But I can´t see in the dark…

Laterne_Binho Bianchi

Foto von: Binho Bianchi, pixabay

Ich kann mich noch gut an Ian erinnern:
Ein 5-jähriger Junge, eher klein für sein Alter, rundes Gesicht, große braune Kulleraugen unter einem dunklen Lockenkopf.
Unser Kennenlernen stand zunächst unter keinem guten Stern:
Ich war gerade neu in das Team einer amerikanischen Kindertagesstätte gekommen. Es war mein erster Tag dort.
Beim Frühstück saß ich neben ihm. Er wirkte in sich zurückgezogen, fast verschlossen und schien in Gedanken ganz woanders zu sein.
Alle anderen Kinder hatten ihre Mahlzeit längst beendet und waren zum Spielen übergegangen.
Unbedarft wie ich war, versuchte ich, Ian beim Essen etwas zur Eile bewegen: „Komm, iss mal auf, Ian. Die anderen spielen alle schon.“ Oder: „Ian, wir wollen bald rausgehen. Es wäre doch schade, wenn Du bis dahin nicht fertig bist.“ „Ian, gleich muss das Geschirr in die Küche gebracht werden. Iss lieber auf, sonst schaffst Du Deine Portion nicht mehr rechtzeitig.“
Aber egal, was ich auch probierte- weder gutes Zureden noch sanftes Drängen oder motivationspsychologische Tricks und Kniffe halfen, um Ians Tempo zu beschleunigen. Eher im Gegenteil: Aus seinen großen Augen sah er mich nur stumm und vorwurfsvoll an und brauchte eine weitere Viertelstunde, um seinen Joghurt auszulöffeln.
Ich sollte schnell herausfinden, dass sich dieselbe Routine jeden Tag wiederholen würde: Ian hatte bei den Mahlzeiten seine ganz eigene Zeitrechnung. Und niemand- außer mir- war so verrückt, das ändern zu wollen.

Unser Verhältnis blieb weiterhin angespannt.
Ian schien mir meinen pädagogischen Eifer nachzutragen. Sein Gesichtsausdruck, der ohnehin schon ein wenig misstrauisch wirkte, verfinsterte sich, sobald ich irgendetwas von ihm wollte: Aufräumen, Jacke anziehen, Pinsel auswaschen -er schien nicht bereit, zu kooperieren, egal mit welchem „Auftrag“ ich an ihn herantrat.

Zur Routine in der Kita gehörte, dass die Kinder sich nach dem Mittagessen auf kleinen Matten zu einem Mittagsschlaf hinlegen sollten.

Bei einer dieser Mittagsruhezeiten saß ich neben Ians Matte. Ich streichelte ihm den Rücken und sprach beruhigend auf ihn ein.
„Close your eyes, Ian, so you can fall asleep.“
„But, Miss Barbara, I can´t see in the dark.”
Das war nun natürlich ein Einwand, den ich nicht so ohne Weiteres entkräften konnte. Wie meinte dieser kleine Kerl das nur? Störte es ihn, dass die Vorhänge zugezogen waren, oder wollte er lieber mit offenen Augen schlafen?!?

„I know Ian, but unless you close your eyes you won´t be able to fall asleep. I know you must be tired.”
“No, I´m not tired”, sagte er und gähnte.
“ I think you are. You were playing outside the whole morning.”
Wir diskutierten noch eine Weile darüber, ob er nun müde sei oder nicht, ohne zu einem einvernehmlichen Ergebnis zu kommen.
Ich wiederholte meine Aufforderung: „Ian, just close your eyes now. You will be sleeping in no time.“
Und wieder seine Antwort, diesmal fast verzweifelt: „Miss Barbara, I can´t see in the dark.“

Eins war klar: Mit Logik würde ich nichts erreichen.
Da war etwas, das ihn ängstigte, ob es nun draußen hell war oder nicht, ob nun Tageslicht durch die Vorhänge drang oder nicht, ob es nun nötig war, beim Schlafen die Augen zu schließen oder nicht.Diese Kinderseele brauchte eine andere Art von Antwort, keine rationale Abhandlung über die Lichtverhältnisse im Gruppenraum.

