir ausbreitet, blau wie die Farbe der Ewigkeit.
Und immer wieder in den kommenden Tagen sehe ich da und dort eine kleine, luftige Vogelfeder auf der Erde liegen, unscheinbar und fast schwerelos.
Ob es stimmt, dass Federn ein Zeichen für die Gegenwart Gottes sind?

Das Weizenkorn ist gesät.
Und ich sehe im Traum meine Mutter, strahlend, gesund und glücklich. Sie trägt Blau…

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Foto von cocoparisienne, pixabay

Marathon
Äußerlich gesehen bin ich viele Schritte gegangen in den vergangenen 12 Monaten. Gefühlt ein Marathonlauf.
Schritte, die mich ins Krankenhaus geführt haben, wackelige Schritte mit Schwindel nach meiner OP und Schritte ins Ungewisse, wie mein Hormonpegel sich ohne Schilddrüse wohl regulieren wird. Das geht erstaunlich gut.
Dann viele Schritte und Fahrten zum Kranken- und Sterbebett. Schritte ans Grab.
Und ganz viele ganz alltägliche Schritte:
Beruflich geht vieles voran, aber immer noch fühle ich mich zeitweise unorganisiert und latent überfordert mit meiner Doppelrolle als Mutter und Berufstätige. Viele Bälle gleichzeitig zu jonglieren, war noch nie meine Stärke. Ich hoffe, dass ich darin besser werden kann.

Die Wochenenden, die ich mir eigentlich immer als Oase der Ruhe, das Auftankens und der Familienzeit herbeisehne, waren randvoll gepackt mit Renovierungsarbeiten und Projekten rund ums Haus, da wir die Einliegerwohnung für meinen Vater fertiggestellt haben, der am Nikolaustag eingezogen ist. An manchen Sonntagen habe ich mich so gefühlt, als könnte ich gerade mal ganz kurz Luft holen, bevor wir uns dann montags alle wieder mit voller Kraft ins Alltagsleben gestürzt haben.
Irgendwie geht ja dann doch immer mehr als man denkt, und so haben wir alle durchgehalten und auch diese anstrengende Phase bewältigt, mit hängender Zunge und etwas k.o., aber noch bei halbwegs klarem Verstand…

Der Boden meines Herzens
Innerlich ist auch ein Stein ins Rollen gekommen, der lange auf meiner Seele gelastet hat. Ich wollte weiter vorstoßen zu der Wurzel meiner Ängste und der Momente, in denen ich mich selbst für mich schäme, mich ablehne oder verurteile. Mühsam erobertes Land war mir wieder abhandengekommen und ich habe gemerkt, dass die Heilung zwar begonnen hatte, aber noch nicht so tiefgreifend stattgefunden hat, wie ich das dachte und wünschte.
Also doch wieder demütig sein, nicht Stärke und Perfektion vortäuschen, sondern wieder mal eine Runde Seelsorge in Anspruch nehmen… (knirsch)- und was soll ich sagen: Manchmal sind die Momente, die wir am liebsten mit schwarzem Edding aus unserer Geschichte rausstreichen wollen, dann die allerbesten. Mit einer liebevollen, erfahrenen und mütterlichen Frau aus unserer Gemeinde habe ich einen Abend lang geredet, gebetet und geweint. Sie hat ihre starke seelsorgerliche Gabe für mich genutzt und glasklare Impulse von Jesus empfangen, die ein ganz neues Licht auf meine unschöne Teeniezeit geworfen haben. Ja- tatsächlich brauche ich noch Trost und Heilung für Dinge, die schon mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Krass. Aber um so großartiger, dass Gott sich an jeden einzelnen Tag meines Lebens erinnert und ihm nicht entgangen ist, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich hoffe inständig, dass es nicht noch viele weitere Jahrzehnte braucht, bis ich mich durch alle Schichten meiner Biografie gearbeitet habe. Und wenn doch? Dann gilt: Zu viel Selbstoptimierung ist auch nicht gut…

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Foto von Chesna, pixabay

Die lieben Kleinen und Größeren
Die Kinder werden größer -wer hätte damit gerechnet?!?- und wir merken, dass wir manche Familienaktivitäten gar nicht mehr gemeinsam unternehmen können oder wenn, dann doch nicht mehr lange. Spielplätze, Strandtage und viele der guten alten Spieleklassiker sind bei den beiden Größeren ziemlich out. Dennis und ich brauchen gute Ideen, um trotzdem den Familienzusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken (Anregungen herzlichst willkommen 😉), zumal die Stimmung zwischen den Geschwistern oft angespannt ist. Zwei Beinahe-Teenies machen sich auf den Weg, sich selbst und ihren Platz im Leben neu zu finden, während die Jüngste noch dabei ist, ihre Kindheit und ihren Spieltrieb in vollen Zügen auszuleben. Da prallen manchmal Welten aufeinander…

Was bleibt?
Die Erkenntnis, dass ich mich 2020 nicht so (über-)fordern möchte wie im vergangenen Jahr. In der Gemeinde werde ich wohl ein oder zwei Aufgaben ruhen lassen.
Gelassenheit ist das Fernziel; das ein oder andere Sein-Zu-Lassen immerhin ein Anfang.

Was kommt?
Die Kalender füllen sich von allein. Wenn ich keine Stoppschilder aufstelle, werden sich Aufgaben und Anforderungen einfach in mein Leben hineindrängen und sich frech auf meinen Ausruhplätzen breitmachen.
Raum schaffen möchte ich für Freundschaften, die im vergangenen Jahr zu kurz kamen. Für das Mutter-Tochter-Wochenende mit meiner „Lieblings-Mittleren-Tochter“. Für einen freien Vormittag im Monat, an dem ich rumgammel, im Café sitze, schreibe oder Dekoläden leerkaufe. Und, ganz wichtig: Fürs Gebet, ohne das ich verschrumpeln würde wie so viele meiner Zimmerpflanzen.

Ein frohes, neues Jahr wünscht Euch herzlichst
Barbara