Archiv für den Monat Juni 2014

Juhuuuh, ich bin unperfekt!

Weiß ich, dass das kein Deutsch ist. Aber unterstreicht die Aussage doch ganz gut, oder?

Ich sitze auf unserem (unperfekten) Sofa, das ehemals sandfarben war, inzwischen eine undefinierbare Farbe mit Graustich angenommen hat und seit vorgestern von einem dicken Kugelschreiber- Strich geziert wird. Den hat Janina da sehr energisch draufgemalt.

Die letzte Viertelstunde habe ich Blogs von anderen Frauen durchgesehen und mich ausnahmsweise mal nicht von diesem vernichtenden Gefühl beherrschen lassen, dass die ganze Welt außer mir in durch-design-ten Lofts oder hip sanierten Altbauten wohnt, die Farbe des Wohnzimmerteppichs immer auf die Garderobe der Kinder abgestimmt ist (oder umgekehrt vielleicht…?) und außerdem alle- außer mir- ein beglückendes, stets erfülltes, kreativ überbordendes Familienleben führen.
Heute habe ich das zwar mit Verwunderung zur Kenntnis genommen, mich dabei aber gleichzeitig immer noch wohl in meinen vier Wänden und in meiner Haut gefühlt. Wie das passieren konnte, weiß ich nicht, aber es ist eine tolle Erfahrung!
Und ich habe gar keine Lust darauf, die Messlatte noch höher zu hängen und als Reaktion auf all diese verblüffend perfekten Heime, Accessoires und Kinder irgendetwas zu präsentieren, was wenigstens annähernd mithalten könnte.
Heute lege ich mal die Beine auf meinem grauen, ehemals sandfarbenen Sofa hoch und sage: Ein Lob auf das Unvollkommene!
Und damit das noch authentischer wird, lasse ich Euch ein wenig hineinschauen in meinen absolut nicht perfekten Tag, mit dem ich aber ganz und gar im Reinen bin:

  • Ich habe einen Balkonkasten bepflanzt und bin mit der Auswahl der Blumen sehr zufrieden. Allerdings hatte ich zu wenig Pflanzerde da. Der Balkonkasten ist nur zur Hälfte befüllt…
  • Ich habe es geschafft, meinen Sohn bei den Hausaufgaben nicht zu schimpfen, obwohl er mir- wie ich finde- sehr viel Anlass dazu geboten hat. Allerdings haben wir auch hier nach der Hälfte einfach aufgehört (ich fürchte nur, das ist keine Dauerlösung).
  • Meine Kinder waren heute sehr laut, sehr aufgedreht und alles andere als das, was ich mir unter „wohlerzogenen“ Kindern vorstelle. Nur wenige meiner Anweisungen wurden direkt befolgt, und wenn doch, dann unvollständig. Ungefähr 15.000 Mal habe ich heute wiederholt: „Annie, bitte sprich freundlich mit mir.“ Und: „Es heißt nicht, ich brauche, es heißt, ich möchte bitte.“ Und: „Wenn Du das jetzt nicht machst, gibt es morgen keinen Nachtisch.“
  • Ich habe mir ein hübsches kleines Projekt für das Ende des Schuljahres überlegt, nämlich dass ich mit meinen Kindern für alle Klassenkameraden ein kleines Abschiedsgeschenk basteln möchte, dass sie dann an ihrem letzten Schultag vor der Sommerpause verteilen können. Voller Elan und mit verhältnismäßig großem Zeitaufwand habe ich alle „Zutaten“ besorgt- und jetzt dämmert es mir plötzlich, dass diese Art von „end- of-school“- Geschenken eine US-amerikanische, aber keine kanadische Sitte ist…Haha. Soviel zum Thema „Zeit und Geld sinnvoll einsetzen“. Naja, wenn ichs mir bis dahin merken kann, was sehr fraglich ist, dann habe ich jetzt schon eine schöne Idee für den Valentinstag.
  • Ich höre mir zum Glück beim Reden nicht immer selbst zu, aber bei dem Schwachsinn, den ich heute Morgen von mir gegeben habe, musste ich dann doch kurz innehalten: „Annie, bitte spiel mit der Janina keine Sachen, die sie mag…“ Häääää??? Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich nach der Geburt meiner Kinder mein Gehirn im Kreißsaal vergessen hätte.

