Archiv für den Monat April 2017

Amazing grace

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Ihr habt ja sicher auch schon von der Idee gehört, sich ein Wort zu überlegen bzw. von Gott zeigen zu lassen, das einen dann in dem jeweiligen Jahr begleiten, inspirieren und ermutigen soll (www.myoneword.org). Viele suchen sich solch ein Wort zum Jahreswechsel (der ja nun nicht mehr so ganz aktuell ist J), aber wahrscheinlich ist Gott so flexibel, dass er uns auch zu anderen Zeiten solche Worte zusprechen kann ;-). Da ich ja ein gemütlicher Mensch bin und die Sachen bei mir manchmal etwas länger als bei anderen dauern (jedenfalls kommt mir das so vor!!!), hat mich mein erstes so gewähltes Wort nun nicht nur ein, sondern fast drei Jahre lang begleitet. Ich habe es auf Englisch ausgesucht, weil wir zu der Zeit noch in Kanada gelebt haben:

accept.

Zu der Zeit, als dieses Wort für mich wichtig wurde, habe ich mich mit Selbstannahme und mit der Frage auseinandergesetzt, wie ich mich mit meinen Stärken, Schwächen und meiner eigenen Lebensgeschichte anfreunden und versöhnen kann. Akzeptieren, wie und wer ich bin. Und wer nicht. Das ist mir nicht immer leicht gefallen. Es gibt auch immer mal wieder Momente, in denen ich mich unwohl in meiner Haut fühle oder in denen sich alte Erfahrungen hinterrücks anschleichen und mich mit negativen Gefühlen überrumpeln wollen. Aber der Grundton meines Seins ist doch ein anderer geworden: accept. Ich nehme mich an. Und noch viel besser: Ich bin angenommen. Da ist jemand, der mich so nimmt wie ich bin. Und mich niemals verlassen wird. Bei Ihm bin ich immer genug. Mehr als genug. Mein letzter post vom Februar hatte die Überschrift: Angenommen. Tatsächlich brauchte auch diese Einsicht lange, bis ich sie akzeptieren konnte: Ich nehme mein Kind und seine besondere Geschichte an. Ich muss nicht mehr versuchen, scheinbar krumme Linien mit Gewalt gerade zu biegen. „Was ist, darf sein“ (danke, Sonja!!)). Und Gott, mein Vater, wird daraus etwas Gutes werden lassen. Für mich. Aber vor allen Dingen für meinen wunderbaren Sohn.

Jetzt spüre ich, dass eine neue Zeit angebrochen ist. In meinen Gedanken und meinem Herzen taucht immer öfters ein neues Wort auf, von dem ich glaube, dass es mich in den nächsten Wochen, Monaten und vielleicht sogar Jahren begleiten wird:

grace. Gnade.

Dieses Wort war mir lange Zeit fremd. Nicht, weil ich es nicht gekannt hätte. Aber ich konnte es nicht mit Leben füllen. Gnade…? Was soll das genau sein? Was bedeutet das schon? Ich bin ja – dem Himmel sei Dank- noch nicht vor einem Richter gestanden und musste also auch noch keine Urteilsverkündung über mich ergehen lassen. Wo kein Urteil ist, ist auch keine Gnade. Oder?

So abstrakt mir dieser schöne Begriff lange Zeit vorkam, um so mehr beginne ich jetzt zu ahnen, wie sehr ich tagtäglich von Gnade lebe.

Dass ich am Leben bin- Gnade. Dass ich so bin, wie Gott mich erschaffen hat- Gnade. Dass ich Talente habe und mich nützlich mache kann- kein Grund für Arroganz, nicht für Eigenlob und nicht für falsche Demut, sondern: Gnade. Dass ich ziemlich gesund und einigermaßen fit bin: Gnade. Dass ich Ehe und Familie leben darf: Gnade. Dass wir ein Zuhause haben und obendrein den Luxus, es uns schön zu machen: Gnade. Dass wir noch an keinem Tag unseres Lebens Hunger leiden mussten: Gnade. Dass ich Freunde habe: Gnade. Dass ich gute Begleiter und Ratgeber in meinem Leben hatte: Gnade. Dass ich heute diesen wunderbaren Sonnentag mit allen Sinnen erleben darf: Gnade. Jemand war mir gnädig. Jemand hat mich mit guten Dingen versorgt und gesegnet, die ohne dieses Zutun so nicht da wären. Und: Jemand spricht ein gnädiges Urteil über mich. Über mein Leben, mein Sein, mein Tun. Über alles, was ich gut mache und über alles, was mißlingt. Über meine guten und meine schlechten Entscheidungen. Über meine heiligen Momente und über die Momente, in denen ich Schuld auf mich lade.

Atmet mein Leben etwas von dieser Gnade???? Hmmm… Wie war das, …

…als meine Tochter den kompletten Inhalt ihres Kleiderschrankes großflächig auf dem Fußboden des Kinderzimmers verteilte (es ist ein großer Kleiderschrank, es sind viele Kleider, und sie waren alle einmal hübsch ordentlich von Muttern gefaltet worden…)…?

…als mein Sohn zum wiederholten Mal seine Hausaufgaben in der Schule vergaß…?

…als meine andere Tochter ihre Wut hemmungslos an den Geschwistern ausließ und ihnen sehr unfreundliche Worte entgegenschleuderte…?

Da war ich nicht gnädig und großherzig. Da hat mein Leben eher Frust und Wut und Gereiztheit versprüht als gnädige Gelassenheit. Nicht gerade das Vorbild, das die Kinder inspiriert, um ihr Verhalten zu ändern, fürchte ich. Aber ein kleiner, noch unscheinbarer Anfang ist gemacht. Ich schmecke den Unterschied. Ich bekomme ein Gespür dafür, wie Gnade sich anfühlt (wird auch langsam Zeit, mit über 40…!). Und merke, dass ein gnadenloses Leben ziemlich düster und freudlos aussieht. Und deshalb passiert es auch hier und da schon mal, dass ich die Kurve bekomme und statt der ärgerlichen, impulsiven Worte, die mir schon auf der Zunge liegen, doch den anderen Abzweig nehme und etwas sage, das irgendwie netter ist als gedacht und in diesem Moment aus einem größeren Herzen als meinem eigenen zu kommen scheint. Manchmal begegnet man älteren Menschen, die im Laufe ihres Lebens gelernt haben, gnädig zu sein. Diese Menschen verströmen für mich etwas absolut Wohltuendes: Man fühlt sich bei ihnen angenommen ( accepted!) und entspannt. Sie spiegeln etwas davon wider, dass wir alle begrenzt sind, aber grenzenlos geliebt. Dass wir uns nicht immer für das Gute entscheiden, aber trotzdem alles wieder gut werden kann. Dass wir uns vieles verdienen können, das Wesentliche aber unverdient zu uns kommt.

 

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Wie sieht das bei Dir aus? Was heißt Gnade für Dich? Wo brauchst Du mehr davon, im Umgang mit Dir selbst und mit anderen? Gibt es Menschen in Deiner Umgebung, die Dir gnädig sind? Oder hast Du Gottes Gnade schon spürbar erlebt?

Ich bin mal gespannt, wo „mein Wort“ mir noch begegnen und mich inspirieren wird.

Dir wünsche ich herzlich eine gnadenvolle Osterzeit!

Barbara

P.S.: Hat jemand von Euch schon mal eine kreative Idee gehabt, so ein Jahres-Wort zu gestalten? Wenn ja, freue ich mich über eine Anregung.