Blick zurück nach vorn

Was ist im vergangenen Jahr in den Boden meines Lebens gefallen?
Was musste losgelassen und untergepflügt werden?
Welche Samen wurden gesät, was ist gewachsen und was wurde beschnitten?
Welche Wurzeln möchte ich am liebsten wieder ausreißen?

Das Weizenkorn

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Foto von Juanita Mulder, pixabay

Ich erinnere mich an einen Moment ganz besonders, als ich im Garten meiner elterlichen Wohnung stehe, gerade eben aus dem Krankenhaus zurückgekehrt, wo meine Mutter in der Nacht verstorben ist. Wir haben Mitte Mai. Das Blumenbeet scheint wie ein Meer aus Vergissmeinnicht und leuchtet mir in der späten Vormittagssonne blau entgegen. Auf dem Gras liegt, zart und weiß und flauschig, eine winzig kleine Vogelfeder. Ich hebe sie auf und streiche sacht mit den Fingern darüber.
Noch wollen mein Verstand und mein Gefühl nicht fassen, dass ein geliebter Mensch gerade vom Erdboden verschwunden ist.
Da taucht zum ersten Mal in meinen Gedanken dieser Vers auf: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht“ (Johannes 12,24).
Obwohl der Schmerz noch überwältigend ist, bekomme ich die tiefe Gewissheit geschenkt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Meine Mutter musste ihr Leben loslassen und gehen. Ich musste sie loslassen und habe damit auch ein Stück meiner Kindheit verloren.
Aber ich glaube daran, dass sie nicht ins Nichts gefallen ist, sondern in einen neuen Boden und ein neues Leben gepflanzt wurde, von dem ich noch nichts sehen kann.

Was ich sehen kann, ist der Teppich aus Blüten, der sich vor mir ausbreitet, blau wie die Farbe der Ewigkeit.
Und immer wieder in den kommenden Tagen sehe ich da und dort eine kleine, luftige Vogelfeder auf der Erde liegen, unscheinbar und fast schwerelos.
Ob es stimmt, dass Federn ein Zeichen für die Gegenwart Gottes sind?

Das Weizenkorn ist gesät.
Und ich sehe im Traum meine Mutter, strahlend, gesund und glücklich. Sie trägt Blau…

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Foto von cocoparisienne, pixabay

Marathon
Äußerlich gesehen bin ich viele Schritte gegangen in den vergangenen 12 Monaten. Gefühlt ein Marathonlauf.
Schritte, die mich ins Krankenhaus geführt haben, wackelige Schritte mit Schwindel nach meiner OP und Schritte ins Ungewisse, wie mein Hormonpegel sich ohne Schilddrüse wohl regulieren wird. Das geht erstaunlich gut.
Dann viele Schritte und Fahrten zum Kranken- und Sterbebett. Schritte ans Grab.
Und ganz viele ganz alltägliche Schritte:
Beruflich geht vieles voran, aber immer noch fühle ich mich zeitweise unorganisiert und latent überfordert mit meiner Doppelrolle als Mutter und Berufstätige. Viele Bälle gleichzeitig zu jonglieren, war noch nie meine Stärke. Ich hoffe, dass ich darin besser werden kann.

Die Wochenenden, die ich mir eigentlich immer als Oase der Ruhe, das Auftankens und der Familienzeit herbeisehne, waren randvoll gepackt mit Renovierungsarbeiten und Projekten rund ums Haus, da wir die Einliegerwohnung für meinen Vater fertiggestellt haben, der am Nikolaustag eingezogen ist. An manchen Sonntagen habe ich mich so gefühlt, als könnte ich gerade mal ganz kurz Luft holen, bevor wir uns dann montags alle wieder mit voller Kraft ins Alltagsleben gestürzt haben.
Irgendwie geht ja dann doch immer mehr als man denkt, und so haben wir alle durchgehalten und auch diese anstrengende Phase bewältigt, mit hängender Zunge und etwas k.o., aber noch bei halbwegs klarem Verstand…

