Archiv für den Monat Oktober 2013

Kinderleicht

Annie hat ein Kalenderblatt mit dem Monat November vor sich auf dem Tisch liegen. Während für viele andere Menschen der Monat November Tristesse pur bedeutet, ist er für Annie angefüllt mit farbig- fröhlichen Bildern, praller Lebenslust und purer Vorfreude, denn sie fiebert intensiv ihrem Geburtstag entgegen. Wie sie so auf das Kalenderblatt schaut, will sie genau wissen, was an den Tagen um ihren Geburtstag herum passieren wird (geht sie in den Kindergarten oder geht sie in den Gottesdienst, ist der Papa zu Hause, kann sie draußen spielen usw. usw.). Ich versuche so gut wie es geht Auskunft zu erteilen. Dementsprechend teilt Annie die Tage dann ein: entweder malt sie in das entsprechende Kästchen ein trauriges Gesicht oder aber ein fröhliches, ein „happy face“. Abschließend betrachtet sie dann zufrieden ihr Werk  und sagt: „Dann bin ich an den Tagen allen fröhlich.“

Das ist eine super Herangehensweise, denke ich mir. Einfach schon mal in den Kalender eintragen: 20. November: Heute bin ich fröhlich!

Manchmal haben Kinder eine genial- einfache Sicht auf das Leben. Und so sehr sie mir als Mama das Leben schwer machen können- es geht auch umgekehrt: kinderleicht!

So, jetzt hole ich mir schnell meinen Kalender und schreibe mir auf, an welchen Tagen ich im kommenden Monat fröhlich bin! Nix wie los!!!!

Kurze Arme

Ein ganz gewöhnlicher Freitagmittag. Janina habe ich vor kurzem für ihren Mittagsschlaf ins Bett gebracht. Ich bereite derweil unser Essen vor. Jonathan und Annie sind noch in der Schule bzw. im Kindergarten. Sie kommen erst gegen 16.00 zurück, weil beides, Schule und Kindergarten, hier ganztägig stattfindet.  Ich möchte die Zeit nutzen und neben dem Kochen ein bisschen für die beiden beten. Mir gefällt die (katholische) Schule, in die sie seit diesem Schuljahr gehen.  Schönes Gebäude (das ist hier eine große Ausnahme), freundliche Lehrer, gute Atmosphäre. Trotzdem weiß ich, dass sie dort nicht in einer heilen Welt sind. Jonathan erzählt öfters von Streit und Konflikten zwischen den Jungs in seiner Klasse. Ich weiß nicht recht, ob meine beiden Großen überhaupt schon Freundschaften geschlossen haben in ihrer Klasse bzw. Kindergartengruppe.  Werden sie gute Freunde finden? Werden da Menschen sein, Lehrer oder Mitschüler, die sie mögen, wertschätzen, begleiten, fördern? Finden sie ihren Platz „da draußen“? Vielleicht bin ich die einzige Mutter, die sich solche Gedanken macht. Wahrscheinlich aber nicht. Wie dem auch sei, ich fange an zu beten. Sagen wir so, ich versuche es. Aber irgendwie scheint es nicht zu klappen heute. Meine Worte scheinen ohne Resonanz zu bleiben und irgendwo unterhalb der Dunstabzugshaube kleben zu bleiben. Kaugummi- artig verlassen sie meinen Mund und meine Seele wird von der Schwerkraft nach unten gezogen. Seufz. Ich höre mich denken: „Was bringt mein Gebet schon? Ich kann jetzt sowieso nicht bei meinen Kindern sein. Ich sehe nicht, was sie machen, ich weiß nicht, wie es ihnen gerade geht. Ich kann ihnen nicht helfen. Meine Arme sind sowieso zu kurz.“ Hoppla. Meine. Arme. Sind. Zu. Kurz. Meine Arme sind zu kurz. Ja, genau, das ist es: MEINE Arme sind zu kurz! Meine schon, aber nicht- SEINE! Ich bin in diesem Moment so dankbar, dass es da diesen Bibelvers gibt:

Siehe, des HERRN Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht hart geworden, sodass er nicht hören könnte (Jesaja 59,1 nach Luther).

