Archiv für den Monat April 2020

each word a gift (?)

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Bild: Alexas Fotos, pixabay

Gestern Abend war ich glücklich.
Ich hatte einen dieser Tage, wo ich beim Arbeiten so richtig gut in meinen Rhythmus gefunden habe. Selbst die liegen gebliebenen Abrechnungen, die ich immer vor mir herschiebe, weil ich Buchhaltung nicht ausstehen kann, haben sich in meinem Flow fast von allein erledigt.
Am Nachmittag ging mir dann auch noch die Gartenarbeit gut von der Hand.
Meine Mädchen hatten von irgendwoher plötzlich die Inspiration und Motivation, dass sie für einen Tag lang ganz, ganz hilfsbereit sein möchten, haben Brote geschmiert und Limonade gemacht, die Küche und ihre Zimmer aufgeräumt.
Um dem Ganzen die absolute Krönung aufzusetzen, haben sich dann am Nachmittag auch noch alle drei Kinder gefunden und sich auf dem Trampolin und im Wald ausgetobt.
Schön!

Mein Sohn hat den Job, dass er jeden Tag die Spülmaschine ausräumen muss.
Als wir nach dem Abendessen noch zusammensaßen, hat er sich etwas missmutig daran gemacht, seinen häuslichen Pflichten nachzukommen.
Während wir anderen diskutiert haben, ob wir jetzt gleich noch Rummikub spielen wollen oder nicht, hat es im Hintergrund plötzlich ganz gewaltig gescheppert. Jaaaa- da ist wohl etwas zu Bruch gegangen. Ahnungsvoll fragte ich meinen Sohn: „Das war jetzt aber nicht meine Lieblingstasse, oder?“
Und da stand mein 13-jähriger Junge, mit Tränen in den Augen, und sagte wütend: „Doch! Warum muss ich immer alles kaputt machen?“

Schwimme ich noch auf der Welle dieses Bilderbuchtages oder rührt mich seine tiefe Betroffenheit? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich gott-froh über meine eigene Reaktion bin.
Obwohl diese Tasse etwas Besonderes für mich war -ich habe sie bei einem Workshop in einem superschönen Atelier selbst bemalt- verliere ich kein böses Wort. Ich nehme meinen Sohn in den Arm, sage ihm, dass er sich keine Gedanken machen soll und dass ich ganz bestimmt mal wieder eine neue Tasse bemalen werde. Und ich füge schmunzelnd hinzu: „Weißt Du: Du bist mir wichtiger als die Tasse!“
Ein bisschen hadert er noch mit seinem Missgeschick, aber ich merke, dass er durch meine Worte getröstet ist.
Sternstunde der Mütterlichkeit.
Ich bin so, so dankbar, dass dieser Zwischenfall nicht in einem Moment passiert ist, in dem ich müde, überarbeitet und gereizt war. Denn so gut kenne ich mich, dass ich genau weiß: Es hätte auch anders ausgehen können. An einem schlechten Tag hätte ich mich vielleicht geärgert und geschimpft, statt Trost zu spenden und mich über mein Kind zu erbarmen.

Worte haben Macht.
Das wissen wir alle.
Könnt Ihr Euch auch an Worte erinnern, die Euch bis ins Mark getroffen, verunsichert und verletzt haben und wie ein Schmutzfleck auf Eurer Seele hängen geblieben sind?
Ich schon.
Und könnt Ihr Euch an Worte erinnern, die Euch Flügel verliehen, ein Licht in Euch angezündet und Euch vielleicht sogar zu neuen Ufern haben aufbrechen lassen?
Ich schon.

Die Bibel weiß auch um diese Wahrheit:

A word out of your mouth may seem of no account, but it can accomplish nearly anything- or destroy it!
(James 3, 3.4; the Message)
Ein Wort aus Eurem Mund mag Euch bedeutungslos erscheinen, aber es kann so gut wie alles ausrichten- oder aber zerstören!

Gestern Abend war mein eigener Liebestank so reichlich gefüllt, dass mir die guten und richtigen Worte wie von selbst von den Lippen kamen.
Natürlich könnte ich auch andere Geschichten erzählen, bei denen ich die Geduld verloren und hinterher viel Zeit und Energie investiert habe, um wieder neu das Vertrauen meiner Kinder zu gewinnen und gute Samen statt negativer Botschaften in ihre Herzen zu pflanzen.
Aber alles hat seine Zeit.
Und heute ist es Zeit, um meinen Kompass auf ein Ziel auszurichten, das mir auch weiterhin Sehnsucht macht nach wohltuenden, lebensspenden Worten:

„Say only what helps, each word a gift“
Sprich nur hilfreiche Dinge aus. Lass jedes Deiner Worte ein Geschenk sein.”
(Epheser 4,29, the Message)

Spielraum ist da noch viel…
Aber Gnade auch.

 

P.S.:
Die Tasse ohne Henkel werde ich aufbewahren. Sie bekommt sogar einen Platz in meinem relativ neu erworbenen Mini-Regal, das ich mir noch vor ein paar Wochen zum Geburtstag ausgesucht habe- eigentlich für besonders schöne Schmuckstücke 😊. Aber gute Erinnerungen sind ja auch Schmuckstücke. Oder etwa nicht?

