Archiv für den Monat März 2014

Frühling auf kanadisch

Jaja, das Wetter…
Voller Sehnsucht schaue ich dieser Tage auf Deutschland und die dortigen Temperaturen.  Die Bilder, die ich von grünen Wiesen, Sonnenstrahlen, kurzärmeligen Spaziergängern und den ersten Blüten sehe, lassen mich die Frühlingsluft förmlich atmen. Ich meine schon, die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren und diesen unnachahmlichen Frühlingsduft wahrzunehmen- da fällt mein Blick nach draußen, wo gerade ein eisiger Wind die Schneeflocken durch die Luft wirbelt und sehr deutlich zu verstehen gibt, dass hier noch kein Frühling ist…

In unserem ersten Jahr in Kanada- wir kamen Ende Februar hierher- war ich ziemlich aufgebracht, wenn ich die Leute vom Frühling reden hörte. Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und ein paar Sonnenstrahlen ließen die Leute von „spring“ reden- ich war total empört und hörte mich öfters den Satz sagen: „Die haben hier ja überhaupt keine Ahnung, was Frühling ist.“ Es sollte noch bis Ende April dauern, bis die Temperaturen so weit nach oben geklettert waren, dass ich das auch als „spring“ gelten lassen konnte.
Ich habe dazu gelernt. Ja, so ein herrlicher deutscher Frühling, wie die meisten von Euch ihn gerade wahrscheinlich genießen, ist schon was Tolles. Die Jacken kann man getrost zu Hause lassen, die Straßencafés haben geöffnet und in den Gärten fangen die Blumen und Sträucher an zu blühen. Traumhaft!

Kanadischer Frühling geht anders. Wenn im Winter die Temperaturen um die minus 20 Grad liegen und sich das ganze mit starkem Wind nochmal 5 bis 10 Grad kälter anfühlt, dann verändert sich logischerweise auch das Temperaturempfinden. Sobald das Thermometer  gerade so die Null-Grad-Marke knackt und der Dauerfrost vom Winter verschwindet, fühlt es sich hier tatsächlich frühlingshaft an- ob Ihr´s glaubt oder nicht.
Gestern hatten wir  so einen Tag. Was ich vor drei Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte, ist tatsächlich passiert:  Bei (gerade mal)  8 Grad und  Sonnenschein waren wir uns alle einig: „Toll, jetzt wird es Frühling!“ Und sind gleich raus auf den Spielplatz gegangen, der noch mit reichlich Schnee bedeckt, aber unter der (warmen!) Sonne doch sehr einladend war.
Die Kinder haben die Sonnenstrahlen genossen und sind im Schnee herumgetollt wie junge Hunde. Irgendwann haben sie dann beschlossen, dass sie sich alle zusammen  in die Nestschaukel legen und dabei in den blauen Himmel hineinblinzeln wollen. Ich wurde natürlich dafür eingespannt, die Schaukel auch am Laufen zu halten. Das habe ich in diesem Fall sehr gerne getan: ein Knäuel von Kindern, die sich wohlig in der Schaukel räkeln, sich von der Sonne bescheinen lassen und- jetzt kommt das niedlichste daran- alle drei eine Melodie vor sich hin summen- und zwar jedes Kind eine andere!! Das war ganz eindeutig einer dieser gesegneten Momente,  in denen man am liebsten rufen möchte: „Halt, Zeit, bitte anhalten! Ich möchte diesen Augenblick festhalten und dann soll er für immer bei mir bleiben!“  Völliger Friede und völlige Harmonie (wenn man mal von den Tönen absieht…), alle drei Kinder damit beschäftigt, sich zu freuen, den Moment zu genießen und einfach glücklich zu sein mit dem Leben, so wie es jetzt gerade ist. DANKE, HERR! DANKE DANKE DANKE!

