Archiv für den Monat November 2013

Mittelmäßig

Annie hat sich, ganz aus eigenem Antrieb, für eine halbe Stunde mit ihrer kleinen Schwester beschäftigt. Die beiden haben Schule gespielt. Naja, sagen wir mal, Annie hat Schule gespielt und Janina war die Statistin, die dafür an verschiedene Orte im Haus getragen wurde. Dass Annie der „teacher“ war versteht sich ja von selbst.

Als ich merke, dass Janina allmählich die Lust an diesem Spiel verliert, geselle ich mich dazu, nicht ohne Annie dafür zu loben, dass sie so toll und so ausdauernd mit ihrer kleinen Schwester gespielt hat: „Annie, die Janina kann sich ja freuen, dass sie eine so tolle große Schwester hat.“ Annie fragt: „Warum?“. „Naja, weil Du doch jetzt so lange mit ihr gespielt hast. Das hat ihr bestimmt gefallen“ (mir natürlich auch, aber das sage ich jetzt mal nicht so lautJ). Annie hält ein bisschen den Kopf schief, wahrscheinlich weil das so eine Erwachsenen- Logik ist, die sie nicht ganz versteht. Dass ich sie gelobt habe, ist aber wohl irgendwie angekommen.  Ich als Mutter und Hausfrau bin natürlich total ausgehungert, was Lob und Anerkennung betrifft und wittere hier und jetzt meine Chance. Raffiniert frage ich Annie: „Sag mal, Annie, glaubst Du die Janina hat auch Glück gehabt mit ihrer Mama???“ Siegesgewiss warte ich Annies Antwort ab. So eine Steilvorlage MUSS sie einfach verwandeln. Annie darauf, ziemlich nüchtern: „Hmm… so mittel.“

Ich bin erst mal einen Moment lang sprachlos- das war NICHT die erwünschte Antwort- aber dann bricht mein Galgenhumor aus mir heraus, ich schmeiße mich auf den Boden und fange an, hemmungslos zu lachen. Janina, 14 Monate, die ihre Mutter noch nicht oft so gesehen hat, beobachtet mich etwas verstört. Annie weiß auch nicht recht, wie es zu diesem Lachanfall kam (sie hat doch nur gesagt, was halt den Tatsachen entspricht) und fragt mich nach einer Weile: „Mama, lachst Du jetzt für immer?“.

Nein. Nein, nein. Ich lache nicht für immer.  Inzwischen bin ich wieder ganz ernst. Und freue mich „so mittel“ auf meinen Haushalt.

Liebe Grüße an Euch von der mittel- guten Mama!

Liebesbrief

Meine Kinder haben aus der Schule einen Zettel mit nach Hause gebracht, den ich BEINAHE aus Versehen in den Stapel mit Altpapier hätte wandern lassen…Ich bin extrem froh, dass mir das nicht passiert ist, denn es hat sich dabei um einen Brief an die Eltern mit folgendem Inhalt gehandelt:

Der 20. November ist Tag der Kinder (jaaa, es gibt ja hunderttausende Tage für irgendwas, darunter den  Welttag der Hauswirtschaft, den Tag des deutschen Apfels,  den Welt- Schildkrötentag oder den Tag des Schlafes- diesen wiederum finde ich extrem wichtig, aber das führt jetzt zu weit). Mein erster Gedanke war: Uff, wie anstrengend, bestimmt soll ich irgendwo Geld auftreiben und für ein Projekt spenden, das wahrscheinlich sehr ehrenwert, aber gleichzeitig auch wieder total abstrakt ist und wenn ich kein Geld spende, dann habe ich ein schlechtes Gewissen, weil es doch eine Schulaktion ist und unsere Kinder das Teilen lernen sollen usw. usw. Aber nein, in Wirklichkeit ging es um etwas ganz anderes (inzwischen ist der Zettel tatsächlich beim Altpapier, deshalb kommt hier nur eine sinngemäße Wiedergabe):

Liebe Eltern, wir wollen unseren Kindern am 20. November zeigen, dass sie etwas Besonderes und Wertvolles für uns und ihre Mitmenschen sind. Damit jedes Kind erfährt, dass es geliebt ist, haben wir eine Karte vorbereitet, auf der Sie Ihrem Kind eine kleine Botschaft schreiben können. Bitte nehmen Sie sich Zeit und schreiben in ein paar Worten oder Sätzen auf, was Ihr Kind Ihnen bedeutet. Denken Sie daran, diese Karte rechtzeitig an die Schule zurück zu geben, damit jedes einzelne Kind am 20. November eine solche Liebes- Botschaft empfängt.

