Archiv für den Monat Oktober 2017

Vom Vertrauen

Vor kurzem waren wir am Meer. Ein ganz gewöhnlicher Familienausflug. Mein Mann, die Kiddies, ein befreundetes Nachbarskind und ich. Aus dem ganz gewöhnlichen Familienausflug wurde ein ganz wundervoller Nachmittag. Nix Spektakuläres, einfach nur viele kleine schöne Dinge, die sich harmonisch ineinandergefügt haben: Toller Sonnenschein und wunderbar warmes Herbstlicht. Viel Platz für die Kinder, um zu rennen und zu toben. Ein schönes Picknick. Gute Stimmung. Vorfreude aufs Drachensteigen. Nette Begegnungen. Schöne Gespräche. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz dann stellen die Kinder viele Fragen und wollen von Dennis und mir kurz die Welt erklärt haben (aktueller Anlass ist die Bundestagswahl). Wir erklären, begründen, überlegen. Und ich freue mich, dass die Kinder uns so viele Fragen stellen. Noch ist unsere Meinung der Maßstab für sie…

Ein Blick in die Vergangenheit:
Die Familie, in der ich selbst aufgewachsen bin, war ein instabiles Gefüge. Im Rückblick würde ich sagen, dass ich oft das Gefühl hatte, mich auf dünnem Eis zu bewegen: Ein falscher Schritt, und das brüchige Gleichgewicht konnte umschlagen. Jederzeit lag die Möglichkeit im Raum, dass eine Situation entgleisen und die trügerische Ruhe in Streit und Unfrieden umschlagen konnte. Erst heute weiß ich, dass der Streit selbst noch nicht mal das Schlimmste war, sondern die Tatsache, dass keiner dieser Konflikte jemals wirklich geklärt wurde. Unter der Eisschicht türmten sich die Probleme auf und brachen in unregelmäßigen Abständen unter der Oberfläche hervor.

Das Gute daran: Meine Familiengeschichte hat in mir eine unbändige Sehnsucht nach einem heilen Zusammenleben entstehen lassen. Mal selbst eine glückliche Familie zu haben, wurde zu einem Lebenstraum für mich. Und als es dann tatsächlich so weit war und ich Mama werden durfte, kamen die Fragen:
Wie mache ich das eigentlich, eine „heile Familie“ zu gründen? Wie sieht denn eine gute und gesunde Erziehung aus? Was hilft meinen Kindern, dass sie zum Leben ermutigt und ertüchtigt werden? Und was kann ich dazu beitragen, dass sie eine glückliche Kindheit erleben und gute Erfahrungsschätze sammeln?
Hmmm, keine ganz leichten Fragen, oder?

Um Antworten zu bekommen habe ich natürlich den einen oder anderen Erziehungsratgeber gewälzt und darin auch tatsächlich ein paar gute Tipps gefunden. Außerdem habe ich auf mich wirken lassen, wie andere Familien ihr Zusammenleben gestalten und dabei mehr unbewusst als bewusst das eine oder andere herausgefiltert, das mir gefallen hat.
Aus einer inneren Not heraus habe ich auch angefangen, meine eigene Lebensgeschichte aufzuarbeiten und bin dabei auf Themen gestoßen, die nicht nur für mich selbst, sondern auch für den Umgang mit meinen Kindern wichtig waren und sind.
Ja, und abgesehen davon habe ich einfach so vor mich hin gewurstelt, manches richtig und manches falsch gemacht, mich mehr als einmal bei meinen Kindern entschuldigt, an mir und meinem Mama-Sein gezweifelt (also nicht an der Tatsache, dass ich Mutter bin, aber wie ich es bin…), lag meinem Mann mit Selbstzweifeln in den Ohren, habe gebetet, habe gedankt und jeden Tag neu die Nähe zu meiner Familie gesucht. Ob beim Kuscheln, Kakao- Machen, Bilderbuch-Vorlesen, Spazierengehen, Schimpfen, Wieder- Vertragen oder Witze-Anhören. Ob beim Kieferorthopäden, im Kino oder beim Kostümverleih.