Noch eine kleine Anekdote, bevor ich meine Betrachtungen zum Wetter für heute beende:
Abgesehen von gestern gab es  in diesem Jahr bisher vielleicht noch vier, fünf andere Tage,  an denen es sich nach kanadischem Frühling angefühlt hat.
Annie stand dann jedes Mal draußen auf unserer Auffahrt und hat ganz verzückt gesagt: „Ein richtig schöner Sommerabend heute, stimmt´s, Papa?“

Ääähm. Ja. Ich geh dann mal die Shorts aus dem Schrank holen…

Jede Seite hat zwei Medaillen…

…wie mein Mann zu sagen pflegt (nein, nein, er bringt da nichts durcheinander…).
Scheint was dran zu sein.
Montagabend bei uns zu Hause. Beiläufig frage ich Dennis, was er gerade am Computer macht. Seine Antwort: „Das willst Du gar nicht wissen.“ Ich, noch guter Dinge, sage: „Doch. Deswegen habe ich Dich ja gefragt.“ Antwort: „Ich schaue nach Flügen.“ Arglos wie ich bin, denke ich noch, dass er sich um unsere Reise nach Deutschland kümmert, die wir für den Sommer planen. Aber weit gefehlt: „Ich fliege nach Pittsburgh nächste Woche.“
Bäääääng. Autsch.
Ich hasse Geschäftsreisen. Also, ich hasse es, wenn Dennis auf Geschäftsreise geht (ich selbst habe damit noch nicht so viel Erfahrung gesammelt). Der Grund dafür ist hauptsächlich der, dass ich nicht gerne ohne ihn im Haus bin. Wenn ich abends ins Bett gehe und nicht sofort, von Müdigkeit überwältigt, einschlafe, fange ich an, unruhig in die Nacht zu lauschen. Jedes kleine Geräusch lässt mich dann hochschrecken und horchen, ob nicht irgendjemand gerade dabei ist, in unser Haus einzubrechen und mich und die Kinder zu bedrohen. Total kindisch, ich weiß. Ich hab auch schon alles Mögliche probiert, um dieser Angst Herr zu werden. Letzten Endes weiß ich, dass ich nur ruhig schlafen kann, wenn ich mich ganz in Gottes Hände befehle und seinem Schutz für die Nacht vertraue. Das übe ich ein, immer und immer wieder, bis hoffentlich eines Tages der Friede und die Ruhe in meinem Herzen stärker sind als meine Angst vor der Nacht.
Nun ja, das ist es also, warum ich es nicht mag, wenn Dennis nach Flügen schaut, die er ohne mich unternehmen möchte.
Allein die Ankündigung, dass er in der kommenden Woche- die noch dazu besonders stressig und turbulent sein wird- verreist, lässt meinen Optimismus und mein Lebensgefühl erstmal in sich zusammen brechen. Kein Bock auf diese blöden Nächte. Kein Bock auf die Lektionen, die ich dabei lernen soll (ja, Gott, ich weiß ja schon….!!!). Kein Bock auf Stress.
Und was macht die gestandene und gereifte Frau in solch einer Situation? Natürlich: Sie versucht, verbal und nonverbal, ihrem Unmut Luft zu machen, möglichst einsilbig, grummelig und pampig zu sein, damit der Ehemann merkt, wie unmöglich es von ihm ist, sich einfach so für irgendein ach so wichtiges Meeting aus dem Staub zu machen. Und glaubt mir, das kriege ich hin, SEHR GUT sogar!!!

Die Versöhnung bleibt an diesem Abend aus. Keiner von uns beiden fasst das heiße Eisen an. Mehr oder weniger angep… gehen wir zu Bett.