 

Großartig, das tut so gut! Gott hat mir, noch mitten in meinem Zweifel, ein Wort von sich geschenkt. Sofort verändert sich meine Sicht auf die Dinge. Dieser Vers hat meinen Glauben gestärkt und meinen Blick von meinen eigenen Sorgen auf Gott gerichtet. Ich schneide weiter Zwiebeln und bete mit Freude und Zuversicht für Jonathan und Annie (Janina kommt dabei etwas zu kurz, aber sie darf ja dafür schlafenJ),  für gute Weggefährten in ihrem Leben, für ermutigende Erfahrungen, für gute Strategien um ihr Leben zu meistern, für liebevolle Begegnungen-  mit einem Wort: für Segen.  Und bin so froh, dass ich nicht alles alleine machen muss. Wie gut es doch ist, dass es jemanden gibt, der überall gleichzeitig sein kann, der wahrscheinlich ziemlich lange Arme hat (naja, die Proportionen werden schon stimmen, oder?), der seine Ohren nicht zuhält (obwohl er sich ja bestimmt ganz schön viele Gebete anhören muss) und der sogar mit mir redet!  Ich danke Dir, Gott.  Vielen Dank.  Und jetzt: Weiterkochen.

Schlafen

Ich schlafe. Du schläfst. Er/Sie/Es schläft. Wir schlafen. Ihr schlaft. Sie schlafen.

Ich schlafe. NICHT!!!!!!!!!!!!!

Kinder, zieht mal euren Schlafentzug ääh Schlafanzug an. Ich bin, also äh, etwas müde. Gerne würde ich nachts schlafen, aber die Kinder schlafen nicht, und wenn Kind 1 zufälligerweise doch gerade schläft, dann wacht gerade Kind 2 oder 3 auf.

So wie jetzt:

Kind 2 steht an meinem Bett.

Ich sage Kind 2, es soll sich wieder hinlegen. Kind 2 muss aufs Klo.

Ich. „Dann geh“.

Kind 2: „Ich fürchte mich. Mir ist es zu dunkel.“

„Mach Licht an“, sage ich schlaftrunken im Telegramm. Stil.

„Ich komm nicht an den Lichtschalter.“

Also, was solls, ich steh doch gerne mal auf zwischendurch, das regt den Kreislauf an und die Durchblutung. Licht im Badezimmer angeknipst, damit Kind 2 sich nicht fürchtet, und schnell wieder ins Bett zurück. Aaaah, schön, jetzt wieder weiter schlafen. Schön eingekuschelt und…

“Mama?“

Ungehalten, aber gerade noch beherrscht: „Was ist denn?“

Ich komm nicht ans Waschbecken.“

„Nimm dir den Hocker.“

„Der ist nicht da.“

Stille.

„Mama!“.

Ich war kurz eingeschlafen, aber Schlafen, nachts, wie abwegig dieser Gedanke. Aufstehen, Wasserhahn aufdrehen, warten, bis die Hände gewaschen sind, Kind 2 zurück zum Bett begleiten, wieder hinlegen. Schlafen. Schlafen. Jawohl, ich werde gleich wieder schlafen. Es gibt nichts Herrlicheres als schla-….

