Die Schönheit der Barmherzigkeit

Bild: pixabay von MireXa

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich die folgende kleine Begebenheit beobachtet habe:

Eine vielbefahrene Kreuzung im Stadtzentrum Lübecks:
Ein Pärchen steht an der Fußgängerampel und wartet darauf, dass es Grün wird, genau wie ich.
Aus den Augenwinkeln nehme ich die beiden wahr: eine mittelgroße Frau um die Vierzig, blondgesträhntes Haar, und ihr hochgewachsener Begleiter, ähnlich alt, Dreitagebart.
Ich denke mir weiter nichts.
Als die Ampel auf Grün umspringt, überqueren die beiden neben mir die Straße. Da fällt es mir auf:
Die Frau hat Mühe, sich gerade auf den Beinen zu halten, schwankt, hält zwischendurch inne und macht dann wieder einige unsichere Schritte.
Jetzt bin ich aufmerksam geworden und wage einen direkten Blick auf sie. Was mir bei flüchtiger Betrachtung noch nicht aufgefallen war, bemerke ich jetzt umso deutlicher: die Haare fallen ihr wirr ins Gesicht, die Kleidung ist zerschlissen und alles an ihrer Gangart deutet darauf hin, dass sie morgens um 9:00h schon wieder oder immer noch angetrunken ist.
Hmmm.
Schönheit ist anders.

Was ich als nächstes beobachte:
Der Mann, der die Dame begleitet, nimmt ihren Arm und stützt sie beim Gehen. Er beugt sich ein Stück zu ihr herunter und redet mit sanfter Stimme auf sie ein. Was er sagt, weiß ich natürlich nicht, aber alles an ihm strahlt Freundlichkeit, ja sogar Zärtlichkeit aus.
Auf der anderen Straßenseite angekommen sehe ich noch, wie die Frau hektisch in ihrer Handtasche wühlt. Ihr Begleiter bleibt geduldig neben ihr stehen und hilft schließlich bei der Suche mit.

An dieser Stelle trennen sich unsere Wege.
Ich werde nie erfahren, in welchem Verhältnis diese beiden Menschen zueinanderstehen.  Freundschaft, Schicksalsgemeinschaft, Liebespaar- was sie verbindet, weiß ich nicht, Aber die Art und Weise, wie dieser Mann sich kümmert, erreicht mein Herz.

Wäre es abwegig, wenn er sich von dieser Frau distanzieren würde, die da in aller Öffentlichkeit vor sich hin stolpert und verstohlene Blicke auf sich zieht?
Wäre es abwegig, sich für sie zu schämen?
Wäre es abwegig, sie stehen – und damit auch buchstäblich fallen- zu lassen?

Nichts davon tut dieser Mann.
Stattdessen tut er etwas sehr Schönes:
In einem Augenblick nackter Hilflosigkeit hüllt er diese Frau in ein Kleid aus Würde.
Er wendet sich nicht ab und lässt sie in ihrer Schwachheit nicht allein, den abschätzigen Blicken anderer Menschen ausgeliefert. Nein. Er bleibt. Er hilft.

BIld: pixabay von 14JUrban

Gestern habe ich mit einer Freundin telefoniert. Sie hat mir die Situation einer anderen Familie beschrieben, die wir beide kennen. Diese uns bekannten Eltern mussten ihren Sohn in eine Einrichtung der Jugendhilfe geben, weil sie selbst mit der Erziehung nicht mehr klarkommen. Jetzt sind die Eltern traurig, unsicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen haben, geplagt von Schuldgefühlen und doch in dem Wissen, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben und das Beste für ihr Kind möchten. Von außen werden diese Eltern mit stillen oder ausgesprochenen Vorwürfen belastet und- vielleicht schlimmer noch- mit ungebetenen Ratschlägen gequält, was sie anders machen müssten. 
Ich höre von dieser Situation und bin erst einmal betroffen. Dann merke ich, wie sich auch bei mir unschöne Gedanken und Gefühle zu Wort melden: „Ein Glück ist das bei uns nicht so. Da hätte es doch bestimmt eine andere Lösung gegeben. Sicher haben diese Eltern doch irgendetwas falsch gemacht.“
Gerade noch rechtzeitig ertappe ich mich selbst, bevor ich in dieser Bewertungs- und Verurteilungsspirale hängenbleibe, und pfeife mich zurück.
Stattdessen stelle ich mir Fragen:
Wie würde ich mich an der Stelle dieser Mutter oder dieses Vaters fühlen? Wie groß muss der Schmerz sein, das eigene Kind abzugeben und sich einzugestehen, dass man selbst überfordert war? Wie schwer ist es wohl, die abschätzigen Blicke und Vorurteile anderer zu ertragen, die das Leid mit ansehen und die falschen Schlüsse ziehen?
Ich will nicht der Versuchung erliegen, mich diesen Verurteilungen anzuschließen und Steine auf Menschen zu werfen, die ohnehin schon innerlich bluten.
Also bekomme ich gerade nochmal die Kurve und tue stattdessen etwas anderes: Ich mache mich nicht innerlich groß und überheblich, sondern gehe in Gedanken auf die Knie, ganz nach unten auf den Boden, wo auch diese Familie gerade liegt, und bete.

Schreibe ich darüber, weil ich mich großartig und superfromm finde?
Ganz sicher nicht.
Wie schon gesagt, die Versuchung, mich über die Schwäche anderer zu erheben, war real und nur einen Steinwurf entfernt.

Aber dann erinnere ich mich daran, dass wir doch alle im gleichen Boot sitzen.
Es ist leicht und bequem, sich von der Not der anderen zu distanzieren. Dann muss ich mich auch meiner eigenen Not und Verletzlichkeit nicht stellen.
Aber schön ist etwas anderes.
Schön ist es, ein Hafen zu sein und selbst einen Hafen zu finden, wenn man Schiffbruch erlitten hat oder sich so fühlt, wenn einem der Wind ins Gesicht schlägt und man verzweifelt nach Halt suchen muss.
Schön ist es, wenn es dann diesen Ort gibt, an dem Du nicht einsam und verloren bist, an dem sich jemand erbarmt.

Das Kreuz ist so ein Ort.
Und niemand wird je größeres Erbarmen zeigen als der, der für uns daran gestorben ist:
Jesus.
Von ihm möchte ich gefunden werden in meinen Stürmen.
Und von ihm möchte ich immer mehr lernen über diese kostbare, göttliche Sache:
Über die Schönheit der Barmherzigkeit.

Bild: pixabay von Rebecca Schönbrodt-Rühl

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