Archiv für den Monat Januar 2018

Vergleicheritis

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Vielleicht kennst Du sie.
Sie ist eine alte Bekannte von mir.
Kommt immer mal wieder um die Ecke geschlichen und fängt an zu lästern.
Das macht sie manchmal ganz raffiniert, fast unbemerkt, so beiläufig, dass man ihr gar keine Beachtung schenkt. Hier eine kleine Randbemerkung, da ein schräger Seitenblick:
„Hast Du die gesehen? Oh Mann, die hätte ja heute Morgen auch lieber was anderes aus dem Kleiderschrank geholt.“
Oder: „Ach Du meine Güte, sowas würde mein Kind sich ja nicht erlauben. Und wenn doch, dann nur einmal.“
Oder: „Hm, okay, bei mir hat es auch schon so ausgesehen. Aber immerhin räume ich wenigstens auf, wenn ich weiß, dass Besuch kommt.“

NEEEEEIIIIIN, niemand von uns denkt solche Sachen. Auf KEINEN Fall!!! Das machen ja die bösen Menschen. Und ich bin gut. Und außerdem noch Christ. Das ist sozusagen doppelt gut! Falls ich sowas schon jemals gedacht haben hätte würde- also nur –FALLS -dann hätte ich sofort Buße getan und für die Person gebetet, über die ich so schlechte Gedanken hatte.
Oder???

Mal ehrlich:
Ich kenne sie. Die Vergleicheritis.
Und ich will jetzt gar nicht so tun, als ob das eine ganz andere Person als ich wäre, mit der ich gar nichts zu tun hätte.
In Wirklichkeit ist die Vergleicheritis natürlich Teil meiner Herzenshaltung und meiner eigenen Gedankenwelt. Ich kann mich nicht damit rausreden, dass ich völlig unschuldig von ihr angefallen würde und dann Dinge sage oder denke, die ich gar nie so gemeint habe.

Was mir aber auffällt, sind zwei Sachen.
Erstens:
Obwohl sie hässliche Sachen sagt, ist es gut, dieser Stimme in mir zuzuhören und ihr Aufmerksamkeit zu schenken.
Warum?
Weil solche Gedanken, wie ich sie oben beschrieben habe, nicht von alleine weggehen.
Wenn ich sie unbeachtet da und dort stehenlasse, wenn ich so tue, als ob diese negativen Urteile gar nicht existieren würden oder etwas völlig Harmloses sind (so nach dem Motto: „Macht doch jeder!“), dann erst bekommen sie Raum und fangen an, sich wie ein Krebsgeschwür in meinem Inneren auszubreiten. Dann besteht die Gefahr, dass aus einer Beobachtung, die ja erlaubt ist („Mir gefallen die Kleider von XY heute nicht so“) etwas Krankhaftes wird. Eine negative Kraft, die uns dazu bringt, andere und uns selbst zu bewerten. Diagnose: Vergleicheritis.

Wenn ich mich aber darin trainiere, solche abwertenden Gedanken und Urteile zu enttarnen, ihnen auf die Schliche zu kommen und sie schnell wieder fortzuschicken, sobald sie sich anschleichen, dann entziehe ich der Vergleicheritis den Boden in meinem Herzen. Oder, frei nach Luther:  „Wir können nicht verhindern, dass schwarze Vögel über unseren Köpfen kreisen. Aber wir können verhindern, dass sie Nester darin bauen.“

Zweitens:
Vergleicheritis richtet sich zwar oftmals im ersten Schritt gegen andere. Ich denke oder rede abfällig über sie, weil ich daraus sehr kurzfristig meine, einen Gewinn für mich selbst ziehen zu können. Für einen kurzen Augenblick kann ich mich besser fühlen als der oder die andere:
„Super, mein Outfit sticht die anderen aus“.
„Toll, mein Haus ist blitzblank. Ich hab´s wohl etwas besser im Griff als Du.“
„Perfekt, meine Familie ist harmonisch beisammen. So geht das halt mit der Erziehung. Noch Fragen?“.
Und so weiter.

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Aber dann.
Dann kommt der Kater. Dann kommt der Moment, in dem Du Dich vergleichst- und meinst, schlechter abzuschneiden. Der Moment, in dem es alle anderen scheinbar besser auf die Reihe kriegen als Du. Plötzlich fühlst Du Dich auf dem Abstellgleis und die anderen haben Dich abgehängt. Plötzlich trifft Dich ein schräger Blick und Du fragst Dich, wieso all die tollen Kleider immer bei den anderen im Schrank hängen. Plötzlich empfindest Du Dich als zweite Wahl und stehst nicht mehr auf der Siegerseite.
Sie schlägt zurück, die Vergleicheritis.

