Archiv für den Monat Oktober 2014

Gingham heart

Herbstzauber ist in, Sommergeschichten out. Trotzdem- wie angekuendigt- moechte ich gerne mit Euch noch ein paar Begebenheiten aus unseren Sommermonaten teilen. Damit ich nicht so total neben der Spur liege und Euch mit Schnee von gestern langweile (obwohl, Schnee und Sommer passt jetzt auch wieder nicht zusammen…) habe ich mich fuer Erlebnisse entschieden, die sozusagen zeitlos sind.

Hier ist eines davon:

Es ist Ende Juni (soviel zum Thema zeitlos, haha!!). Wir haben einen grossen Organisationsakt vollbracht, um unseren diesjaehrigen Deutschland-Aufenthalt zu planen und dabei moeglichst wenige Grosseltern, Geschaeftstermine, Freunde oder Verwandte zu vernachlaessigen Am Ende dieser ausgekluegelten Planungen steht fest, dass wir uns fuer den Flug nach Deutschland aufteilen werden: Dennis fliegt mit Jonathan und Annie nach Norddeutschland. Er kann dort ein paar geschaeftliche Termine wahrnehmen, waehrend die grossen Kinder bei seinen Eltern sind. Ich fliege mit Janina ein paar Tage spaeter nach Stuttgart und besuche meine Eltern, bevor wir uns dann alle zum gemeinsamen Familienurlaub am Bodensee treffen. So weit, so gut (und ziemlich langweilig zum Lesen, ich weiss).
Mir daemmert schon im Vorfeld, dass diese Aufteilung zwar zweckmaessig ist, aber nicht genau das, was mir am allerbesten fuer unsere Familie gefaellt. Ein Kompromiss halt.

Der Tag rueckt naeher, an dem ich die Drei zum Flughafen bringen und verabschieden werde. Als es soweit ist, bin ich verhaeltnismaessig guter Dinge. Am Flughafen gibt es keine traenenreichen Abschiedsszenen, sondern aufgekratzte, erwartungsvolle Kinder, die endlich ins Flugzeug und dann nix wie losfliegen wollen.
Auch Mutter bewahrt die Fassung.
Das haelt allerdings nicht so lange vor…

Als ich mit Janina wieder bei uns zu Hause ankomme (unsere Reise wird erst in 2 Tagen losgehen), erwartet mich etwas sehr Ungewohntes: ein leeres, ja sogar ein stilles Haus.

Niemand, der laut “Hallo” ruft, als ich die Tuere oeffne.
Niemand, der ruft: “Mama, der Jonathan ist so gemein!” oder vorwurfsvoll mit der Frage herausplatzt : “Wo hast Du meine Stifte hingetan?”
Niemand, der zu mir sagt:”Mama, duerfen wir Snack?
Und niemand, der mir zum zwoelften Mal den selben Witz erzaehlen moechte.
Kein hemmungsloses Gelaechter, weil irgendjemand beim Spielen eine komische Idee hatte.
Und keiner, der viel zu laut die Treppe rauf- oder runtertrampelt.

Alles still. Man koennte auch sagen: friedlich.

Aber paradoxerweise fehlt mir mit einem Mal der Geraeuschpegel, den ich sonst so oft gerne abstellen oder wenigstens leiser drehen wuerde. Es ist irgendwie ein merkwuerdiges Gefuehl, am hellichten Mittag im eigenen Haus zu stehen und zu wissen, dass Ehemann und 2 von 3 Kindern gerade abgehoben haben, um in 8 Stunden, 6300km weit entfernt, auf einem anderen Kontinent zu landen. Ja, ich weiss ja, dass ich da in wenigen Tagen auch ankommen werde. Und in nur einer Woche werden wir alle auf einem idyllischen Ferienbauernhof eintreffen und Ponies und Babyhasen streicheln.
Aber hier und jetzt fuehle ich mich ploetzlich sehr einsam und irgendwie unvollstaendig. Meine Lieben sind weg. Zumindest viele davon. Ich vermisse ihre Stimmen, ich vermisse ihren Anblick, ich vermisse einfach ihr Da-Sein und all die vielen Spuren, die sie sonst im Haus hinterlassen.

