Abschiedsschmerz und Hoffnungszeichen

flower-1812470_1280Bild von Michael Schwarzenberger/pixabay

Ihr Lieben,

nicht ganz überraschend, aber am Ende doch überraschend schnell habe ich im letzten Monat meine Mutter verloren.

Sie war schwer krank, hatte aber bis vor wenigen Wochen noch die Zusage der Ärzte, dass es einige Therapieansätze geben würde, die ihr wahrscheinlich helfen und ihre Lebensspanne verlängern würden.
Zu diesen Behandlungen ist es nicht mehr gekommen. Eine zu spät diagnostizierte Lungenentzündung hat sie -zusammen mit anderen Komplikationen- so sehr geschwächt, dass sie vor fünf Wochen gestorben ist.

Hier sitze ich nun und kann diese Tatsache kaum fassen.

Gott hat in den letzten Tagen noch viel Gnade geschenkt: gute Worte, liebevolle Gesten, gemeinsame Gebete.
Und doch hatte sie körperlich einen harten Kampf zu kämpfen, bis sie dann gehen durfte.

Nicht umsonst gibt es den Ausdruck“ Hinterbliebene“. Ich fühle mich allein gelassen, traurig und innerlich ganz wund.  Nicht alle offenen Fragen ihres Lebens konnte meine Mutter noch klären, nicht alle Spannungen, Versäumnisse und Konflikte lösen.
Obwohl (oder vielleicht auch gerade weil) wir am Ende zu einem innigen Verhältnis gefunden haben und unser Abschied ein herzlicher war, wünschte ich mir, dass ich noch Zeit mit ihr verbringen könnte.
Die Tatsache, dass ich sie nicht mehr anrufen kann, keine Briefe und Karten mehr von ihr bekommen werde, ich ihr vieles nicht mitteilen konnte, was sie vielleicht getröstet hätte, ist sehr schmerzlich.
Wer immer von Euch schon eine geliebte Person verloren hat, kann das wahrscheinlich nachempfinden. Es entsteht eine Lücke, die nicht geschlossen werden wird. Ich vermisse meine Ma und kann nichts, aber auch gar nichts unternehmen, um etwas daran zu ändern. Es gibt Momente, da denke ich, dass ich die Ohnmacht und die Trauer gar nicht aushalten kann.

Gleichzeitig ist da noch etwas anderes.
In den Tagen, in denen meine Mutter im Sterben lag und auch noch in den Tagen danach hat Gott mich in eine Decke aus Gnade und Liebe gehüllt. Das klingt kitschig, aber genau so hat es sich angefühlt.
Für Außenstehende hört sich vielleicht vieles unverständlich oder unscheinbar an, was ich erlebt und wahrgenommen habe. Aber für mich waren es Fingerzeige Gottes.
In dieser verletzlichen und ahnungsvollen Zeit, so kurz, bevor jemand diese Welt verlässt und an einen Ort geht, den wir nicht kennen, scheint die unsichtbare Wand zwischen Leben und Tod durchlässiger zu werden. Kann auch sein, dass ich nur besser hingehört habe als sonst und meine Sinne für Gottes Reden geschärft waren:

Göttliches Timing
Gott hat mir und ich glaube auch meiner Mutter einen Herzenswunsch erfüllt: Obwohl ich 750km von dem Wohnort meiner Eltern entfernt lebe, konnte ich in ihren letzten Tagen bei ihr sein. Dreimal habe ich in kurzen Abständen die 1500km zurückgelegt. Mit jedem Mal wurde meine Mama schwächer. Bei meinem letzten Besuch hatte ich das Gefühl, in einem Wettlauf mit der Zeit zu stehen. Während ich im Zug saß, war mein ständiger Gedanke: Werde ich es schaffen? Bin ich rechtzeitig genug, um meine Mutter noch lebend zu sehen?
Ich habe es geschafft.  Oder vielmehr: Gott hat es geschafft. Er hatte mir vorher schon gesagt, dass Er das richtige Timing kennt. Unterwegs mit der Deutschen Bahn wurde mein Vertrauen auf eine harte Probe gestellt- aber Gott hat Wort gehalten.

