Archiv für den Monat Mai 2016

Morgens, halb elf, in Deutschland

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Meine stets adrette Nachbarin hat letzten Samstag bei uns geklingelt. Es war halb elf. Ich war noch nicht angezogen, musste aber aufmachen, weil unsere Türe verglast ist und die Nachbarin (eine sehr nette Frau übrigens) mich schon entdeckt hatte. Ich unterdrückte meinen Fluchtreflex und öffnete. Hier kommt die Beschreibung meines Outfits:

Weil ich oft kalte Füße habe, ziehe ich morgens immer gleich Socken an. Schwarze Socken, weil ich andere nicht besitze. Immer wenn ich meine Hausschuhe nicht finde, trage ich stattdessen Flip Flops. Im Moment habe ich rosafarbene aus Plastik, die ich beim Dollarstore auf Vancouver Island gekauft habe (gut, dass der hässliche Aufdruck ziemlich schnell verblasst ist). Schwarze Socken und rosafarbene Plastik-Flip-Flops also.

Meine Mutter hat es sich zur Aufgabe gemacht, mich regelmäßig mit neuen Schlafanzügen zu versorgen. Ich habe sehr viele Schlafanzüge. Die meisten sind sogar geschmackvoll. Das Exemplar, das ich an jenem Tag anhatte, ist nur leider eines, das beim Waschen eingelaufen ist. Die Hosenbeine sind weit geschnitten, hören aber auf 7/8 –Länge auf. Ein bisschen sehe ich damit aus wie ein Clown… Mein Schlafanzugsoberteil ist nicht ganz so stark eingelaufen wie die Hose und hat lila Streifen.

Weil ich leicht friere, brauche ich morgens auch noch etwas zum Drüberziehen. Dafür habe ich eine modische Anleihe bei meiner leider verstorbenen, von mir sehr geliebten Großmutter gemacht und hülle mich in einen sogenannten „Morgenmantel“. Das ist in meinem Fall nichts anderes als ein Bademantel (meine Oma war eine Frau mit Stil und kam da schon etwas eleganter daher). Ich habe zwei „Morgenmäntel“: Einen schönen mit Spitze und einen billigen, den ich mir mal last minute für einen Kurzurlaub gekauft habe. Letzterer sieht sehr plüschig aus, ist pinkfarben und hat Pailletten.

Ich fasse nochmal zusammen: Schwarze Socken, die in rosafarbenen Plastik-Flip-Flops stecken, ein eingelaufener Schlafanzug in 7/8-Länge (weiß und lila gestreift) und ein plüschiger, pinker Bademantel mit Paillettenaufsatz- so stehe ich um 10.30h an der Haustüre und tue so, als ob das genau das ist, was man halt so um diese Uhrzeit macht. Fehlen eigentlich nur noch die Locken-Wickler (aber bei meinen Naturlocken wäre das nun wirklich ein bisschen albern!). Verglichen mit meinem Outfit sieht Jamie-Lee einfach nur blass und altbacken aus.

Mit einem Gute-Laune-Lächeln versuche ich, meine modischen Faux pas zu kaschieren. Vor mir steht schließlich eine sportlich-elegante Erscheinung in lässigem Freizeitlook und strahlt mehr Dynamik aus, als ich in der ganzen letzten Woche hatte. Ich merke, dass mir das mit dem Kaschieren nur teilweise glückt, denn meine Nachbarin lässt ihren Blick mehrmals von ganz unten (Flip Flops) nach ganz oben (Pailletten) und wieder zurück wandern. Sie ist wirklich eine total nette Frau. Aber sie macht das unbewusst. Ich kann es ihr nicht übelnehmen.  Sie muss es schließlich auch erstmal verarbeiten…

Nach zwei, drei Minuten ist unsere Unterhaltung beendet. Sie macht sich auf zu einem Ausflug ans Meer. Und ich schleiche etwas betreten zu meinem Kleiderschrank. Wenn sie mich nicht so aufgehalten hätte, wäre ich ja schon längst angezogen…

Abends um halb sieben, kurz vor dem Abendessen, haben wir dann nochmal eine Begegnung. Ich komme gerade auf die Terrasse, um meine Kinderschar zum Abendessen zu bitten. Sie winkt mir über den Gartenzaun zu. Ich kann nicht anders und nehme einen lächerlichen Anlauf, um wenigstens ein bisschen meiner verloren gegangenen Würde zurück zu erobern:  „Hallo Ruth!“, rufe ich, und versuche, schwungvoll zu klingen: „ Ich bin jetzt auch angezogen!“

Das Gleichnis vom Weckglas

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Stell Dir vor, Du hast ein leeres Weckglas.

Die meisten von Euch werden jetzt gedanklich damit beginnen, es mit Paket- oder Geschenkband zu verschönern und hübsche Blumen darin einzupflanzen.