Diese Idee fand ich großartig! Trotzdem hat es einige Tage gedauert, bis ich mir Zeit genommen habe, um für meine beiden älteren Kinder diese Liebesbotschaft aufzuschreiben. Dummerweise musste ich sie in Englisch formulieren, weil die Kinder sie in der Schule von ihrem Lehrer/ihrer Lehrerin vorgelesen bekommen. Trotz dieser kleinen Hürde war das eine überwältigende Erfahrung für mich: mein Herz ist übergelaufen vor Liebe und Dankbarkeit! Und plötzlich sind die Worte einfach so aus mir herausgeströmt, Englisch hin oder her. Auch wenn es kein seitenlanger „Liebesbrief“ geworden ist- ich war hinterher unsagbar glücklich und erfüllt, weil ich hoffe, dass meine Worte die Herzen meiner Kinder erreichen werden und sie spüren können, dass sie geliebt , gewollt und wertgeschätzt sind.

Das ist es doch, was wir alle für unsere Kinder möchten, oder?

Ich weiß nicht, ob es eine ähnliche Aktion auch in anderen Schulen bzw. anderen Ländern gibt. Aber vielleicht hast Du ja Lust bekommen, auch eine Karte an Deine Kinder zu schreiben.  Egal, an welchem Tag im Jahr. Die ganz Kleinen werden vielleicht noch sehr wenig davon verstehen, aber selbst wenn Du die Karte aufbewahrst und Dein Kind sie zu einem späteren Zeitpunkt findet- ich glaube, das kann ein schöner Moment werden, der Eure Herzen verbindet.

Gottes Segen für heute! Und denkt dran: Auch Ihr seid geliebt!

PS.: Falls Ihr jetzt denkt, dass wir niemals Geld für andere Kinder spenden und Teilen eigentlich doof finden, dann lest im Dezember weiter…

Nicki

In Kanada gibt es christliche Radiosender, was eine riesige Bereicherung für meine (zahlreichen) Autofahrten ist.  Die Musik tut mir gut,  lenkt (zumindest immer wieder) meinen Blick auf das Wesentliche, lässt mich manchmal innerlich innehalten und aufhorchen, spricht Wahrheiten in mein Leben, tröstet, baut auf. Genauso die Radiobeiträge.
Heute  Morgen, auf der Fahrt zum Kinderarzt, habe ich einem Gespräch zwischen dem Moderator und einer Frau (Nicki) zugehört, die beim Radiosender angerufen hat, um sich für das tolle Programm zu bedanken. Hier ihre Geschichte:

Nicki ist 24 Jahre alt. Sie hat das Gespräch so eröffnet: „Hi, my name is Nicki. And I´m dying.“ Sie hat eine unheilbare Krankheit. Ihre Lebenserwartung liegt bei maximal 10 Jahren. Ihr Vater ist mit 36 Jahren an der gleichen Krankheit verstorben.  Das sind die nüchternen Fakten.
Dann fängt diese Frau an zu sprechen, und es ist nicht zu fassen, wie viel Freude und Zuversicht in ihrer Stimme liegen. Sie tut nicht einfach nur so, sie IST eine fröhliche Person.  Sie erzählt von sich, und zwischendurch lacht sie, als ob sie eine überaus rosige Zukunft vor sich hätte und nicht mit einer todbringenden Diagnose leben würde.  Nordamerikaner haben – nicht ganz zu Unrecht- den Ruf, oft mit einem aufgesetzten Lächeln oder gespielter Lässigkeit durchs Leben zu gehen. Dieser Frau nehme ich ab, dass ihr Lachen echt ist.
Der Moderator fragt, wie sie das aushält, genau zu wissen, dass ihre Zeit sehr begrenzt ist:
„I´m living every day as it was my last day.“ Ich bin froh, dass der Moderator nachhakt. Was das denn bedeuten würde, jeden Tag so zu leben, als ob es ihr letzter sei.
„Ach, wissen Sie, ich habe eine kleine Tochter. Und auch wenn sie sich nicht immer so benimmt, wie ich es gerne hätte- ich habe einfach keine Zeit, mich darüber zu ärgern. Ich weiß nicht, wie lange ich sie noch um mich habe. Das gilt aber nicht nur für meine Familie, auch bei fremden Menschen, denen ich begegne, denke ich oft: Es könnte das letzte Gespräch sein, das ich führen kann. Dann sollte es besser ein freundliches Gespräch sein! Oder ich denke: Das, was ich heute tue, könnte mein Abschied sein, das, was die Menschen als letzte Erinnerung an mich haben werden. Ich möchte, dass es eine gute Erinnerung ist.“

WOW. Ich sitze im Auto und bin den Tränen nahe. Was für eine Frau. Was für eine Einstellung. Hammer.

