Archiv für den Monat August 2013

Crazy Canadians

Mit meinen drei Kindern mache ich mich auf den Weg in ein kleines Abenteuer: unser erster kanadischer Freibad- Besuch (wir hatten bis vor kurzem selbst einen Pool im Garten; das erklärt, weshalb wir bisher keine öffentliche Badeanstalt aufgesucht haben).

Frohgemut habe ich Badebekleidung, Bademäntel, Schwimmreifen, Sonnencreme und Verpflegung eingepackt. Immer noch frohgemut habe ich mit den Kindern auf dem Schwimmbadparkplatz gewartet, bis um 11.00h (in Deutschland gehen die ersten rüstigen Rentner doch bereits um 7.30h zum Schwimmen???) das Freibad seine Pforten für uns öffnet. Frohgemut belegen wir für eine lustige Viertelstunde die sehr geräumige und saubere Familienumkleide. Bevor wir  uns dort so richtig häuslich niederlassen, finden wir den Ausgang zum Schwimmbecken. Ich creme mich und die Kinder ein- und der Spaß kann losgehen. Denke ich. Das Wasser ist etwas kalt, aber okay. Jonathan und Annie plantschen ein bisschen und ich versuche, Janina für das Projekt Freibad zu gewinnen, die aber nicht so recht glücklich ist, vielleicht, weil ihr die Wassertemperatur nicht behagt, vielleicht, weil sich ihre nicht schwimm-taugliche Windel mit Wasser vollgesogen hat.

Jonathan und Annie wollen in den „lazy river“, einen Kanal mit Strömung, die mal stärker, mal schwächer ist. Aber halt, so einfach ist das nicht.

Life Guard: „Die Kinder brauchen eine Schwimmweste.“

Ich: Mein Sohn kann schwimmen.

Life Guard (LG): Wie alt ist er?

Ich: 6

LG: Dann muss er einen Schwimmtest machen.

Ich: Wie geht das?

LG: Gehen Sie zu dem Life Guard da drüben ins andere Becken.

Ich: OK.

Ich zum Life Guard (LG) im anderen Becken: Mein Sohn soll einen Schwimmtest machen.

LG: OK.

Ich: Was muss er dazu machen?

LG: Einmal quer durchs Becken, hin und zurück.

Ich: Ok. Hast Du alles verstanden, Jonathan?

Jonathan nickt, steigt ins Wasser und meistert mit großer Bravour den Schwimmtest (schließlich prangt ja auf seiner Badehose seit einigen Wochen auch das Seepferdchen!).

Der Life Guard vom Schwimmtest muss sich noch Name und Datum notieren. Dann dürfen wir wieder  zum Lazy River. Sowohl Annie als auch Janina tragen inzwischen auch vorschriftsgemäß eine Schwimmweste. Von Janina ist eigentlich nicht viel zu sehen, weil nur ein Bruchteil von ihr überhaupt aus der Schwimmweste herausragt. Aber offensichtlich ist das immer noch zu viel, wie ich gleich merken werde:

LG vom Lazy River: Sind das ihre Kinder?

Ich: Ja.

LG: Für jedes Kind, das eine Schwimmweste trägt, braucht man auch einen erwachsenen Begleiter.

Ich: Wie- ich darf jetzt nicht mit meinen Kindern da rein? Ich halte doch mein Baby fest!?

LG: Es muss pro Kind mit Schwimmweste ein Erwachsener sein. Sonst können Sie hier nicht rein. Das sind die Vorschriften.

So viele Regeln und so wenig Sinn dahinter- das macht mich fertig. Entnervt ziehen wir den Rückzug an, allerdings mit dem heimlichen Vorsatz, uns nachher doch noch irgendwie reinzuschmuggeln.

Als dann ein anderer LG die Schicht übernimmt und den Lazy River überwacht, gelingt es mir auch tatsächlich, uns alle in das entsprechende Becken einzuschleusen.  Annie ist allerdings etwas panisch, weil sie wahrscheinlich den Eindruck gewonnen hat, dass wir auf einer lebensgefährlichen Mission sind (ist ja auch kein Wunder, nach allen Hürden, die uns auferlegt wurden). Bevor wir erwischt und erneut zur Rede gestellt werden, schaffen wir immerhin zwei Runden im Lazy River. Darauf bin ich stolz!

Das beste heben sich die crazy Canadians mit ihrem Safety- Wahn aber zum Schluss auf:
nach einer Badepause möchte Annie wieder ins Wasser. Ich gehe wegen Janina nicht mit ins Becken, und obwohl Annie dort überall stehen kann und darüber hinaus auch schon sehr gut die Schwimmbewegungen beherrscht, gebe ich ihr ihren Schiwmmreifen mit.

Noch bevor sie überhaupt richtig im Wasser ist ertönt die Stimme eines der vielen LG´s um uns herum: „Excuse me. She is not allowed to take that into the water.” Während ich bis jetzt leicht genervt, pampig und schließlich resigniert auf die verschiedenen Verbote reagiert habe, herrscht jetzt bei mir nur noch blankes Unverständnis. Wie- mein Kind darf keinen Schwimmreifen ins Wasser mitnehmen? Das ist jetzt ein Witz, oder? Können Sie bitte nochmal erklären, was Sie da gerade gesagt haben? „No floatable items in the water. They can get a whole and then she will sink“.