Übergabegebet
Meiner Mutter ist es ein Leben lang schwergefallen, anderen Menschen zu vertrauen und sich anderen anzuvertrauen. Im Rückblick ist es so, als ob mir Schuppen von den Augen fallen und ich die Puzzlestücke ihrer Lebensgeschichte plötzlich zusammenfügen kann. Ich erkenne, weshalb sie bestimmte Entscheidungen getroffen hat und andere nicht. Ich erkenne, was sie geprägt und was sie belastet hat.
Und weshalb sie es auch bis zum Schluss schwer hatte, sich Jesus anzuvertrauen.
Dennoch- und das bleibt:
Wir haben gebetet.
Sie hat den Schritt getan und Jesus ihr Leben gegeben.

Zweimal in kurzen Abständen hat Gott mich auf die Bibelstelle in Lukas 23 aufmerksam gemacht, auf jenen Moment, wo Jesus schon am Kreuz hängt und neben ihm die beiden Verbrecher. Der eine lästert- der andere betet: „Wirst Du an mich denken, wenn Du in Dein Himmelreich kommst?“.
Ihr kennt die Antwort von Jesus: „Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein.“

Meine Ma kann kein christliches Bilderbuchleben vorweisen. Kein Jüngerschaftstrainingsprogramm. Keine Mitarbeit in einer Gemeinde. Kein Hauskreis. Nicht mal Kirchenchor.
Nur ein winzig kleines Pflänzchen Glauben, das da und dort zum Vorschein kam, angefochten und verzagt, und von dem ich doch denke, dass Jesus es liebevoll angeschaut und zu meiner Mutter gesagt hat: „Noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein.“

Liebe
Wie selten zuvor hat die plötzliche dramatische Wende am Ende ihres Lebens die Familie zusammengebracht. In den letzten Tagen vor ihrem Tod war ununterbrochen jemand von uns bei ihr. Es gab gute und intensive Gespräche. Keine allumfassende Aufarbeitung und Versöhnung- dazu hat dann doch die Kraft gefehlt. Aber Nähe und Fürsorge und Wertschätzung.

Als meine Mutter schon tot ist, denke ich: Wozu eigentlich das Ganze? Wie viele Abschiede werde ich noch verkraften müssen? Was ist denn bitteschön der Sinn des Lebens, wenn alles vergänglich ist und wir am Ende alles verlieren?
Fast im gleichen Moment bekomme ich eine Antwort. Sie ist nicht vollkommen und allumfassend, aber für mich passt sie, hier und jetzt, auf der Palliativstation im Sterbezimmer:
Liebe.
Die Liebe gibt allem einen Sinn. Die Liebe hat immer Kraft. Die Liebe ist nie umsonst. Sie geht nie zu Ende.
Und die Liebe, der ich glaube, ist sogar stärker als der Tod.
Wenn ich liebe- mich selbst, meine Familie, meine Freunde, meinen Nächsten, Gott- dann bin ich im Zentrum meiner Bestimmung. Ich werde straucheln und scheitern dabei, aber ich möchte dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren.

dandelion-333093_640
Bild von Christian Fraaß/pixabay

Meine Mutter ist gestorben.
Ich glaube, sie ist im Himmel, auf einer Blumenwiese, weil sie Blumen so sehr mochte.
Als sie ihren letzten Atemzug getan hat, möchte ich für mich selbst ein Zeichen setzen. Ich setze mich noch einmal neben sie. Dann höre ich Matt Maher zu, wie er singt:

 „Christ is risen from the dead, trampling over death by death
Come awake, come awake, come and rise up from the grave.
Christ is risen form the dead, we are one with him again,
Come awake, come awake, come and rise up from the grave.

Oh, death, where is your sting
Oh, hell, where is your victory
Oh Church, come stand in the light
The glory of God has defeated the night”

(Matt Maher, Christ is risen)

Bald werde ich dieses Krankenhauszimmer, wo jetzt nur noch ihre Hülle liegt, verlassen und meine Mutter erst im Himmel wiedersehen.
Aber ich nehme etwas mit von hier, was ich längst wusste und was ich gerade neu lerne:

Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und die Liebe.
Von diesen dreien ist die Liebe das Größte.
(1. Korinther 13, 13)

poppy-515104_640
Bild von cocoparisienne/pixabay

10 Gedanken zu „Abschiedsschmerz und Hoffnungszeichen

  1. rausausderaffenfalle

    Liebe Barbara, danke für diese ehrlichen, traurigen und mutmachenden Zeilen, mit denen du Einblick in den Abschied von deiner Mutter gibst. Ich wünsche dir neben aller Trauer weiterhin eine Decke aus Trost und Liebe vom Vater. ❤