Ich Trottel laufe durchs Leben, habe – so denke ich- unendlich viel Zeit, bin trotzdem immer gestresst, übersehe tausend kleine Gelegenheiten, um freundlich, geduldig, liebevoll zu sein. Und diese junge Frau sieht dem Tod ins Auge und verfällt nicht in Depressionen und Verzweiflung, sondern fasst sich ein Herz und schaut das Leben als das an, was es ist: Ein unendliches Geschenk von Gott, zeitlich begrenzt, ja, aber mit unendlich vielen Möglichkeiten, in jeder Sekunde, jeder Minute, jeder Stunde Entscheidungen zu treffen.  Gute Entscheidungen. Entscheidungen, die das Leben fördern. Entscheidungen, die andere Menschen segnen.  Freundlich sein. Die Kinder nicht anschreien, wenn sie morgens trödeln („Ich habe einfach keine Zeit, mich darüber zu ärgern“). Den Anruf bei der Freundin oder den Eltern nicht wochenlang aufschieben.  Meinem Mann zuhören, auch wenn ich nicht alles verstehe, was er von seiner Arbeit erzählt.  Die Menschen segnen, die mir begegnen.
Ja, ich weiß, das kann auch leicht gesetzlich werden und moralischen Druck aufbauen.
Aber mich hat es motiviert, das Leben wertzuschätzen.  Auch ganz alltägliche Tage als kostbare Zeit wahrzunehmen. Kleinen Momenten und scheinbar belanglosen  Begegnungen Bedeutung beizumessen.  Es stimmt doch, auch wenn wir es nicht gerne hören und sehen: Unsere Zeit ist begrenzt.  Wir mögen noch viele Jahre vor uns haben, aber sie sind nicht un- endlich. Sie sind kostbar. Sehr sehr kostbar.

 

„Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben. Aber wir können den Tagen mehr Leben geben“.

 

Daran will ich mich erinnern. Immer wieder.
Macht´s gut. Und einen schönen, gesegneten Tag.

PS.: Tut mir leid, Nicki, dass ich nur deinen Vornamen kenne!  Ich hoffe, Du bist nicht böse, dass ich Deine Geschichte einfach weitererzähle!!
PPS.: Leider kann ich Euch auch nicht sagen, von dem das Zitat oben stammt. Wenn ich es noch rausfinde, ergänze ich es- ist leider nicht von mir…

Meine Winter-Werkzeug-Kiste

Der Herbst hier war sehr gnädig mit uns. Viel Sonne, milde Temperaturen, warmes Licht und leuchtende Blätter an den Bäumen bis noch vor wenigen Tagen.
Allmählich kündigt sich der Winter an, mit kaltem Wind und sinkenden Temperaturen. Die Winter in Kanada sind lang (der Frost hält sich oft bis Mitte April) und manchmal ganz schön eisig.
Höchste Zeit also, sich warme Gedanken zu machen!! Ich habe beschlossen, mich gegen die Kälte zu wappnen und mir ein paar Wohlfühl- Strategien zurechtgelegt (fragt mich in 5 Monaten, wie gut das geklappt hat, okay?).

Hier kommt also meine Winter- Warmhalte- Werkzeugkiste:

1.Stricken
 kann ich leider nicht. Aber gestrickte Sachen kaufen kann ich gut!! Falls Ihr auch ein bisschen verfroren seid, dann empfehle ich euch „Armstulpen“. Komisches Wort, ich weiß, aber trotzdem tolle Teile, die Ihr einfach über Pulli oder Longsleeve drüberziehen könnt. Und schon wird es etwas kuscheliger!

2. Weit verbreitet hier: Tea Latte trinken.
Falls Ihr das genau so wenig kennt wie ich bis vor kurzem, dann hier eine schnelle Anleitung

  • Milch aufschäumen
  • In den Milchschaum heißes Wasser, Teebeutel und Zucker geben
  • Ziehen lassen
  • Heiß genießen

Besonders gut eignen sich für eine Tea Latte die würzigen Chaii- Teas, die es auch mit weihnachtlicher Zimtnote gibt