Mich erinnert es aber an eine Geschichte, die gerade sehr relevant für mich ist. Ich habe sie auf einer geschäftlichen Weihnachtsfeier in einem Hotel in Toronto gehört- das ist aber nicht so wichtig. Im Internet findet man sie häufig unter der Überschrift „Das Gleichnis vom Gurkenglas“ (ein Weckglas finde ich persönlich etwas stilvoller…:-)) und ich möchte sie Euch mit meinen eigenen Worten nacherzählen:

Stell Dir vor, Du hast ein leeres Weckglas.
Du nimmst jetzt einige große Steine, vielleicht fünf oder sechs, und legst sie übereinander in das Glas. Es ist jetzt bis zum Rand gefüllt. Du fragst Deine Kinder: Ist das Glas voll? Und sie antworten: Ja, klar ist es voll.

Dann holt Ihr von draußen ein paar Kieselsteine und lasst sie vorsichtig in das Glas hineinkullern. Sie passen prima in die Lücken zwischen den großen Steine hinein – das Glas war ja doch noch nicht ganz voll! Wieder schaust Du Deine Kinder an und fragst: Was meint Ihr – ist das Glas jetzt voll? Die Kinder nicken. Sieht doch jeder! Natürlich ist das Glas voll.

Du gehst mit ihnen zur Sandkiste und Ihr schaufelt etwas Sand in das Glas. Die feinen Sandkörnchen rieseln in die Lücken zwischen den Kieselsteinen. Tatsächlich- da ist immer noch genügend Platz! Nochmal wiederholst Du das Ritual und fragst: Und, was meint Ihr? Jetzt ist das Glas aber wirklich voll, oder? Die Kinder sind jetzt schon ein bisschen vorsichtiger mit ihrer Antwort und wägen ab. Dann kommen sie aber doch zu dem Ergebnis: Ja, jetzt isses voll. So richtig.

Mit einem Lächeln auf den Lippen tust Du etwas, das Deine Kinder überrascht. Du gehst in die Küche und nimmst zwei Kaffeetassen aus dem Schrank. Die Kaffeemaschine beginnt zu rattern und zu zischen. Kurz darauf fließt in jede der beiden Tassen ein feiner Strahl der dunklen Flüssigkeit hinein. Du nimmst die Tassen- und schüttest sie zu den großen Steinen, den kleinen Kieselsteinen und dem Sand. Und siehe da: Die Flüssigkeit sickert in all die winzig kleinen Ritzen und Zwischenräume, die sich in Deinem schönen Weckglas noch immer befinden.

So, das wars. Mehr geht jetzt wirklich nicht.
Natürlich seid Ihr alle schlau genug, um das Gleichnis zu entschlüsseln. Aber der Vollständigkeit halber möchte ich es trotzdem gerne mit Euch gemeinsam tun:

Das Weckglas steht für unsere Lebenszeit.
Die großen Steine symbolisieren die wichtigen Dinge in unsrem Leben. Für mich sind das: mein Glaube, meine Familie, meine Ehe, meine persönlichen Freiräume und meine Freunde.
Die Kieselsteine sind die Dinge, die uns auch viel bedeuten, die wir aber nicht an die allererste Stelle setzen. Für mich sind das: der Haushalt, meine Fortbildung, die Dinge, die ich ehrenamtlich tue und gute Bekanntschaften zu netten Menschen.
Der Sand soll all die Tätigkeiten symbolisieren, die so oder so zu unserem ganz alltäglichen Kram dazugehören: Arzttermine, Staubwischen, Überweisungen tätigen, Blumengießen, Rasenmähen, Aufräumen usw.
Was ist mit den Kaffeetassen, wollen die Kinder wissen. Wieso hast Du die noch reingeschüttet? Ja, die Kaffeetassen- die stehen dafür, dass es auch immer Platz gibt für spontane Dinge: für ein kleines Freudenfest, wenn der Mathetest gut gelaufen ist, für einen unangekündigten Besuch oder für eine Tasse Kaffee (!) mit der Nachbarin.

So muttertäglich scheint dieser Beitrag gar nicht daherzukommen. Aber wir Mütter sind oft diejenigen, die versuchen, den ganzen Familienbetrieb zusammenzuhalten, zu managen und die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse unserer Lieben unter einen Hut zu bekommen. Manchmal gelingt uns das gut. Und manchmal gerät dieser komplizierte Balanceakt auch aus dem Gleichgewicht.
Mir als Mutter zeigt das Leben gerade, dass ich meine Prioritäten neu sortieren muss. Wenn ich nämlich erst das ganze Weckglas mit dem Sand vollschütte, dann passen meine großen Steine gar nicht mehr rein…
Und wenn ich zuviel Kieselsteine drin habe, dann läuft mein Glas beim Kaffeetrinken vielleicht doch über…

Wie sieht Euer Lebensglas aus? Ich wünsche Euch, dass es in den nächsten Wochen mit schönen und kostbaren Steinen gefüllt wird. Und dass Ihr es ab und zu aus dem Regal nehmt und prüft, ob alles noch so sein soll, wie es gerade aussieht.

Ich hoffe, Ihr hattet einen glücklichen und sonnigen Muttertag!

Eure Barbara.

PS.: Diesen post widme ich meiner langjährigen Freundin Tine, die mich- ohne es zu wissen- zum Nachdenken über mein Lebensglas gebracht hat.