Vielleicht ahnst Du es schon:
Ich hatte heute eine Begegnung mit ihr. Und es war keine schöne.
Ausgerechnet auf einem Gebiet, von dem ich immer dachte, dass es meine ureigenste Stärke wäre, hat es mich erwischst und mitten aus meiner Neujahrs-Euphorie gerissen. Mein Empfinden: Die anderen können es so viel besser. Wenn ich mich nur ein bisschen umschaue, fallen mir auf Anhieb zehn Frauen ein, die mich in die Tasche stecken. Und wenn ich noch länger suchen würde, dann würde die Liste wohl ins Unermessliche wachsen. So ein bisschen ein Gefühl, als ob man auf einem zugigen Bahnsteig steht und der Zug einem vor der Nase davon fährt. Kennt Ihr das (oh, bitte, Gott, lass mich nicht die Einzige sein...)?

Jetzt ist also Nachlese gefragt: Warum hat mich der Vergleich mit anderen so umgehauen? Weshalb macht es mir so viel aus, dass ich anscheinend hinterherhinke und die Party wohl ohne mich abgeht? Habe ich Angst, etwas zu verpassen? Und wenn ja, was?
Ist es denn schlimm, wenn andere besser sind als ich?
Reicht das Kuchenstück nicht aus, das auf meinem Teller gelandet ist?
Was macht mich satt?

Ich will diese Fragen jetzt gar nicht schnell und lehrbuchmäßig mit den richtigen, frommen Antworten zupflastern. Mein Verstand kennt sie.
Aber drei Dinge sind jetzt angesagt:
Buße (ja, ich weiß, dieses Wort klingt so drückend und so altmodisch, dabei hat es doch eine so tiefenreinigende Wirkung wie kein Waschmittel und kein Gesichtspeeling es je haben könnten).
Dank (irgendwo habe ich gelesen, dass Dankbarkeit die beste Medizin gegen Bitterkeit ist- leider habe ich vergessen, wer diesen schlauen und wahren Satz geschrieben hat).
Und auf mein Herz hören. Denn Veränderung geschieht nicht durch Regeln. Sie geschieht durch Einsicht und Verständnis. Wenn ich herausfinde, wonach mein Herz sich sehnt und warum es auf Irrwegen unterwegs war, kann ich es sanft, aber bestimmt an die Hand nehmen und in eine bessere Richtung führen.
Richtung Jesus wäre gut…

So, und jetzt rate, welches Wort mein aktuelles „Wort des Jahres“ ist (bitte Taschentuch bereitlegen zum Lach-Tränen- Trocknen):

D-E-M-U-T!!! (haha, Gott, sehr witzig!)

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Dir wünsche ich einen vergleichsweise guten Tag!

Herzlichst,
Barbara

alle Bilder: pixabay

Neuland

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Das neue Jahr ist schon nicht mehr taufrisch. Sogar die Heiligen Drei Könige haben es jetzt geschafft und schon gratuliert. Aber weil ich den Jahreswechsel diesmal ziemlich bewusst wahrgenommen und mir mehr Zeit als sonst für Rück- und Ausblick genommen habe, klingt auch noch etwas davon nach.

Die Aussicht darauf, ein neues Kapitel aufzuschlagen, hat mich beflügelt und motiviert- nicht, weil das vergangene Jahr besonders schlimm war, sondern weil ich irgendwie Lust auf die eine oder andere Veränderung verspüre. Nichts Gewaltiges, nichts Bahnbrechendes, was das Ruder der Weltgeschichte herumreißen wird – ich bin ja kein „stable genius“, haha-, keine spektakulären Vorhaben. Aber ein paar Schritte vielleicht, die nach außen unbedeutend aussehen mögen, für mich aber trotzdem viel bedeuten.

Euch meine konkreten Pläne oder Ideen zu erzählen, habe ich im Moment gar nicht so auf dem Herzen. Nicht, weil ich geheimnistuerisch sein möchte oder in Wirklichkeit überhaupt keine Ideen hätte (das könnte ja durchaus auch sein!!), sondern weil ich mich selbst nicht unter Druck setzen will. Was mir da so an kleinen oder mittelgroßen Schritten oder Schrittchen in den Sinn kommt, wird Zeit brauchen.
Da ich dazu neige, mit mir selbst ungeduldig oder sogar streng zu sein, nehme ich diese Ideen zwar ernst- gleichzeitig sage ich mir aber, dass Gott sehr viel Zeit hat.

