Archiv für den Monat April 2015

Kleine Gesten

Vor ungefaehr einem Monat:

Ich habe einen Untersuchungstermin im Krankenhaus:
Wie ich schonmal erwaehnt habe, soll ein Knoten in meiner Schilddruese auf boesartige Zellen untersucht werden. Zu diesem Zweck muss also eine Biopsie bei mir gemacht werden, was nicht anderes heisst, als dass mir jemand mit einer Nadel einen winzigen Schlauch in die Schilddruese einfuehrt und Gewebe absaugt.
Hoert sich fuer Aussenstehende vielleicht ganz harmlos an- fuer mich aber nicht!!!
Ich will nicht, dass mir jemand in den Hals sticht! Ich habe Angst davor, dass der Eingriff schmerzhaft sein wird und vielleicht sogar bleibende Schaeden verursacht. Normalerweise bin ich,was Arztbesuche anbelangt, nicht so ein Angsthase und mache mir in der Regel wenig Gedanken ueber das, was mich dabei erwartet. Aus irgendeinem Grund hoert sich das Wort „Biopsie“ fuer mich aber hoechst bedrohlich an…
So tapfer wie ich eben kann mache ich mich also auf den Weg zum KGH (Kingston General Hospital). Dort werde ich nach einer kurzen Wartezeit von einer Krankenschwester in Empfang genommen. Sie wechselt ein paar Worte mit mir und erklaert mir, wo ich mich umziehen kann (ich brauche so einen albernen OP-Kittel, in dem jeder, aber auch wirklich jeder eine schlechte Figur macht- das ist aber im Moment eher Nebensache…).
Schon bei den ersten Worten spuere ich, dass ich bei dieser Krankenschwester gut aufgehoben bin. Sie strahlt Ruhe aus, aber mehr noch als das eine Freundlichkeit, die aus ihrem tiefsten Inneren zu kommen scheint und die sich wie ein warmer Mantel auf meine unruhige Seele legt. Ich bin ihr sooo dankbar dafuer!
Der zustaendige Arzt verkoerpert so ziemlich das Gegenteil: Wortkarg und unnahbar erklaert er mir nur das Allernoetigste zu dem, was auf mich zukommt und scheint nur widewillig auf meine besorgten Fragen einzugehen.
Die Untersuchung stellt sich als voellig harmlos und ueberhaupt nicht schmerzhaft heraus.
Nach 10 Minuten bin ich fertig. und der Arzt macht auch bei der Verabschiedung nicht viele Worte. . Die nette Krankenschwester dagegen nimmt sich Zeit: Sie erkundigt sich nach meinem Befinden, erklaert mir die weitere Vorgehensweise und zeigt mir den Weg zuruek zur Umkleidekabine. Nichts von dem, was sie sagt, ist spektakular oder aufregend. Sie vollbringt keine erstaunlichen Leistungen (anders vielleicht als der Chirurg, der an meinem Hals herumgestochert hat). Und trotzdem tut sie etwas, was fuer mich einen gewaltigen Unterschied bedeutet: Sie nimmt mich wahr, oeffnet ihr Herz und schenkt mir Zuspruch und Mitgefuehl. Sie sieht mich als Person und nicht nur als Untersuchungsobjekt mit Schilddruese und Knoten. Kleine Gesten mit grosser Wirkung!

Eine andere Situation, vor zwei Wochen:

Jonathan hat sein Karate-Training verpasst, das in der Mittagspause in der Schule stattfindet. Er darf die versaeumte Stunde nachholen, muss dafuer aber zum Karate-Club, bei dem er vorher noch nie war. Als wir dort ankommen, schuechtert ihn die neue Situation ein: lauter fremde Kinder, alle tragen ihr Karate-Outfit (keine Ahnung, wie man diese weissen Kittel nennt, in der Schule tragen sie einfach nur T-Shirts fuers Training), ein ueberfuellter und lauter Umkleideraum und lauter neue Coaches. Ich rede ihm gut zu, was aber nicht so recht zu helfen scheint. Da tippt ihn ploetzlich ein Maedchen von hinten an der Schulter an, strahlt ihn an und sagt freundlich: „Hi, Jonathan!“. Ein Maedchen aus seiner Klasse! Und sofort fuehlt Jonathan sich nicht mehr so neu und so fehl am Platz. Juhu! Karate kann losgehen!
Auch hier hat nur eine winzige, freundliche Geste die ganze Situation gerettet: mein Kind fuehlt sich willkommen, wo es gereade noch fremd war.

Nochmal ungefaehr eine Woche spaeter:

Ich bin immer noch zwischen Hoffen und Bangen, was meine Diagnose bezueglich der Schilddruese anbelangt. Weil ich bis jetzt nur die Information bekommen habe, dass ich nochmal ins Krankenhaus kommen muss, fange ich nun doch an, mir Sorgen zu machen. Deshalb beschliesse ich, dass ich Gebets-Unterstuetzung brauche. Am naechsten Tag schickt Dennis eine email an zwei befreundete Ehepaare. Nur eine Stunde spaeter klingelt das Telefon. Sandra ist dran und sagt, dass sie vor fuenf Minuten die email gelesen hat. Sofort hat sie alles stehen und liegen gelassen und mich angerufen. Am Telefon betet sie fuer mich und macht mir Mut.
Auch das andere Ehepaar meldet sich wenig spaeter. Die beiden fragen, ob sie am Abend bei uns vorbeikommen sollenn.
Kleine Gesten. Grosse Wirkung. Ein Telefonanruf. Ein Gebet. Ein Kurzbesuch (den wir dann doch verschieben muessen, aber das spielt in dem Fall keine Rolle).

Alle diese Erfahrungen zeigen mir eines: Es kommt nicht (nur) auf die grossen Taten an. Sicher ist es toll, wenn Menschen im grossen Stil etwas veraendern und bewirken. Grosse Visionen und Ziele sind ganz bestimmt nicht verkehrt.
Aber oft, sehr oft, unterschaetzen wir die Bedeutung, die kleine Gesten haben. Ein einziges freundliches Wort kann einer Situation die Schaerfe nehmen. Ein Laecheln kann bewirken, dass ein Mensch sich willkommen und wertgeschaetzt fuehlt. Ein einziger Telefonanruf kann helfen, damit sich ein Freund oder eine Freundin nicht mehr alleine und ueberfordert fuehlt. Das richtige Wort im richtigen Moment kann unsere Kinder ermutigen, aufbauen, befluegeln. Ein einziges Gebet kann bewirken, dass die dicke Decke der Dunkelheit sich lueftet und dass wieder Licht und Hoffnung in unser Leben kommen.
Wahrscheinlich haben unsere Worte oft mehr Einfluss auf andere Menschen, als wir das annehmen. Sie koennen Tueren oeffnen oder schliessen, heilen oder verletzen, uns erschrecken oder beruehren. Oder, wie die Bibel es sagt:

„Heilende Worte helfen zum Leben, boeswilliges Reden zerstoert jeden Lebensmut.“(Sprichwoerter 15,4)

Ich glaube, ich weiss, welche Woerter mir besser gefallen…
Weil das jetzt schon wieder ganz schoen viele Woerter hier geworden sind, hoere ich jetzt einfach an dieser Stelle auf und wuensche Euch eine gute, gesegnete Woche, voll mit guten Worten!
Herzlichste Gruesse,
Barbara

PS.: Vielleicht interessiert Euch noch, dass ich inzwischen weiss, was mit meiner Schilddruese los ist: Die Zellen sind gutartig! PRAISE GOD!!!!!!!!!!!!!!