Das ist noch lange nicht alles, was ich an Unvollkommenem zu bieten habe!
Aber heute nehme ich es als ein Geschenk an, dass ich mich mit meinen Fehlern, Macken und Unzulänglichkeiten aussöhnen kann.
Ich will nicht sagen, dass mir von heute an alles egal ist und es nicht drauf ankommt, ob ich mir Mühe gebe oder nicht. Aber ich glaube, dass viele von uns auch eher in der Gefahr sind, auf der anderen Seite vom Pferd herunterzufallen. Ich für meinen Teil kann von mir sagen, dass ich normalerweise recht anfällig bin für alles, was mit Perfektion, Erwartungsdruck und hohen Ansprüchen zu tun hat. Ich schiele auch mal ganz gerne auf das, was andere haben, können, machen und stelle dann mitunter frustriert fest, dass ich da nicht wirklich mithalten kann.
Heute sage ich dazu mal ein entspanntes: so what?
Denn, ganz ehrlich: Wir können vieles tun, um vieles sehr gut zu machen. Das ist auch überhaupt gar nicht verkehrt. Es ist schön, Erfolge zu sehen und zu feiern. Aber perfekt sind wir doch alle nicht, oder? Und vielleicht wäre es ja ein befreiendes Gefühl, das öfters mal zuzugeben. Und die Gelassenheit zu pflegen. Eine ganz neue Erfahrung für mich. Macht Spaß.

In diesem Sinne:

“Life´s too short to match your socks.”

Einen perfekt unperfekten Tag wünscht Euch
Barbara

 

