Hinter dem Dunkel

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Foto: James Chan, pixabay

Mein Mann hat es gut.
Nicht nur, weil er mit mir verheiratet ist 😉.
Nein, er hat es zurzeit vor allen Dingen deswegen gut, weil er im Hier und Jetzt lebt.
Er ist einfach nicht der Typ, der sich stundenlang den Kopf ĂŒber Dinge zerbricht, die er nicht weiß. Wenn es ihm möglich ist zu planen, dann plant er. Und zwar mit viel Weitblick.
Wenn er eine Sache aber nicht abschÀtzen kann oder es nicht zwingend nötig ist, zu handeln, dann lÀsst er die Dinge auf sich zukommen.
Sehr weise. Und beneidenswert, besonders in dieser Zeit.

FĂŒr mich bedeutet das allerdings, dass ich ihn nicht gut in GesprĂ€che ĂŒber mögliche Zukunftsszenarien verwickeln kann. Wenn ich mir ĂŒberlege, wie unser Leben im Angesicht von Corona wohl in zwei, drei Monaten oder gar Jahren aussieht, bringt es nicht viel, sich mit ihm darĂŒber austauschen zu wollen. Da kommt nix. Man(n) weiß es halt nicht. Deswegen nĂŒtzt auch alles Spekulatius nix. Und ich sitze dann allein da und grĂŒble
â˜č.

Gestern, als wir wie viele Tausende andere auch an „Deutschland betet gemeinsam“ teilgenommen haben, ist mir ein Foto in den Sinn gekommen, das ich vor mehreren Jahren mal im Internet gefunden habe. Es war natĂŒrlich urheberrechtlich geschĂŒtzt und ich war schon in Kontakt mit der Fotografin, um das Bild digital zu kaufen. Leider habe ich die Sache dann irgendwie aus den Augen verloren

Zu sehen war auf dem Foto ein langer, schwarzer, gemauerter Gang. Am Ende des Ganges dann eine bogenförmige Öffnung und die Silhouette zweier Gestalten: Aus dem schwarzen Tunnel ins Licht tretend konnte man einen Mann erkennen, der ein Kind an der Hand fĂŒhrt.
Trotz des dunklen Tunnels, der eigentlich einen Großteil des Bildes eingenommen hat, verströmte es Hoffnung und Geborgenheit.
Als wir gestern in virtueller Gemeinschaft Psalm 23 gebetet haben, kam mir diese Fotografie wieder in den Sinn.

„Und wandere ich auch im finsteren Tal, fĂŒrchte ich kein UnglĂŒck.“
(Psalm 23,4)

Ganz ehrlich: Mein Tal ist Moment gar nicht finster.
Mir geht es gut, richtig richtig gut.
Im Vergleich zu Millionen anderer Menschen fast unverschÀmt gut.
Aber erstens lÀsst mich das Elend, von dem ich tagtÀglich höre und lese, nicht kalt.
Und zweitens spĂŒren wir ja alle, dass auch unsere Zukunft ungewiss ist. Unsere vermeintlichen Sicherheiten werden erschĂŒttert. Das Wohlstandsfundament, auf dem wir viele Jahrzehnte stehen durften, wird wackelig. Unser wunderbares Gesundheitssystem, fĂŒr das ich schon viele Male dankbar war, ist nicht unerschöpflich. Was ich tag-tĂ€glich an Komfort und Luxus als selbstverstĂ€ndlich genommen habe, mag mir erhalten bleiben. Es mag aber auch wegbrechen (mein Mann sagt dazu leider nichts
).
Und dann???

Dann kommt wieder das Foto ins Spiel, das ich versucht habe, zu beschreiben (oh, ich wĂŒrde viel darum geben, wenn ich es Euch zeigen könnte
). Ich habe es deshalb so geliebt, weil es fĂŒr mich ein Bild fĂŒr Gott selbst war:
Er geht mit durch den dunklen Tunnel. Er ist da, neben mir, hĂ€lt mich an der Hand und fĂŒhrt mich durch tiefe TĂ€ler, dunkle GĂ€nge, ungewisse AbgrĂŒnde hindurch.
Wo ich nichts sehen kann, kennt er den Weg ins Licht.
Er fĂŒhrt mich hinaus und ich kann ihm vertrauen.

Ja, vielleicht wird es dunkel und schmerzhaft und schwer, so wie es fĂŒr all diejenigen schon ist, die mit dem Virus kĂ€mpfen, die im Sterben liegen, die eine geliebte Person verloren haben oder ĂŒber Leben und Tod entscheiden mĂŒssen.
Zu gerne wĂŒrde ich ausweichen oder AbkĂŒrzungen nehmen.
Aber das geht nicht.

Mein Gebet fĂŒr Dich und mich ist, dass wir jetzt nicht in Angst und Panik verfallen.
Du und ich, wir haben die Chance, ein ganz neues und tiefes Vertrauen zu lernen.
Schon vor Corona wusste ich, dass ich noch damit ringe, Gott die ganze Kontrolle ĂŒber mein Leben zu geben. Mir war bewusst, dass ich in verschiedenen Lebensbereichen noch an meinen Vorstellungen, meinen FĂ€higkeiten (so begrenzt sie auch sein mögen), an meinem Ego festhalte. Ich habe dafĂŒr gebetet, dass Jesus mir hilft, die Kontrolle loszulassen.
Nun haben sich die UmstÀnde geÀndert und die Kontrolle wird mir -wenigstens zum Teil- ohnehin genommen.
Ich erkenne meine AbhÀngigkeit von Gott.
Meine Hilflosigkeit angesichts erdrĂŒckender Nöte und bedrohlicher Nachrichten.
Diese AbhĂ€ngigkeit – ich möchte sie heute umarmen.

Und in dem Moment,
in dem ich das tue,
werde ich umarmt.

Von dem Gott,
der fĂŒr mich an Karfreitag durch die Finsternis geht,
damit ich ans Ziel komme.

„In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt ĂŒberwunden.“
(Johannes 16,33)

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Foto: Johannes Gressberg, pixabay

2 Gedanken zu „Hinter dem Dunkel

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