Ah, ja, richtig. Nee, klar, hatte ich jetzt gerade nicht dran gedacht. Natürlich. Der Schwimmreifen könnte ja, stimmt, der könnte ja ganz plötzlich ein Loch bekommen, und dann würde meine  Tochter im Nichtschwimmerbecken untergehen, und ich als Mutter würde am Rand stehen und natürlich nix machen, genau wie die zehntausend Life Guards, die hier rumhocken und sich bescheuerte Regeln ausdenken, damit man in ihrem Schwimmbad nicht baden kann. Wisst ihr, was, LASST EINFACH DAS GANZE WASSER RAUS AUS DEM BECKEN!!!! RAUS DAMIT!! Ich kann so nicht BADEN!!!!!

Hello, dear!

Gestern war ich mit den Kindern im Park. In Kanada ist „park“ eigentlich das Wort für Spielplatz –„ playground“ sagt man hier nicht.

Jedenfalls ist dieser Park auch gleichzeitig ein richtiger Park, mit viel Grünfläche, großen alten Bäumen und jeder Menge Eichhörnchen. Drumherum alte Stadthäuser- alles sehr malerisch. Aber das tut eigentlich gar nichts zur SacheJ.

 

Im Park habe ich eine klitzekleine Begegenheit beobachtet, die mein Herz aber sehr berührt hat. Ich erzähle sie Euch, obwohl ich selbst dabei erst einmal in einem sehr schlechten Licht da stehe – naja, ist wohl so, wie es der alte dc talk- Schlager sagt: „I´m still in need of a saviour“.

Aber jetzt endlich los:

In einer der Schaukeln sitzt ein kleiner Junge, ungefähr 2 Jahre alt. Er sieht nicht sehr gepflegt aus: Hose sitzt schlecht, Haare ungekämmt und es hat ihm auch niemand die Nase geputzt. Insgesamt keine optisch vorteilhafte Erscheinung. Sein Blick geht etwas ins Leere und er jammert leise vor sich hin. Wahrscheinlich will der Junge aus der Schaukel raus (so eine mit einem Bügel davor, aus der er nicht alleine aussteigen kann). Ich beobachte ihn drei oder vier Minuten lang, während ich auf meine Jüngste in der Babyschaukel daneben aufpasse und frage mich, zu wem dieses Kind wohl gehören mag. Das krasse daran ist: Mir ist der Junge unsympathisch und ich empfinde auch wenig Mitgefühl, wie er da so etwas fertig in der Schaukel drinhängt und leise wimmert. Ich weiß, das klingt total kaltherzig. Und das beschreibt wohl die ungeschminkte Wahrheit über mich in diesem Moment.

Nach einigen Minuten dann eine ganz andere Szene: Seine Mutter kommt dazu. Sie spricht ihn mit liebevoller, aufmunternder Stimme an: „Hello, my dear, you wanna get out of the swing? You did amazing sitting in the swing and waiting for me. What a nice job.” Das sind ganz simple Worte. Sehr kanadisch auch (viel Lob und positive Verstärkung!). Aber darum geht es nicht. Die Art und Weise, wie diese Mutter sich ihrem Sohn zuwendet, ist so voll von Freundlichkeit und Liebe, dass sie sogar mein Herz erreicht und auftauen lässt.

Auf einmal sehe ich den Jungen auch in einem anderen Licht. Ja, er mag vielleicht  nicht ansprechend aussehen. Na und? Die Nase kann man putzen, die Haare kämmen, die Kleider wechseln- darauf kommt es doch gar nicht an! Ich freue mich auf einmal für dieses Kind, dass da jemand ist, der es so offensichtlich gern hat, sich kümmert, sogar lobt, wo das Kind eigentlich- ehrlich gesagt- nicht besonders viel getan hat. Aber das macht nichts. Es ist um seiner selbst willen geliebt. Etwas Schöneres kann es in seinem Leben gar nicht bekommen.

Und ist es nicht interessant, dass ich diesen kleinen Menschen mit anderen Augen anschaue, nur weil da jemand ist, der sich seiner annimmt und für den er wertvoll ist?

Wie viel Bedeutung es doch haben kann, wie ich anderen Menschen begegne. Und wie wertvoll sie erst in Gottes Augen sein mögen. Wenn mich schon der Blick einer Mutter auf ihr Kind so sehr berührt- wie umwerfend muss es wohl sein, Gottes Blick auf uns Menschen zu erkennen. Gottes Blick auf mich selbst. Und Gottes Blick auf meine Kinder, meinen Mann, meine Freunde, meine Verwandten, meine Nachbarn, meine Kollegen…

Wir sind wohl alle sehr kostbar.

Ich hoffe ich erinnere mich daran, wenn ich das nächste Mal auf ein fremdes Kind schaue oder auf jemanden, den ich nicht so gerne mag. Gott würde nicht wegschauen. Gott würde lächeln und was nettes sagen. „You did amazing“, villeicht, oder „nice job“, oder „hello, dear“.