Besser als gedacht

Gestern habe ich die Kinder von der Schule abgeholt. Wir bleiben meistens noch ein bisschen auf dem Spielplatz bei der Schule, weil unser „backyard“ zuhause ziemlich überschaubar ist und wir das schöne Wetter zum Draußen-Spielen nutzen wollen.
Gestern hat Jonathan sich dann sein Fahrrad geschnappt und ist ein bisschen über den Schulhof „ge-cruised“. Ich hab mir nix weiter dabei gedacht und mich mit einer befreundeten Mutter unterhalten, die mit ihren Kindern auch noch ein bisschen auf dem Spielplatz abhängen wollte. Wie man das so als fürsorgliche Mama macht, habe ich natürlich immer mal wieder radar- mäßig meinen Blick über das Schulgelände schweifen lassen und überprüft, ob meine Drei noch alle in Reichweite sind. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass einer fehlt: Jonathan. Das hat mich noch nicht weiter beunruhigt. Er ist sieben Jahre alt und liebt es, mit seinem Rad unterwegs zu sein. Also, habe ich mir gedacht, ist er halt auf die andere Seite von der Schule gefahren und wird gleich wieder auftauchen. Ich rede weiter mit Karla und mache mir weiter keine Gedanken, wo Jonathan stecken könnte. Weitere 5 Minuten später sehe ich immer noch keinen Jonathan. Inzwischen bin ich immerhin so verwundert, dass ich zu meiner Freundin sage: „Komisch, ich kann gar nix von Jonathan sehen.“ Aber immer noch denke ich, dass er wohl irgendjemanden vor dem Schulgebäude getroffen haben wird und deshalb nicht in Sichtweite kommt. Es dauert nochmal ca. 5 Minuten, bis meine Gelassenheit aufgebraucht ist und einem komischen Gefühl in der Magengegend Platz macht. Ich beschließe, dass ich doch mal nachsehen muss, wo mein Sohn abgeblieben ist. Obwohl inzwischen etwas unruhig, marschiere ich doch mit der Erwartung los, dass ich ihn hinter der nächsten Ecke entdecken werde und sich meine düsteren Gedanken von gerade eben in Luft auflösen werden. Auf dem Vorplatz der Schule dann: gähnende Leere. Kein einziges Kind. Kein Lehrer. Niemand. Mein Puls wird schneller. Mir schießt ein Gedanke in den Kopf: Hatten die Kinder nicht zu Anfang des Schuljahres einen Brief mit nach Hause gebracht, in dem die Polizei von Kingston vor einem Autofahrer gewarnt hatte, der Kinder nach Schulschluss angesprochen hat, um sie zum Einsteigen zu bewegen? Und ich hatte die Sache den Kindern gegenüber nicht einmal erwähnt und sie noch nie auf solche Situationen vorbereitet…Meine Sorglosigkeit von vorhin wird von einer gigantischen Panikwelle überrollt und in meinem Gehirn läuft plötzlich ein entsetzlicher Film ab… Mit aller Kraft zwinge ich mich dazu, einigermaßen die Ruhe zu bewahren und mir selbst gut zuzureden. Jonathan könnte auch noch auf der Westseite des Gebäudes sein. Da ist der Eingang zur Kindertagesstätte. Oder er könnte die Idee gehabt haben, alleine nach Hause zu radeln. Das würde ihm zwar nicht ähnlich sehen, aber selbstverständlich kennt er den Weg in- und auswendig. Und Kinder können unberechenbar sein. Ich laufe also weiter, vorbei am Spielplatz von der „daycare“. Soll ich die Erzieherinnen fragen, ob sie etwas Verdächtiges gesehen haben? Dazu ist es jetzt noch zu früh. Also laufe ich weiter. Auch auf der Westseite, beim Eingang zur „daycare“, ist kein Jonathan. Jetzt fehlen nur noch 20 Meter und ich bin wieder auf der Südseite des Schulgeländes, dort, wo ich Jonathan zuletzt gesehen habe. In meinem Gehirn wechseln sich Horrorszenarien mit anderen Gedanken ab, die ich mir regelrecht aufzwingen muss und die mir sagen, dass ich die Ruhe bewahren muss und es noch genügend harmlose Erklärungen für Jonathans Verschwinden geben kann. Noch wenige Meter, dann werde ich entscheiden müssen, wie die Suche weitergehen soll. Mein Blick schweift umher und wandert zu den Fahrradständern, wo bis vor kurzem noch alle unsere Fahrrädern angeschlossen waren. Dahinter ist eine Baumgruppe, und dahinter wiederum kommen Zäune und Gärten. Ich habe so gut wie keine Hoffnung mehr, dass Jonathan irgendwo in der Nähe sein könnte. Verunsichert lasse ich meinen Blick hin- und herwandern-und denke plötzlich fast, ich hätte eine Erscheinung: Im Schatten unter den Bäumen, direkt vor einem der Gartenzäune, sitzt Jonathan und redet mit irgendjemandem. Ich muss zweimal hinschauen, bis ich begreife, dass das Leben mir soeben meinen Sohn wieder geschenkt hat. Er ist nicht vom Erdboden verschluckt worden. Er ist auch nicht Opfer irgendeines perversen Kriminellen geworden. Er sitzt einfach an einem schönen, warmen Sommertag im Schatten großer Ahornbäume und unterhält sich, wie ich jetzt feststelle, mit zwei Kindern, die hinter dem Zaun in ihrem Garten spielen. Viel fehlt nicht und ich würde hysterisch zu lachen anfangen, aber da spricht mich auch schon eine freundliche Frauenstimme an: „He can come in if he wants to.“ Oh. Äh. Ja. Das ist ja mal, also, das ist ja, dings, äh, eine Überraschung! Gerade dachte ich noch, ich würde mein Kind vielleicht nie mehr wieder sehen, weil ihm schreckliche Dinge widerfahren sind, und jetzt werden wir quasi zum Tee eingeladen. Noch leicht unter Schock bedanke ich mich mit wahrscheinlich ziemlich schwachsinnigem Gesichtsausdruck und möglicherweise sinnlosen Redewendungen dafür, dass jemand mein Kind in seinen Garten einlädt und ihn dort „Skylander“ spielen lässt, während ich dachte- naja, Ihr wisst schon…

Das Leben ist echt anders.
Und manchmal so viel besser als ich dachte!!!

Ich- paranoid? Nee, gar nicht…