Die gestandene und gereifte Frau weiß, dass das nicht gut ist.
Am nächsten Abend fasst sie sich ein Herz und versucht zu erklären, warum sie am Vortag so doof reagiert hat und weshalb sie immer noch nicht gut damit klarkommt, wenn sie die Stellung alleine halten soll.
Nach dieser Entschuldigung und Selbstoffenbarung erwartet sie Mitgefühl, Verständnis, Vergebung.
Doch weit gefehlt. Es passiert etwas ganz anderes: jetzt packt der Ehemann aus…
Dennis erklärt, wie sehr er davon genervt ist, dass er seine Reisetätigkeit schon auf ein Minimum einschränkt, während ich ihm immer noch oft genug eine Szene mache, sobald er für ein paar Tage wegfährt. Wenn er könnte, wie er wollte, wäre er locker doppelt so oft unterwegs. Schluck. Damit hat die gestandene und gereifte Frau nun gar nicht gerechnet. Und braucht erstmal eine Weile, um diese Information zu verdauen.

Die richtige, tolle, dicke, tränenreiche und herzliche Versöhnung haben wir an diesem Abend nicht erlebt. Das Dilemma steht noch im Raum. Wir werden es wohl nie vollständig auflösen können, denn Dennis wird sich – selbst nach jahrelangem Nörgeln meinerseits- nicht auf einen 9 –to-5- Job bewerben. Und er wird voraussichtlich auch nie eine Arbeitsstelle haben, bei der er nur mal eben schnell in den Nachbarort fährt, um ein paar neue Büroklammern zu kaufen. Aller Voraussicht nach wird er weiterhin ein „business- Kasper“ bleiben und ab und an durch die Welt jetten, um die fette Kohle zu machen. Und ich werde voraussichtlich auch weiterhin abends wach im Bett liegen und beten, dass Jesus mich beschützt, wo doch mein Mann weg ist und nicht für mich kämpfen kann, wenn mal wieder imaginäre Leute ums Haus schleichen, die mir Böses wollen.

Was lerne ich nun aus dieser Lektion?
Ja, genau, jede Seite hat zwei Medaillen. Während ich beleidigt bin, dass Dennis schon wieder verreist, gibt er sich alle Mühe, um nicht allzu oft von uns weg zu sein. Während ich ihn rücksichtslos und egoistisch finde, weil er seine Karriere vorantreibt und mich zu Hause sitzenlässt, versucht er, alles möglichst gut in Balance zu halten und sowohl seinem Beruf als auch seiner Familie gerecht zu werden. Ich habe nur auf meine Seite der Medaille geschaut, um im Bild zu bleiben, und habe damit unsere Beziehung belastet. Dennis ist wahrscheinlich auch nicht in jeder seiner (Reise-)Minuten immer selbstlos gewesen und hat sicher auch schon die eine oder andere Auszeit von der Familie von Herzen genossen. Aber zusammenbleiben, also so richtig im Herzen und im Denken und im Fühlen zusammen bleiben können wir als Partner nur, wenn wir die Seite auch umdrehen und die andere Medaille anschauen- oder wie rum gehört das Ganze jetzt nochmal…?
Spaß machen tut das oft nicht. Es wäre einfacher und schöner, nur meinen Blickwinkel gelten zu lassen und zu versuchen, meine Interessen durchzuboxen.
Aber am Ende werden wir beide gewinnen. Ich werde mit Jesus die Nächte durchwachen, durchbeten oder durchschlafen, je nachdem wie gut es läuft. Und daran wachsen. Und Dennis wird mal reisen und mal nicht, wird Kompromisse eingehen und abwägen müssen. Und am Ende wachsen, weil er sich seiner Verantwortung stellt, zu Hause und im Job.
Und wenn ich ihm diese Freiheit lasse und er mir ab und zu Rückendeckung gibt, dann wird auch unser gegenseitiges Vertrauen noch weiter wachsen. Und wir werden weiter gute Freunde sein.

… in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient.  (Philipper 2,3)

Und so lebten sie glücklich und zufrieden, und am Schluss bekam jeder für seine Wohltaten eine Medaille vom anderen verliehen, und siehe, sie hatte zwei Seiten. Amen.