Archiv für den Monat September 2017

Kind auf Reisen

Es fällt mir gerade schwer zu entscheiden, worüber ich schreiben soll (selbst schuld, wenn man fünf Monate nichts mehr zustande gebracht hat!!!), aber am meisten beschäftigt mich wohl, dass zur Zeit sowohl Dennis (mein lieber Mann), als auch Annie (mein mittleres Kind) nicht da sind. Annie ist 8, also eigentlich kurz vor 9, und wie alt Dennis ist, ist jetzt gerade nicht so wirklich von Bedeutung.
Dennis macht bei so einem extrem krassen Survival Training in Schweden mit (die Firma, für die er arbeitet, hat ihn da hingeschickt, er ist auch sehr gerne und frohgemut mitgefahren, während ich jetzt hier zu Hause sitze und hoffe und bete, dass er den Weg aus den schwedischen Wäldern auch wieder hierher zurück findet…). Annie ist auf Klassenfahrt. Das kann ja auch sowas wie ein Survival Training sein- bei ihrer Klasse ist das auf jeden Fall nur eine schwache Übertreibung. Aber immerhin weiß ich, dass sie gut angekommen ist, dass sie 3 Mahlzeiten pro Tag bekommt (die Süßigkeiten vom Kiosk nicht eingerechnet) und dass sie ein Dach über dem Kopf hat…Von Dennis weiß ich hauptsächlich, dass es in seiner Reichweite keinen Kiosk gibt. Auch sonst keinen Laden. Auch kein Haus. Und kein Telefon. Schluck.

Mit nur drei aus fünf anwesenden Familienmitgliedern fühle ich mich fast wie amputiert – es fehlt ein Teil von meinem normalen Leben. Nein, noch mehr: Es fehlt eigentlich ein Teil von mir selbst.
Inzwischen hatte ich ein paar Tage Zeit, mich daran zu gewöhnen, aber meine Lieblingsmenschen hinterlassen doch eine echte Lücke, die sich auch durch nichts anderes schließen lässt.
Wieder mal ist also so eine Situation entstanden, in der ich begreife, wie endlich vieles ist, was wir als selbstverständlich und normal empfinden. Vermissen tue ich natürlich beide, meinen Mann und meine Tochter. Wenn es um die Kinder geht; empfinde ich den Kontrast zum alltäglichen Leben aber besonders stark. Bei Euch passiert so etwas natürlich nicht, das ist mir schon klar, aber mir gehen meine Kinder tatsächlich auch ab und zu auf die Nerven. Manchmal habe ich schon heimlich gewünscht, dass sie -natürlich nur für kurze Zeit!!!!- unsichtbar oder doch wenigstens auf stumm geschaltet werden könnten. Lärm, Lachen, Geschrei, eine unübersehbare Spur an Gegenständen, die spontan irgendwo fallen gelassen wurden, weil plötzlich etwas ganz anderes gespielt werden musste, knallende Türen und der bedrohliche Ausruf: „Maaaaamaaaa, wo bist Du?“, wenn man sich gerade heimlich mit seinem Kaffee in Richtung Badezimmer schleichen wollte, weil man da ja vielleicht eventuell unbemerkt und ungesehen nur für fünf Minuten …ach, Ihr wisst schon. Ja, und dann seufzt es ab und zu aus den Tiefen des Mutterherzens heraus und man wäre gerne irgendwo anders, dort, wo die Palmen im Wind hin- und hergeschaukelt werden, feiner Sand zwischen den Zehen hindurchrieselt und nur das Rauschen der Meereswogen ans Ohr dringt. Und, vor allem: Kein Kindergeschrei zu hören ist!

Aber jetzt, wie absurd, fehlt mir unsere Vollzähligkeit. Keine Frage, es ist stiller, es ist entspannter, die Arbeit überschaubarer, die Streitereien weniger, sobald ein Kind fehlt. Aber es ist auch: Leerer, langweiliger, unrunder, unschöner. Man merkt ja im alltäglichen Einerlei gar nicht pausenlos, wie sehr einem diese süßen, witzigen, frechen, schlecht erzogenen, kreativen, lauten und einzigartigen Menschen ans (Mutter-)Herz wachsen, wie unglaublich groß der Raum ist, den sie in uns einnehmen und wie merkwürdig es ist, wenn sie dann plötzlich nicht da sind.
Mir tut diese Zeit der vorübergehenden Trennung insofern gut, als ich merke, wie sehr ich sie (oder in diesem Fall eines davon) vermisse. Wie innig tatsächlich die Liebe ist. Wie unsagbar froh und dankbar ich sein kann, dass ich mit diesen Menschen beschenkt bin. Wie glücklich ich mich schätzen kann, dass sie mit mir unter einem Dach leben und nicht durch schwere Umstände oder Schicksale von mir getrennt sind. Das klingt jetzt vielleicht wiederum sehr dramatisch. Aber es gibt so viele Menschen, die alles für dieses scheinbar ganz normale, alltägliche Glück geben würden.
Ich freue mich jetzt erstmal, dass wir in wenigen Tagen wieder beisammen sein werden und uns alle, so Gott will, wieder in die Arme schließen können (die Torte für dieses schöne Ereignis ist bereits in Vorbereitung!).
Natürlich werden wieder Momente kommen, in denen ich mir wünsche, Jesus würde mich kurzfristig für eine kontemplative Zeit der Stille an einen Südseestrand entrücken (oder wenigstens in ein aufgeräumtes Haus)- fernab von Kindern, Hausaufgaben, angebissenen Schulbroten und Geschwister-Rivalitäten. Aber ich muss diese Lektion doch immer wieder erfahren und brauche mehr als nur eine Erinnerung daran: Ich bin absolut privilegiert, gesegnet, bereichert und beschenkt. Tag, täglich habe ich viele Male die Wahl, ob ich auf die Stressfaktoren oder die Glücksmomente schaue. Ob ich ein Kind sehe, das gerade nicht das macht, was ich will, oder ein Kind sehe, dem zutiefst meine Zuneigung und Liebe gelten, das mir anvertraut ist und meinen vollen Respekt verdient.

Und das irgendwann nicht nur auf Klassenfahrt, sondern auf seine ganz eigene große Lebensreise gehen wird.
Oh je, das wird schwer…

Aber jetzt wird erstmal Torte gemacht…