Ich weiss, dass ich in dieser Hinsicht besonders sentimental reagiere (da meldet sich wohl mein Mutterherz!), und so braucht es zwei oder drei Stunden, bis ich mich einigermassen an diesen Zustand gewoehnt habe.
Neben dem schmerzlichen Gefuehl der Trennung (Oh-oh, was werde ich tun, wenn meine Kinder ausziehen? Schnell ein paar Koffer packen und nix wie hinterher reisen? Mich im Haus nebenan einmieten? Mich nochmal an der Uni einschreiben? Oder als Hausmeisterin verkleidet ab und zu bei ihnen nach dem Rechten sehen? Ich hab mich noch nicht entschieden…) spuere ich auch etwas Wunderschoenes:
Ich habe sie lieb. So unbeschreiblich lieb. So dermassen, hammermaessig, unbaendig lieb, dass es fast mein Herz sprengt. Nichts sehne ich so sehr herbei wie den Moment, an dem ich sie einfach alle zusammen wieder um mich haben werde. Ich will jetzt einfach nur, dass Jonathan oben in seinem Zimmer sitzt und was aus Lego baut. Annie kann von mir aus ihre Stoffhunde spazierenfuehren und Janina soll genau so da sitzen wie jetzt und sich ein Buch angucken. Dennis kann, wenn es denn sein muss, noch bei der Arbeit sein, aber dafuer soll er moeglichst bald zu uns nach Hause kommen. Das ist in diesem Moment alles, was ich will. Mehr brauche ich nicht zum vollkommenen Glueck. Ganz ehrlich.

Inzwischen sind wir laengst wieder alle beisammen. Der Familienurlaub war tatsaechlich ziemlich idyllisch, wenn auch etwas regnerisch. Wir haben Babyhasen und Ponies gestreichelt, Tierparks und Spielplaetze besucht, haben gebadet, Eis gegessen und sind Weltmeister geworden. Was man halt so macht im Sommer.

Immer wieder seither ist mir aus dem Blick geraten, wie vollkommen mein Glueck ist, wenn ich alle meine Lieben um mich herum habe. Denn immer wieder wird dieses Glueck auch angegriffen durch Streitereien, Neid, boese Worte, schlechte Laune, eine laestige Erkaeltung, einen beunruhigenden Arztbefund, zu viele Hausaufgaben, ein verloren gegangenes Spielzeug…
Vor allen Dingen aber gewoehnen wir uns alle so leicht an unseren “Normalzustand”, dass wir viele der Schaetze uebersehen, die uns jeden Tag umgeben.

Heute will ich ziwschendurch innehalten, meinem Kind in die Augen schauen, es in den Arm nehmen und sagen: Du bist ein Schatz. Ich freu mich, dass Du da bist. Ich hab Dich lieb. Und dann lasse ich fuer eine halbe Stunde meine Hausarbeit Hausarbeit sein, hole ein Spiel aus dem Regal, setze mich zu meinen Kindern und feiere mit ihnen, dass sie da sind.

Ich weiss, dass ich das zu selten tue.
Aber jetzt, jetzt mach ichs einfach mal!

Viele Gluecksmomente mit Euren Lieben wuenscht Euch

Barbara

Drei Dinge ueber mich

Ich weiss nicht, wie viele Anlaeufe ich jetzt schon gemacht habe, um endlich endlich endlich meine viel zu lange (Spaet-)Sommerpause zu beenden. Einmal habe ich inzwischen sogar schon einen Albtraum gehabt, in dem mir beim Hochfahren meines Computers eine Laufschrift folgende Botschaft uebermittelt hat: “Sie haben seit mehreren Monaten nichts mehr veroeffentlicht. Ihr blog ist in Gefahr, gesperrt zu werden.” Uff. Fuehlt sich nach unerledigten Hausaufgaben, schlechtem Gewissen und Torschlusspanik an. Was mach ich da nur?