Ich finde es richtig schön und sinnvoll, sich Ziele für das neu angebrochene Jahr zu setzen, sich Worte oder Gebete schenken zu lassen. Ich glaube auch, dass Gott uns einen Lebensrhythmus durch Tag und Nacht, durch die Jahreszeiten und -wechsel schenkt. Er gibt uns diese Lebensabschnitte, um sie bewusst zu erleben und zu füllen. Aber natürlich steht er gleichzeitig auch über Raum und Zeit und sieht so viel weiter, als wir sehen können.

Was ich in meinem Herzen an Sehnsüchten, Wünschen und Ideen trage – und was Ihr in Euren Herzen an Plänen und Wünschen tragt-, das mag sich in 2018 erfüllen. Es kann aber auch sein, dass manches davon noch einen längeren Atem braucht. Bestimmt dürfen wir in diesem Jahr viele Samen ausstreuen. Wir dürfen Neuland betreten. Vielleicht im wörtlichen Sinne. Oder im Gebet und innerem Wachstum. Grenzen dürfen erweitert oder Grenzen dürfen geschlossen werden.
Das ist gut.

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Und doch gilt: Wir werden wohl auch 2018 damit nicht ganz zum Ziel und zum Ende kommen. Gottes Geschichte mit Dir und mir, mit unseren Familien und unseren Gemeinden, mit unseren beruflichen, kreativen oder sonstigen Projekten, mit unserem Heranreifen -in einem Wort: mit unserer Berufung- wird wohl den Rahmen sprengen, den uns dieses neue Jahr bringt.

Mich entspannt das.

Ich darf hoffen, aber ich muss nicht erzwingen.
Ich darf ein Ziel anpeilen, aber ich muss mich nicht an den Rand eines burnouts katapultieren.
Ich darf planen und kann gleichzeitig da und dort auch mal die Zügel lockerlassen und mir zugestehen, dass nicht alles, was ich mir für die Zukunft vorgenommen habe, in 12 Monate hineinpassen muss.

Jetzt weiß ich schon, dass das auch ein bisschen ein Luxus- Anliegen ist, über das ich da gerade schreibe. Vielleicht jonglierst Du ohnehin schon mit so vielen Bällen, dass schon der bloße Gedanke an „Mehr“ bedrohlich wirkt. Oder Du bist durch andere Umstände lahmgelegt, vielleicht durch Krankheit, durch Trauer über einen Verlust oder durch Arbeitslosigkeit. Dann hoffe ich, dass meine „Entspann-Dich-Einfach“-Zeilen nicht zynisch in Deinen Ohren klingen. Ich versuche auch gar nicht erst, Deinen Empfindungen gerecht zu werden. Das kann mit so einem post ja gar nicht klappen. Ich hoffe nur einfach mit Dir, dass Gott sich Dir so zeigt, dass Du ihm trotzdem nahe sein kannst.

Zum Schluss noch eine praktische Anregung, die ich bekommen habe:
Wir haben Silvester mit einer befreundeten Familie gefeiert und waren in deren Gemeinde zum Silvester-Gottesdienst zu Gast. Als kleine Aktion wurde vorgeschlagen, dass jeder seine Gebetsanliegen für das neue Jahr auf einen Zettel schreiben und dann an eine Rakete anheften konnte. Zum Abschluss des Gottesdienstes wurden die Gebete dann „in den Himmel abgefeuert“.
Mir hat dieses symbolische In-den-Himmel-Schicken gefallen.
Ich werde mir notieren, welche Bitten ich an Gott gerichtet habe und im Lauf des Jahres darauf achten, wie Gott auf meine Herzenswünsche reagiert (auch hier braucht es wahrscheinlich einen längeren Atem- nicht nur ein einzelner Schuss, abgefeuert in den Himmel, sondern Zwiegespräch mit und Flehen vor Gott).
Vielleicht ist das  ja auch eine Idee für Dich (die Anliegen müssen nicht zwingend an einer Rakete kleben, glaube ich 😉). Ob die Wünsche sich dann erfüllen oder nicht, ob sich langsame Veränderungen anbahnen oder Du ganz ungeahnt mit einem Feuerwerk überrascht werden wirst, ob Gott dazu schweigt, redet oder handelt -das wissen wir nicht.
Aber dass er uns sieht und sich kümmert- das glaube ich ganz gewiss.

Uns allen- den Frohgemuten und Verzagten- wünsche ich ein Jahr voll von Segen und Frieden und guten Veränderungen!

Bis bald vielleicht,
Barbara

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alle Bilder: pixabay