Der Boden meines Herzens
Innerlich ist auch ein Stein ins Rollen gekommen, der lange auf meiner Seele gelastet hat. Ich wollte weiter vorstoßen zu der Wurzel meiner Ängste und der Momente, in denen ich mich selbst für mich schäme, mich ablehne oder verurteile. Mühsam erobertes Land war mir wieder abhandengekommen und ich habe gemerkt, dass die Heilung zwar begonnen hatte, aber noch nicht so tiefgreifend stattgefunden hat, wie ich das dachte und wünschte.
Also doch wieder demütig sein, nicht Stärke und Perfektion vortäuschen, sondern wieder mal eine Runde Seelsorge in Anspruch nehmen… (knirsch)- und was soll ich sagen: Manchmal sind die Momente, die wir am liebsten mit schwarzem Edding aus unserer Geschichte rausstreichen wollen, dann die allerbesten. Mit einer liebevollen, erfahrenen und mütterlichen Frau aus unserer Gemeinde habe ich einen Abend lang geredet, gebetet und geweint. Sie hat ihre starke seelsorgerliche Gabe für mich genutzt und glasklare Impulse von Jesus empfangen, die ein ganz neues Licht auf meine unschöne Teeniezeit geworfen haben. Ja- tatsächlich brauche ich noch Trost und Heilung für Dinge, die schon mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Krass. Aber um so großartiger, dass Gott sich an jeden einzelnen Tag meines Lebens erinnert und ihm nicht entgangen ist, wie ich mich damals gefühlt habe. Ich hoffe inständig, dass es nicht noch viele weitere Jahrzehnte braucht, bis ich mich durch alle Schichten meiner Biografie gearbeitet habe. Und wenn doch? Dann gilt: Zu viel Selbstoptimierung ist auch nicht gut…

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Foto von Chesna, pixabay

Die lieben Kleinen und Größeren
Die Kinder werden größer -wer hätte damit gerechnet?!?- und wir merken, dass wir manche Familienaktivitäten gar nicht mehr gemeinsam unternehmen können oder wenn, dann doch nicht mehr lange. Spielplätze, Strandtage und viele der guten alten Spieleklassiker sind bei den beiden Größeren ziemlich out. Dennis und ich brauchen gute Ideen, um trotzdem den Familienzusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken (Anregungen herzlichst willkommen 😉), zumal die Stimmung zwischen den Geschwistern oft angespannt ist. Zwei Beinahe-Teenies machen sich auf den Weg, sich selbst und ihren Platz im Leben neu zu finden, während die Jüngste noch dabei ist, ihre Kindheit und ihren Spieltrieb in vollen Zügen auszuleben. Da prallen manchmal Welten aufeinander…

Was bleibt?
Die Erkenntnis, dass ich mich 2020 nicht so (über-)fordern möchte wie im vergangenen Jahr. In der Gemeinde werde ich wohl ein oder zwei Aufgaben ruhen lassen.
Gelassenheit ist das Fernziel; das ein oder andere Sein-Zu-Lassen immerhin ein Anfang.

Was kommt?
Die Kalender füllen sich von allein. Wenn ich keine Stoppschilder aufstelle, werden sich Aufgaben und Anforderungen einfach in mein Leben hineindrängen und sich frech auf meinen Ausruhplätzen breitmachen.
Raum schaffen möchte ich für Freundschaften, die im vergangenen Jahr zu kurz kamen. Für das Mutter-Tochter-Wochenende mit meiner „Lieblings-Mittleren-Tochter“. Für einen freien Vormittag im Monat, an dem ich rumgammel, im Café sitze, schreibe oder Dekoläden leerkaufe. Und, ganz wichtig: Fürs Gebet, ohne das ich verschrumpeln würde wie so viele meiner Zimmerpflanzen.

Ein frohes, neues Jahr wünscht Euch herzlichst
Barbara

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