    Antwort
  2. Jojo

    Liebe Barbara, danke für deine offenen Worte. Ich wünsche dir, dass du in Jesus Gegenwart viel Trost und Geliebtsein erlebst. Sei gesegnet! Johanna

    Antwort
    1. 5heringe Autor

      Liebe Johanna, das hast Du sehr schön gesagt und genau das brauche ich : Geliebtsein in der Gegenwart von Jesus. Das probiere ich jetzt gleich aus ;-)! Danke Dir vielmals für Deine Zeilen und liebe Grüße, Barbara

      Antwort
  3. FamilienLebenmitGott

    Liebe Barbara, ich könnte deine Worte von der durchlässigen Wand so gut verstehen, so empfand ich das auch… Ich umarme dich aus der Ferne. Gott sammelt deine Tränen, keine geht verloren. Er segne dich und gebe dir die Kraft seiner Nähe für jeden neuen Tag. Liebe Grüße, Martha

    Antwort
    1. 5heringe Autor

      Liebe Martha, ganz herzlichen Dank für Deine liebevollen Worte und für Deine Anteilnahme! Das tut richtig gut! Und wie schön, zu wissen, dass Gott wirklich jede Träne sieht- das ist einfach so tröstlich!
      Dir und Deiner ganzen Familie wünsche ich ganz viel Segen zurück und eine richtig tolle Sommerzeit!
      Liebe Grüße, Barbara

      Antwort
  4. antschana

    Liebe Barbara,
    vielen Dank, dass du dein wundes Herz mit uns teilst. Beim Lesen kamen mir so die Tränen und ich freue mich so sehr, dass deine Mama Jesus gefunden hat! Dann kann ich ihr im Himmel dann hallo sagen… ❤
    Ich wünsche dir, dass du die Trauer und den Schmerz bei Jesus aushalten kannst und Er dir Trost und Heilung dabei schenkt…
    Von Herzen umarmt und gesegnet! Antschana

    Antwort
    1. 5heringe Autor

      Liebe Antschana,
      danke Dir, dass Du so herzlich Anteil nimmst!!
      Und ich freue mich, dass Du meine Mama im Himmel treffen möchtest :-)!! Der Gedanke an die Ewigkeit ist ein so starker Trost. Manchmal kommt mir die Vorstellung vom Himmel auch zu schön vor, um wahr zu sein. Und dann bekomme ich doch wieder Gewissheit und Frieden und spüre, dass es eine unsichtbare Realität gibt, die eigentlich ganz nahe ist… ach, das klingt jetzt so verworren und mystisch, aber eigentlich meine ich ganz einfach Jesus 😂!
      Ich grüße Dich ganz herzlich zurück 😘!
      Barbara

      Antwort
  5. Sonja

    Liebe Barbara, danke, dass du dein Herz teilst. Ich wünsche dir viel Kraft, Trost und Frieden, jeden Tag neu. Die Decke aus Gnade und Liebe ist toll – ich habe das auch schon erlebt, es ist total übernatürlich und doch irgendwie „normal“ im Sinne von: So sollte das sein mit Gott. Von diesen Zeiten wünsche ich dir zuhauf. Sei umarmt!

    Antwort
  6. 5heringe Autor

    Liebe Sonja,
    Gott scheint zu wissen, dass wir seine Nähe in Zeiten von Abschied und Loslassen ganz besonders brauchen… und dann kommt er ganz mütterlich und kümmert sich um uns. Schön, dass Du das auch so erleben konntest. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, so etwas zu erleben, ohne dass Jesus mich tröstet und hält. Deswegen bin ich auch so dankbar, dass bei der Trauerfeier ein gläubiger Pfarrer gepredigt hat (meine Mutter ist ja selten in die Kirche gegangen und hatte keine feste Gemeinde) und dass all meine Verwandten das Evangelium gehört haben. Das war nochmal eine richtig tolle Fügung von Gott!!!

    Dir und Deinen Lieben eine wunderschöne Sommerzeit und viele liebe Grüße,
    Barbara

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s