„Ian, I love you.“

Es kam wie eine Eingebung.
Ich hatte bis dahin keine besonders starke Sympathie zu diesem eigenwilligen Kind empfunden, war latent genervt, dass Ian sich häufig so widerspenstig und unkooperativ zeigte und hätte ihn sicher nicht zu meinen Lieblingen in der Gruppe gezählt.
Und doch fiel mir dieser Satz zu und wurde Wirklichkeit, sobald ich ihn ausgesprochen hatte.

Er änderte alles.
Das Eis war gebrochen.

Ian schlummerte an diesem Nachmittag friedlich ein.
Und er wich mir von da an nicht mehr von der Seite. Bei jeder Mahlzeit wollte er neben mir sitzen, wurde quengelig, wenn ich gehen musste und hat sogar- wenn ich mich richtig entsinne- meistens aufgeräumt, sobald ich ihn darum gebeten habe.
An meinem letzten Arbeitstag in der Kita hat er bitterlich geweint. Wenn ich daran denke, empfinde ich noch heute eine Mischung aus Rührung und Traurigkeit.

Mir geht’s auch manchmal so wie Ian:
Ich mag die Dunkelheit nicht.
Ich mag es auch nicht, wenn ich nichts sehen kann und doch so gerne wissen möchte, wie es weiter geht:
Wird sich mein Vater bei uns einleben, sich an den Lärm im Haus gewöhnen und sich mit seinen über 80 Jahren nochmal an eine neue Heimat gewöhnen können?
Werde ich einen Weg finden, die Sorge darum loszulassen?
Wie wird sich mein Sohn seinen Weg ins Leben bahnen, trotz Asperger- Diagnose und spezial- gelagerten Interessen samt Kommunikationseigenheiten?
Wann wird mein Herzschlag wieder ruhiger und mein Schlaf dazu?

Ja, genau, der Kreis schließt sich:
Ich brauche das gleiche wie Ian.
Die Hand, die sanft über meinen Rücken streicht und die Stimme, die mir freundlich zuflüstert:
I love you.
Also werde ich mir herausnehmen, was ich mir im Alltag schnell rauben lasse und was doch immer wieder mein Herz-Zentrum bleibt:
Die Zeit mit meinem Jesus, der mich zum ersten Mal angesprochen hat, als ich vier oder fünf Jahre alt war und meine Mutter mir ein schlichtes Abendgebet beigebracht hat.
Ich kann von Ian lernen, der inzwischen erwachsen ist und sich mir damals mit so blindem, kindlichem Vertrauen an die Fersen geheftet hat: Geh dahin, wo Du die Stimme hörst. Die Stimme, die Dir sagt: I love you.

bänke_licht_Laterne_rudy and pete skatterians

Bild von Ruby und Pete Skitterians, pixabay

4 Gedanken zu „But I can´t see in the dark…

  1. Sonja

    Danke, liebe Barbara, für dieses Erlebnis, das mitten ins Herz geht. Danke! Es trifft mich gerade voll. Wo versuche ich es mit Logik anstatt mit Verstehen und Liebe? Sei herzlich umarmt!

    Antwort
  2. Tina

    Oh, liebe Barbara!
    Seit Ewigkeiten mal auf meinem Blog gewesen und dann bei Dir gelandet.
    Deine Geschichte berührt mich sowas von zutiefst gerade! Geht mir durch Mark und Bein… kann nur Weinen, vor Rührung und im Wissen, dass in uns ALLEN kleine „Ian´s“ schlummern, die manchmal in dunklen Momenten jemanden benötigen, der ihnen Mut, Liebe und Wertschätzung zeigt.
    Du hast mir mitten ins Herz getroffen.
    Ganz liebe Grüße,
    Tina

    Antwort
  3. 5heringe Autor

    Liebe Tina, vielen herzlichen Dank für Deine Rückmeldung! Oft schreibt man die Sachen ja irgendwie für sich selbst, aber wenn dann andere Herzen davon berührt werden, ist das ein richtiges Geschenk, über das ich mich richtig freue!
    Ganz liebe Grüße zurück und viel Segen! Barbara

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s