Kind 1: „Mama!“

Ich fahre hoch, entschließe mich dann aber doch dazu, erst mal abzuwarten und so zu tun, als ob ich nichts gehört hätte. Vielleicht habe ich ja nur geträumt (okay, dazu müsste ich ja schlafen…) oder Kind 1 beruhigt sich von alleine…

Kind 1, ungeduldig: „Maaama“

Ich, hektisch die Bettdecke zurückschlagend, raus aus dem Bett. Es könnte ja sonst sein, dass Kind 2 wieder aufwacht oder Kind 3. Schnell zu Kind 1 ans Bett spurten, aber trotzdem leichtfüßig und geräuschlos bleiben, um ja keine anderen Mitbewohner aus dem Schlaf zu reißen. Kurz überlege ich, ob es nicht doch sinnvoller ist, ein bisschen Lärm zu machen, damit vielleicht Kindsvater von Kind1, 2 und 3 auch mal aufwacht und den Laden übernimmt, aber da bin ich schon am Bett von Kind 1.

Kind 1 (eigentlich unser  Musterschläfer): „Ich habe eine verstopfte Nase.“

Ich (so wenig genervt, wie ich kann): Jaaaa, dann muss ich wohl mal das Nasenspray suchen.“

Wo ich schon mal unterwegs bin, macht es mir kaum etwas aus, schlaftrunken die Treppe herab zu wandeln, völlig benommen auf Stühle zu klettern, um die blöde Medikamentenkiste vom Schrank zu holen und dann zwischen den 35 abgelaufenen Tabletten-, Salben- und Tropfenschächtelchen das mit dem – noch nicht abgelaufenen- Nasenspray heraus zu nesteln. Es ist ja auch gerade mal 2.00h. Vor einigen Jahrzehnten wäre ich doch da gerade erst aus dem Haus gegangen.

So. Treppe rauf. Kind 1 die Nasentropfen verabreichen. Und dann…mein Bett… ich weiß schon kaum mehr den Weg dorthin…

Ich schlafe wohl tatsächlich eine geschlagene, volle, komplette Stunde. Da träume ich, dass eine Spinne auf mir herumkrabbelt und fahre panisch aus dem Schlaf hoch, nur um festzustellen, dass mich keine Spinne, sondern die Finger von Kind 2, unserer Schlafterroristin, geweckt haben. Kind 2 steht neben meinem Bett und sieht mich groß und erwartungsvoll an. Ich starre zurück.

Kind 2: „Mama, ich fürchte mich.“ Man muss, um sich das lebhaft vorzustellen, wissen, dass unser süßes Kind No. 2 eine kleine Sprach- Besonderheit hat und das „ch“ nur so aussprechen kann, wie es die Schweizer tun. „Ich fürchte mich“ hat viele „ch“s und klingt deshalb aus dem Mund von Kind 2 sehr herzerwärmend. Meistens lasse ich Kind 2 dann einfach in unser Bett krabbeln, weil wenn sich jemand fürchtet (mit Schweizer „ch“) sollte man doch etwas Trost spenden, oder nicht?

Anders heute. Ich kann schon nicht mehr ganz klar denken vor Müdigkeit, aber so viel weiß ich: Kind 2 wird in sein eigenes Bett zurückgehen. Kind 2 fürchtet sich natürlich vor dem Rückweg ins eigene Bett, so ganz allein in der Nacht. Da steht Mutter gerne auf und kommt noch einmal mit ins Kinderzimmer.

Irgendwann im Morgengrauen, ich muss wohl gute 2 Stunden geschlafen haben, wacht Kind 3 auf. Es bekommt seinen Schnuller und fällt nochmals in leichten Schlaf, bevor es dann gegen 6.00 morgens erwacht, und bitterlich weinend nach der Morgen- Milch verlangt. Wer könnte ihm das verdenken???

Wo ich schon mal aufgestanden bin, bleibe ich doch gleich wach.

Als ich in den Spiegel schaue, versuche ich, mich zu entdecken. Ich sehe aber nur eine graue Gestalt mit riesigen dunklen Schatten im Gesicht. Wer mag das sein???

Bald ist Halloween. Wo da der Zusammenhang besteht? Obwohl wir dieses Fest nicht feiern, könnte ich diesmal problemlos mitmachen. Ich brauche keine Vampire oder Skelette kaufen. Das Gespenst nimmt mir jeder ab.