Archiv für den Monat Februar 2016

When too perfect…

Manchmal treffen einen die Inspirationen ja in völlig unerwarteten Momenten. So ging es mir mit dem Zitat aus der Überschrift. Ich sass grummelig im Wartebereich einer Physiotherapie-Praxis (grummelig deshalb, weil ich mir den Termin falsch notiert hatte und dadurch eine halbe Stunde Zeit rumbringen musste, die ich eigentlich dringend für die Arbeit zu Hause benötigt hätte). Ziemlich lustlos blätterte ich in einer der ausliegenden Frauenzeitschriften. Ich bin da sehr konservativ veranlagt und der Meinung, dass es eigentlich nur die eine Zeitschrift gibt, die Frau lesen sollte, weil sie zumindest den Anschein wahrt, dass sie ein bisschen Niveau und Information vermittelt. Diese Zeitschrift, die mit B anfängt und mit rigitte aufhört, gab es hier nicht. Also nahm ich halt eine andere, die mit F anfängt und mit ür sie aufhört. Einer der Artikel hörte sich dann doch ganz interessant an und so kommt es, dass ich nun an meinem Laptop sitze und über die Worte schmunzeln kann, die ich dort las:

„When too perfect, lieber Gott böse.” (Nam June Paik)

Über den Mann, der diese Worte gesprochen hat, habe ich nur ein ganz klein wenig bei Wikipedia nachgelesen: Geboren in Korea, wurde er mit 18 Jahren ein Kriegsflüchtling und lebte später in Japan, Deutschland und den USA. Er gilt als „Pionier der Videokunst“ und verband „östliches Denken mit westlicher Avantgarde“ (Quelle: Wikipedia).
Dass er ein tiefgläubiger Mensch war, ist unwahrscheinlich und geht zumindest aus dem Internet-Lexikon nicht hervor. Ich würde ihn also nicht unbedingt als letzte Instanz in theologischen Fragen heranziehen. Trotzdem: Der Satz von ihm trifft bei mir einen Nerv. Warum Paik das nun genau gesagt hat, weiß ich nicht, weil ich nicht den Zusammenhang kenne, aus dem diese Worte herausgerissen wurden. Aber für mich ergeben sie total viel Sinn. Warum?
Manche von Euch haben schon von meiner perfektionistischen Neigung gelesen. Ich mache die Sachen gern 100%. Weil ja nicht immer genau festgelegt ist, was 100% ist, lege ich die Messlatte auch ganz gern mal etwas weiter nach oben und packe im Zweifelsfall noch 20% drauf. 20 Prozent mehr putzen, mehr schminken, mehr aufräumen, mehr Hausaufgaben-Betreuen, mehr Homemade- Essen-machen, mehr Wäsche waschen (die Kleider sind eigentlich alle sauber? Egal!), mehr backen, mehr dekorieren, mehr kaufen und und und. Ungeklärt ist noch die Frage, warum ich dann nicht auch mal 20% mehr Blog-Beiträge schreibe…

Wer ähnliche Verhaltensmuster von sich oder von anderen kennt, der weiß, dass sie Stress bedeuten. Perfektionismus ist ein Lebensfreude-Killer. Er verhindert, dass Du den Moment genießt. Er verhindert, dass Du mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht. Er vernebelt die Wahrnehmung und macht Dich selbst-zentriert. Auch wenn ich –dem Himmel sei Dank- nicht 24 Stunden am Tag in diesem Modus bin, kann ich da trotzdem aus Erfahrung sprechen.

Aber ich darf ja dazulernen und mich verändern. Und werde deshalb irgendwann eine geheilte Perfektionistin sein, die gerne Dinge gut macht, aber nicht mehr davon angetrieben wird, alles tip top machen zu müssen. Allein schon der Gedanke, dass man die „fünfe auch mal gerade sein“ lassen kann, lässt mich aufatmen und daran denken, dass es noch etwas anderes gibt als „schneller, besser, sauberer“. Das tut gut. Und erst recht die Gegenwart von Menschen, die tiefenentspannt in sich selbst ruhen- das ist echter Balsam für die Seele. Man möchte gar nicht mehr weg von ihnen (und ich bin auch noch mit so einem Exemplar verheiratet…- es gibt also Hoffnung!).

Also, nochmal zurück zum Zitat: Ist lieber Gott jetzt böse, weil ich so lange Zeit meines Lebens alles perfekt machen wollte? Glaub ich nicht. Ich glaub nicht mal, dass Nam June Paik das so gemeint hat. Aber toll findet Gott mein unerreichtes Ideal vom Perfekt-Sein auch nicht, glaube ich. Er möchte mich woanders. Er möchte mich da, wo ich vom gnadenlosen „Ich kann alles selber“ und vom stolzen „Ich kann alles besser“ zu einem entspannten und vertrauensvollen „Ich kann doch nicht alles selber“ komme. Denn die Realität ist doch die: Wenn wir perfekte Menschen wären, dann bräuchten wir Jesus gar nicht. Wenn wir alles selbst auf die Reihe kriegen würden, immer die richtigen Entscheidungen treffen würden, immer den richtigen Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen hätten, wenn wir ohne Fehler, Schuld und Sünde wären- wäre Jesus dann überhaupt für uns ans Kreuz gegangen??? Ich glaube eher, dann hätte er gesagt: „Das kann ich mir auch schenken. Die sollen das mal schön selber auf die Reihe kriegen.“

Das Kreuz ist da, weil wir es brauchen. Weil wir Gnade brauchen. Vergebung. Hilfe. Weil wir uns selbst nicht alles sein können. Jeder von uns ist an irgendeiner Stelle zerbrochen und hilfsbedürftig. Unser Stolz und selbst unsere besten Absichten reichen nicht aus, um daran etwas zu ändern. Wir sind Einfach. Nicht. Perfekt. Vollkommen unvollkommen. Auch wenn wir noch so viele Anstrengungen unternehmen, uns selbst oder anderen Menschen das Gegenteil zu beweisen: Wir können uns nicht selbst erlösen. Jesus möchte das gerne tun.
Er hat alles bereit für uns, was wir brauchen, um uns in Seiner Gegenwart zu entspannen. Wir können ihm alles Gute, Schöne und Gelungene hinhalten, was wir haben. Er wird sich mit uns freuen.
Aber das Kreuz ist der Ort, wo wir ohne Verurteilung und ohne Scham stehen und ihm alle Verfehlungen, Unzulänglichkeiten und „imperfections“ sagen können. Es ist ein Ort der heilsamen Begegnung.

When too perfect, lieber Gott böse?
Ich würde sagen: When too perfect, lieber Gott überflüssig.
Und in meinem Leben ist Gott vieles, aber nicht überflüssig!!!

Hoffentich habe ich Euch jetzt nicht zu sehr verwirrt.
Wenn doch, dann gilt:  When too confused, blog not perfect!