Archiv für den Monat Juni 2015

Good-bye Canada!

Es ist irgendwie surreal.
Ich sitze hier in meinem Ikea-Sessel im Wohnzimmer, schaue nach draussen auf die Baeume hinter dem Haus, ueberlege, in welchen Park unser kleiner Familienausflug nachher gehen und an welchem Wochentag Annie ihre Schulfreundin am besten einladen soll. Draussen ist der kanadischste aller Sommertage – heiss und gewittrig – und alles erscheint nach aussen hin denkbar normal.

In mir drin sieht es aber ganz anders aus.
Ich weiss, dass ich heute in drei Wochen ins Flugzeug steigen und von meinem normalen Leben wegfliegen werde. Wir haben zwar das grosse Glueck, dass wir zunaechst noch auf Reisen gehen und den Westen Kanadas erkunden duerfen, aber trotzdem wartet ein grosser Einschnitt auf uns alle.
Nach diesen drei Wochen wird so vieles anders werden.
So viele Menschen und Orte, die wir dann fuer lange, lange Zeit nicht mehr wiedersehen werden. Und so viele Menschen und Orte, von denen wir uns endgueltig verabschieden werden…Gut, dass ich mir das alles noch gar nicht richtig vorstellen kann.

Irgendwie fuehlt es sich falsch an, dass ich zwar in mein Heimatland zurueckkehren werde, aber trotzdem nicht so sicher bin, ob ich das gut finde oder nicht. Mein Verstand sagt mir, dass ich mich gefaelligst freuen soll. Wenn wir von Deutschland nach Kanada gezogen sind und diesen Schritt gemeistert haben, dann muss doch die Rueckkehr ins Vertraute, Altbekannte, Heimatliche ein Kinderspiel sein, oder???
Wieso ist da etwas in mir drin, das sich gegen unseren Umzug straeubt???
Die Antwort ist wahrscheinlich ganz einfach.
Die meisten von uns moegen keine Veraenderung. Jedenfalls nicht, wenn die Veraenderung fundamental ist und viele verschiedene Lebensbereiche betrifft. Selbst wenn wir uns noch so fortschrittlich und weltoffen geben- oder es sogar sind!- ein Teil von uns wird auch immer Sehnsucht haben nach Stabilitaet, nach Gewohnheit und nach Vertrautem.
Und auch, wenn ich mich nach wie vor durch und durch als Deutsche fuehle- mein alltaegliches Leben hat die letzten vier Jahre in unserem Gastland stattgefunden. Schulen, Geschaefte, Gemeinde, Nachbarschaft, Freunde, Spielplaetze, Sportvereine, Parks, das Lieblingscafe und unser Lieblingsstrand… all das werden wir hinter uns lassen.
Und neu suchen und finden muessen.

Der Abschiedsschmerz hat seinen Platz. Ich will ihn auch gar nicht ignorieren.
Trotzdem bin ich froh, dass neben der Trauer ueber das, was zu Ende geht, auch viel Platz fuer Dankbarkeit ist. Wenn ich zurueckblicke, schaue ich auf einen grossen Schatz reicher Erfahrungen:

-Wir haben wunderbare Menschen getroffen und kennen gelernt. Manche werden ein Teil unseres Lebens bleiben- die meisten werden wir aber einfach in unseren Herzen und Erinnerungen behalten.

-Wir konnten Teil einer grossartigen Kirchengemeinde sein: authentische, liebevolle Menschen, die uns mit offenen Armen empfangen haben und mit denen wir viele, viele Male erlebt haben, dass Gott real ist, dass er sich fuer uns und unser kleines Leben interessiert und dass er uns sogar dazu gebrauchen kann, das Leben anderer Menschen zu beruehren und zum Guten zu veraendern.

-Meine Kinder haben ein Schulsystem kennen gelernt, in dem nicht nur Platz fuer Schulstoff ist, sondern auch fuer Sport, Kreativitaet, Teamwork und Gemeinschaft.

-Jonathan und Annie sprechen zwei Sprachen.

-Janina wurde hier geboren.

-Und last but not least sind viel herum gekommen und haben Teile der Welt gesehen, die wir sonst wahrscheinlich nicht bereist haetten (ich hoffe, dass ich Euch beim naechsten Mal ein paar Bilder zeigen kann:-).

Warum Gott die Idee hatte, uns nach Kanada zu schicken, weiss ich nicht.
Vielleicht wollte er uns einfach nur etwas Gutes tun.
Vielleicht wusste er, dass –aus welchem Grund auch immer- dieser Platz fuer uns der Richtige ist, um zu wachsen, neue Glaubensschritte zu gehen, mehr Vertrauen in ihn zu fassen, unsere Familie zu vergroessern, neue Gedanken zu denken…
Seine Gedanken sind unergruendlich. Unser Leben ist nicht immer in rosarote Zuckerwatte gepackt. Da sind auch „hardships“ dabei, die wir so nicht bestellt hatten. Trotzdem durften wir unser Kanada-Abenteuer als unverdientes Geschenk geniessen und sind einfach unsagbar dankbar dafuer.

Jetzt, im Augenblick, zwischen den Welten sozusagen, merke ich, dass ich neu meinen Vertrauensanker auswerfen muss.
Was in unserem alten, neuen Leben in Deutschland auf uns wartet wissen wir nicht.
Aber wir haben gelernt, dass wir nicht alleine aufbrechen muessen.
Das ist eine tragfaehige Grundlage, auf die ich mich stellen kann, wenn der Boden sich wackelig anfuehlt.
Warum ich das ans Ende dieses posts schreiben moechte, weiss ich nicht genau. Aber vielleicht ist es fuer Dich gerade wichtig zu hoeren, dass Gott auch Dein Anker und Dein fester Boden unter den Fuessen sein kann, ganz egal in welcher Situation Du gerade steckst (Umbruch, Aufbruch, Stillstand…?). Du musst nichts haben, was Du ihm dafuer im Gegenzug anbieten koenntest- keine fromme Vergangenheit, kein Vorzeigeheim, keine Berufsausbildung, kein aufpoliertes Leben, nicht mal ehrgeizige Ziele oder moralische Verdienste- come as you are.
Wann ich wieder hierher, nach Kanada komme, weiss ich nicht.
Aber ich weiss, dass dieses Land fuer immer einen Platz in unseren Herzen gefunden hat und dass Gott es fuer uns benutzt hat, um uns eine Heimat auf Zeit zu schenken, eine besonders gesegnete Zeit und eine besondere Gnade.
Von dieser Gnade wuensch ich uns allen immer wieder eine dicke Extraportion und schicke Euch jetzt die letzten kanadischen Gruesse!
Eure
Barbara

PS.: Weil wir in zwei Wochen erst in unseren Urlaub und dann anschliessend nach Deutschland fliegen, werde ich eine kleine Blog-Pause einlegen.
Mitte August will ich Euch dann gerne erzaehlen, was wir in der Zwischenzeit erlebt haben.

PPS.: Schaut doch in der Zwischenzeit mal bei mamaabba rein. Ein tolles Projekt, bei dem ich dabei sein darf!