Hinter dem Dunkel

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Foto: James Chan, pixabay

Mein Mann hat es gut.
Nicht nur, weil er mit mir verheiratet ist 😉.
Nein, er hat es zurzeit vor allen Dingen deswegen gut, weil er im Hier und Jetzt lebt.
Er ist einfach nicht der Typ, der sich stundenlang den Kopf über Dinge zerbricht, die er nicht weiß. Wenn es ihm möglich ist zu planen, dann plant er. Und zwar mit viel Weitblick.
Wenn er eine Sache aber nicht abschätzen kann oder es nicht zwingend nötig ist, zu handeln, dann lässt er die Dinge auf sich zukommen.
Sehr weise. Und beneidenswert, besonders in dieser Zeit.

Für mich bedeutet das allerdings, dass ich ihn nicht gut in Gespräche über mögliche Zukunftsszenarien verwickeln kann. Wenn ich mir überlege, wie unser Leben im Angesicht von Corona wohl in zwei, drei Monaten oder gar Jahren aussieht, bringt es nicht viel, sich mit ihm darüber austauschen zu wollen. Da kommt nix. Man(n) weiß es halt nicht. Deswegen nützt auch alles Spekulatius nix. Und ich sitze dann allein da und grüble…☹.

Gestern, als wir wie viele Tausende andere auch an „Deutschland betet gemeinsam“ teilgenommen haben, ist mir ein Foto in den Sinn gekommen, das ich vor mehreren Jahren mal im Internet gefunden habe. Es war natürlich urheberrechtlich geschützt und ich war schon in Kontakt mit der Fotografin, um das Bild digital zu kaufen. Leider habe ich die Sache dann irgendwie aus den Augen verloren…
Zu sehen war auf dem Foto ein langer, schwarzer, gemauerter Gang. Am Ende des Ganges dann eine bogenförmige Öffnung und die Silhouette zweier Gestalten: Aus dem schwarzen Tunnel ins Licht tretend konnte man einen Mann erkennen, der ein Kind an der Hand führt.
Trotz des dunklen Tunnels, der eigentlich einen Großteil des Bildes eingenommen hat, verströmte es Hoffnung und Geborgenheit.
Als wir gestern in virtueller Gemeinschaft Psalm 23 gebetet haben, kam mir diese Fotografie wieder in den Sinn.

„Und wandere ich auch im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück.“
(Psalm 23,4)

Ganz ehrlich: Mein Tal ist Moment gar nicht finster.
Mir geht es gut, richtig richtig gut.
Im Vergleich zu Millionen anderer Menschen fast unverschämt gut.
Aber erstens lässt mich das Elend, von dem ich tagtäglich höre und lese, nicht kalt.
Und zweitens spüren wir ja alle, dass auch unsere Zukunft ungewiss ist. Unsere vermeintlichen Sicherheiten werden erschüttert. Das Wohlstandsfundament, auf dem wir viele Jahrzehnte stehen durften, wird wackelig. Unser wunderbares Gesundheitssystem, für das ich schon viele Male dankbar war, ist nicht unerschöpflich. Was ich tag-täglich an Komfort und Luxus als selbstverständlich genommen habe, mag mir erhalten bleiben. Es mag aber auch wegbrechen (mein Mann sagt dazu leider nichts…).
Und dann???

Dann kommt wieder das Foto ins Spiel, das ich versucht habe, zu beschreiben (oh, ich würde viel darum geben, wenn ich es Euch zeigen könnte…). Ich habe es deshalb so geliebt, weil es für mich ein Bild für Gott selbst war:
Er geht mit durch den dunklen Tunnel. Er ist da, neben mir, hält mich an der Hand und führt mich durch tiefe Täler, dunkle Gänge, ungewisse Abgründe hindurch.
Wo ich nichts sehen kann, kennt er den Weg ins Licht.
Er führt mich hinaus und ich kann ihm vertrauen.

Ja, vielleicht wird es dunkel und schmerzhaft und schwer, so wie es für all diejenigen schon ist, die mit dem Virus kämpfen, die im Sterben liegen, die eine geliebte Person verloren haben oder über Leben und Tod entscheiden müssen.
Zu gerne würde ich ausweichen oder Abkürzungen nehmen.
Aber das geht nicht.

Mein Gebet für Dich und mich ist, dass wir jetzt nicht in Angst und Panik verfallen.
Du und ich, wir haben die Chance, ein ganz neues und tiefes Vertrauen zu lernen.
Schon vor Corona wusste ich, dass ich noch damit ringe, Gott die ganze Kontrolle über mein Leben zu geben. Mir war bewusst, dass ich in verschiedenen Lebensbereichen noch an meinen Vorstellungen, meinen Fähigkeiten (so begrenzt sie auch sein mögen), an meinem Ego festhalte. Ich habe dafür gebetet, dass Jesus mir hilft, die Kontrolle loszulassen.
Nun haben sich die Umstände geändert und die Kontrolle wird mir -wenigstens zum Teil- ohnehin genommen.
Ich erkenne meine Abhängigkeit von Gott.
Meine Hilflosigkeit angesichts erdrückender Nöte und bedrohlicher Nachrichten.
Diese Abhängigkeit – ich möchte sie heute umarmen.

Und in dem Moment,
in dem ich das tue,
werde ich umarmt.

Von dem Gott,
der für mich an Karfreitag durch die Finsternis geht,
damit ich ans Ziel komme.

„In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.“
(Johannes 16,33)

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Foto: Johannes Gressberg, pixabay