Und dann hat es doch 10 Jahre und ein halbes und insgesamt drei Kinder gebraucht, bis ich endlich kapiert habe, worauf es ankommt. Es ist so simpel, dass es schon fast peinlich ist, daraus einen post zu machen (aber das liegt vielleicht daran, dass es ein Brett gibt, das sich manchmal ziemlich dicht vor meinem Kopf befindet…):

Vertrauen.

Es kommt auf das Vertrauen an. So wie bei unserem Ausflug neulich am Meer. Ein Kind geht an meiner Hand und versucht, mit mir ein Stückchen mehr von der Welt zu verstehen, in der es lebt. Es stellt Fragen und ich darf antworten. Es sucht Nähe und ich bin da. Es sucht Freiheit und darf losrennen. Es sucht Geborgenheit und kommt zurück.  Es möchte gesehen werden („Mama, schau mal!“), und möchte auch mal weg („ich geh schon mal vor“).

Dieses kleine Stück Alltagsglück beim Spaziergang hat mir persönlich die Augen geöffnet. Es gibt viele gute Erziehungstipps. Ich habe von vielen Prinzipien und Ansätzen profitiert und mir daraus Anregungen geholt. Am Ende des Tages aber wird es darauf ankommen, dass mein Kind mir vertrauen kann. Dass es mein Herz hinter Regeln und Ritualen erkennt. Dass ich ihm glaubhaft machen konnte, dass ich es gut meine. Und dass mein Kind dieses Wissen in seinem Herzen trägt.
Damit habe ich eine gute Richtschnur gefunden, an der ich meine Entscheidungen und Reaktionen messen und ausrichten kann (was nicht bedeutet, dass mir das dann in jeder Situation gelingen wird!!!): Fördern sie das Vertrauen, das ich mir von meinen Kindern wünsche? Tun sie meinem Kind gut? Geht es dabei (nur) um mein Wohl, meine Bedürfnisse und meine Prinzipien, oder habe ich auch mein Kind im Blick, mit seinem momentanen und seinen längerfristigen Bedürfnissen? Kann ich zum Beispiel begründen, warum mein Kind seine Hausaufgaben verbessern soll, wenn sie nicht ordentlich gemacht sind? Warum ich nicht so gern möchte, dass es ein bestimmtes Buch liest und ihm dafür ein anderes empfehle? Warum ich es alleine zum Supermarkt schicke, aber nicht alleine ins Kino? Warum es nicht auf seinem Tablet spielen darf, wenn das Zimmer nicht aufgeräumt ist?
Wenn die Antwort etwas mit einem guten Ziel zu tun hat, das ich für mein Kind im Blick habe, dann habe ich vielleicht nicht gerade eine Garantie, aber ganz gute Chancen, dass mein Kind mein Herz erkennen und merken kann, dass ich vertrauens-würdig bin.

Ein Kind, dessen Vertrauen missbraucht wird, wird unsicher.
Ein Kind, das ohne versteckte Agenda, ohne Willkür und ohne falsche Abhängigkeiten sein darf, kann sich entfalten.
Ein Kind, das übers Eis balancieren muss, rutscht früher oder später aus.
Ein Kind, das festen Boden unter den Füßen hat, kann stehen, rennen oder tanzen. Denn der Grund, auf dem es steht, trägt.

Das Schöne daran finde ich: Vertrauen kann überall wachsen: Im Kinderzimmer beim Legobauen, auf dem Sofa, wenn wir uns nach einem Streit aussprechen, am Frühstückstisch (okay, da ist selten Zeit 😉 oder – so wie bei uns neulich- am Strand.

Ein hoher Maßstab, diese Sache mit dem Vertrauen.  Den habe ich jetzt gesetzt (Herr, hilf!!!). Ob ich das Vertrauen meiner Kinder weiterhin wecken werde?? In ca. 10 Jahren sind wir schlauer…😉

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alle Bilder: pixabay