3. Wärmflasche mit ins Bett nehmen- sehr simpel, aber  effektiv

4. Den Partner mit einer heißen Rolle“ verwöhnen (oder sich selbst verwöhnen lassen…).
Das geht so: Man nehme ein Handtuch und rolle es zu einem Trichter auf (also, eigentlich einfach zu einer „Handtuch-Wurst“, die nach unten etwas spitz zuläuft). Dann Wasser heiß machen (nicht kochend heiß) und es vorsichtig von oben in die Mitte des Handtuch- Trichters laufen lassen, ungefähr so lange, bis man gerade etwas Feuchtigkeit und Wärme durchsickern fühlt. Dann auf den Bauch legen, die  Handtuchrolle in den Nacken legen und schön langsam und vorsichtig aufrollen. Das sollte behutsam passieren, damit es nicht schlagartig heiß auf der Haut wird. Ganz allmählich breitet sich dann eine schöne warme Decke über der Haut aus, was besonders für verspannte Muskulatur sehr wohltuend ist.

5. Weihnachtsgeschenke planen:
Seid Ihr Gerne- Schenker, so wie ich? Ich liebe es, für jemanden ein passendes Geschenk zu suchen und habe richtig Freude daran, mich darauf zu freuen, wie sehr sich die oder der andere wohl darüber freut- oder war das jetzt zu viel Freude??? Wieso nicht dieses Jahr mal richtig FRÜH – also quasi JETZT- starten, sich warme Gedanken über Freunde und Verwandte machen (soweit möglichJ) und überlegen, was ihnen wohl FREUDE machen könnte?

6.Weihnachtsdeko auf kanadisch– das wird toll!!!!
Ging es Euch auch so als Kinder, dass Ihr alles geliebt habt, was glitzert, leuchtet, bunt und knallig ist? Und dann kamen irgendwann die Erwachsenen (zumindest zu mir) und haben mir erzählt, das sei Kitsch. Leute- vergesst das!!!! Geschmackvoll war gestern- Lichterketten, Lichtergirlanden, Nikoläuse, Rentiere, Schneemänner, Schlitten, Geschenke  in allen Farben und Größen leuchten hier um die Wette und lassen jedes Kindeherz höher schlagen. Und meines auch!!! Jawohl, ich gestehe es! Trotz aller kultureller Ressentiments, die ich anfänglich hatte, hat das innere Kind in mir gesiegt und fängt an zu schwärmen, wenn es all die grünen, gelben, roten, blauen und pinken Lichter sieht, in denen die Vorgärten hier an Weihnachten erstrahlen. Es ist ein Fest der Farben gegen die Dunkelheit und die Kälte. Und es ist toll!!! Macht Ihr mit??? Eure Kinder werden es Euch danken! Und an den Tannenbaum im Wohnzimmer kommen natürlich trotzdem echte Bienenwachskerzen (naja, falls es hier welche zu kaufen gibt..?).

7. Barbs Kinder- Punsch:
zu gleichen Teilen Orangensaft und Früchtetee (gezuckert)  miteinander mischen. Pro 1 L Flüssigkeit zwei Beutel Glühfix (Glühweingewürz) dazugeben. 1 EL Gewürznelken sowie zwei bis drei  Prisen Zimt hinzu fügen . Alles langsam erhitzen und gut durchziehen lassen. Anschließend durch ein Sieb gießen (wegen Gewürznelken). Wer möchte, kann noch kleingeschnittene Orangenstücke dazugeben- dann nochmals kurz anwärmen.

8. Heiße Schokolade mit Marshmallows

9. Wollsocken anziehen (wer mag), Kuscheldecke holen, Licht dimmen und dann Film ab! Nichts finde ich ermutigender als Geschichten über Veränderung. Hier mein neuer Lieblingsfilm (kam schon 2009 raus, habe ihn aber erst in diesem Jahr gesehen):
Blind Side- Die große Chance: großartiger, bewegender Film, der die (wahre) Geschichte des Football- Profis Michael Oher erzählt. Ich mag normalerweise keine Filme, bei denen Sport im Vordergrund steht- aber dieser Film ist anders und geht unter die Haut!

10. Und schließlich soll zu guter Letzt auch ein Buchtipp nicht fehlen, denn Wollsocken, Kuscheldecke und Kerzen passen auch sehr gut zu einem winterlichen Leseabend. Zum zweiten Mal lese ich gerade: „Unser italienisches Jahr“ von Susan Pohlman. Handelt von einem amerikanischen Ehepaar, das eigentlich kurz vor der Trennung steht und sich dann dazu entschließt, mit beiden Kindern für ein Jahr nach Italien zu ziehen. Faszinierende Geschichte, mutmachend und unterhaltsam. SEHR empfehlenswert.

Und- wie kommt Ihr durch den Winter???