  • Nehme ich den Klassiker und schreibe ueber meine “favourite summer memories”? Finde ich eine gute Sache, ist aber schon fast ein bisschen spaet…
  • Erzaehle ich ueber die kleineren und groesseren Anlaufschwierigkeiten, die wir nach den langen Sommerferien hatten, um wieder in den Alltag hinein zu finden?
  • Oder mache ich die ganz grosse Show und verrate Euch, was mich gerade wirklich beschaeftigt?

Warum eigentlich nicht… Dazu muesst Ihr drei Dinge ueber mich wissen, die Euch sicherlich brennend interessieren werden, die ich aber bisher wohlweislich verschwiegen habe:

  1. Ich bin 40 Jahre alt.
  2. Ich gehe seit ueber einem Jahr in eine “women’s self discovery group”. Hinter diesem klangvollen Namen verbirgt sich nichts anderes als eine Gruppentherapie.
  3. Mein Sohn hat Konzentrations-Schwierigkeiten. Nicht immer, aber immer wieder. Und mir faellt es schwer, damit umzugehen.

Diese drei Dinge (besonders No. 2 und 3!) verrate ich ungerne. Lieber wuerde ich davon schreiben, was fuer aussergewoehnliche berufliche Projekte ich schon verwirklicht habe, wie hammer stylish die Kleider sind, die ich selbst entwerfe und naehe (beides tue ich nicht), wie gut meine selbst erfundenen Vollwert-Rezepte bei meiner Familie ankommen (welche Vollwert-Rezepte?? Und wer wuerde die ueberhaupt essen??) und was fuer aussergewoehnliche Fruechte mein soziales Engagement traegt (ich habe immerhin letzte Woche mit Jonathan und Annie 44 Dollar fuer die Krebsforschung gesammelt!).

Mein Leben sieht aber anders aus, und ich beginne, genau diese Tatsache anzunehmen. Einige meiner Traeume sind wahr geworden, insbesondere der Traum, den richtigen Partner zu finden und eine Familie zu gruenden. Andere Traeume sind geplatzt oder noch nicht Realitaet geworden. Manche Fragen, die ich an Gott habe, sind bis heute unbeantwortet geblieben und werden moeglicherweise auch nicht beantwortet werden, solange ich auf dieser Seite des Vorhangs lebe. Und manche Gebete wurden scheinbar nicht erhoert, oder doch nicht so, wie ich dachte, dass Gott sie erhoeren muesste.
Trotzdem denke ich, dass mein Leben gut ist.
Ich fange (wenn auch etwas spaet, ich weiss!) damit an, diese grossartige, uralte und auch etwas ausgelatschte Tugend der Dankbarkeit zu lernen und merke, welch heilsame Wirkung das auf meine Seele hat.
Ich lerne, auch die weniger schoenen und nicht so glatten Seiten meiner Biographie und Persoenlichkeit hinzunehmen.
Ich uebe mich darin, auch dann mit mir selbst barmherzig zu sein, wenn ich versage.
Und mit meinen Kindern, wenn sie versagen.
Mit meinem Sohn, wenn er sich nicht konzentrieren kann. Und mit mir, wenn ich mal wieder etwas gesagt habe, was mir hinterher bloed vorkommt.
Ich uebe mich darin, auf perfekte
Selbst- Inszenierungen zu verzichen (sofern sie denn ueberhaupt je gelungen sind!) und stattdessen etwas von meiner wahren Person zu zeigen. Manchmal bedeutet das, eine Schwaeche zuzugegen. Manchmal bedeutet es auch, einen Erfolg zu feiern. Manchmal bedeutet es, schoene Erinnerungen zu teilen (ja, ich glaube, ich mach das noch mit den summer memories!), und manchmal bedeutet es auch, ueber Schmerzen zu reden.

Das will ich hier tun. In Zukunft wieder oefter.

Herzliche Spaetsommergruesse von

Barbara